Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Musikautomaten aus Leipzig eroberten die Welt
Leipzig Lokales Musikautomaten aus Leipzig eroberten die Welt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:11 14.04.2018
Birgit Heise an einem Ariston. Mit diesem Gerät begann die Blütezeit der Leipziger Musikautomatenproduktion. Quelle: Dirk Knofe
Anzeige
Leipzig/Elstertrebnitz

In der Eisenmühle Elstertrebnitz, etwa 25 Kilometer vor den Toren Leipzigs an der Bundesstraße 2 gelegen, lebt Jost Mucheyer einen Traum. Seit sich die Familie aus Schwaben 2007 in dem denkmalgeschützten Anwesen am Elstermühlgraben niederließ, haben Anne-Sabine und Jost Mucheyer nicht nur das Industriedenkmal wieder auf Vordermann gebracht, seitdem schuf er auch ein neues Zuhause für seine Sammlung mechanischer Musikinstrumente. Klaviere, Orchestrien, Blechplatten- und Walzen-Spieluhren sowie vieles mehr nennt der Sammler sein Eigen. Das älteste Exponat stammt aus dem Jahre 1800, das jüngste wurde in der Neuzeit gefertigt. Jedes Stück erzähle eine besondere Geschichte. Seit den Anfängen seiner Leidenschaft restauriert der studierte Maschinenbauer, der einst bei Bosch in der Konstruktion arbeitete, die Wunderwerke der Mechanik aus dem 19. und 20. Jahrhundert zum Großteil selbst. Im Mühlengebäude haben sie mittlerweile ein Domizil gefunden, das auch regelmäßig Besuchern offensteht (Schnupperführungen jeden Sonntag um 15.30 Uhr; www.eisenmuehle.de).

„Doch eigentlich gehören diese Schätze nach Leipzig“, ist Mucheyer überzeugt. „Leipzig war um 1900 Europas Hauptstadt selbstspielender Musikinstrumente. Circa 120 Firmen produzierten hier für Kunden in aller Welt“, betont der 64-Jährige. Dass dieses Erbe weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist, wurmt den Sammler. „Als ich um den Jahreswechsel in der LVZ den Beitrag über das gute alte Ariston las, freute mich das sehr. Allerdings gab es nicht nur diesen Automaten“, wirbt Mucheyer zugleich für mehr Aufmerksamkeit auch gegenüber allen anderen Instrumenten dieser Art.

Birgit Heise, promovierte Musikwissenschaftlerin an der Universität Leipzig, teilt Mucheyers Faible für die in Vergessenheit geratenen Instrumente. Mehr noch: Sie hat deren Geschichte erforscht. „Zehn Jahre lang habe ich mich intensiv damit beschäftigt, wie es dazu kam, dass zwischen 1880 und 1930 der Bau dieser Instrumente hier zu solch Blüte gelangte“, sagt Heise. Vieles sei bislang nur vermutet worden. „Ich konnte aus dem Studium umfangreicher Quellen wirklich neue Erkenntnisse gewinnen. Leipzig war eben nicht nur vom Hörensagen Welthauptstadt für den massenhaften Bau akustischer Instrumente, die selbst spielten. Ich konnte nachweisen, dass hier 90 Prozent der Weltproduktion der Blechplattenspieluhren gefertigt wurden. Rund 3000 Arbeitsplätze waren alleine in Leipzig damit verbunden. Als aber Tonfilm, Grammophon und Radio aufkamen, war urplötzlich Schluss. Dass Lochplattenspielwerke aller Art, die in Leipzig erfunden worden waren, geradezu in Vergessenheit gerieten.“

In ihrem Online-Lexikon, das bereits rege genutzt werde, aber auch in der Sonderausstellung „Leipzigs klingende Möbel“, die Ende 2015 binnen drei Monaten rekordverdächtige 4500 Besuchern ins Musikinstrumentenmuseum lockte, machte Heise ihr Wissen bereits öffentlich. „Die Leute waren begeistert! Viele kamen mehrfach, um die Raritäten, die uns viele Sammler aus dem gesamten Bundesgebiet geliehen hatten, zu hören.“ Allein wenn sie daran denke, könne sie Mucheyers Traum nachvollziehen, in Leipzig „Deutschlands Museum selbstspielender Instrumente“ zu etablieren. „Das wäre wirklich toll. Vielleicht wäre Hupfeld ja eine denkbare Adresse“, greift sie Mucheyers Traum auf. Ob er wahr wird?

Fest steht derweil der Termin, an dem Birgit Heise ihre Habilitationsschrift „Leipzig als Zentrum der Musikautomatenproduktion 1880 – 1930“ beim Tag der offenen Tür in der Eisenmühle präsentiert. „Das passiert am 10. Juni von 13 bis 18 Uhr in Elstertrebnitz. Dann soll auch wieder Hupfelds herrliches Orchestrion erklingen.“

Um das Warten bis dahin zu verkürzen, erinnern wir dank freundlicher Unterstützung von Birgit Heise und Jost. Mucheyer mit einer Beitragsfolge an fünf prominente Vertreter dereinst so namhaften Zunft. Den Auftakt machen die Musikwerke Phönix.

Von Cornelia Lachmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das gerät langsam in Vergessenheit: Der Grundstein für den Aufschwung der Musikwerke-Industrie in ganz Deutschland wurde in Leipzig gelegt. Verantwortlich dafür zeichnete Paul Ehrlich. Seinem Beispiel folgten die Musikwerke Phönix, Schmidt & Co. Sie begannen 1886 mit der Produktion von Organetten.

14.04.2018

2017 wurden im gesamten Leipziger Stadtgebiet nur noch 117 Baugrundstücke für Eigenheime, Reihen- und Doppelhäuser verkauft. Das waren halb so viele wie im Jahr zuvor und so wenig wie noch nie seit der Deutschen Einheit.

17.04.2018

Nur 500 Gramm hat Frühchen Sonja vor rund einem Jahr gewogen. Dazu litt sie an einer angeborenen Speiseröhrenerkrankung. Ein Team von Leipziger Ärzten half der kleinen Sonja durch das erste Lebensjahr.

13.04.2018
Anzeige