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„Musste um mein Leben kämpfen“: Leipziger berichtet über seine Rettung von Costa Concordia

„Musste um mein Leben kämpfen“: Leipziger berichtet über seine Rettung von Costa Concordia

 Leipzig. Er sitzt an der Bar und will sich gerade einen Cocktail bestellen, als das Unglück passiert. „Alle Gläser fielen herunter und das Schiff begann plötzlich zu kippen“, beschreibt Matthias Hanke den Moment, als die Costa Concordia am Freitagabend vor der Insel Giglio einen Felsen rammt.

Der 38-Jährige aus Markranstädt bei Leipzig überlebt die Tragödie nur knapp. Er muss durch den überfluteten Luxusliner schwimmen, um sich zu retten, und sieht, wie mehrere andere deutsche Urlauber in einen Aufzugsschacht gerissen werden. „Nur weil ich mich festkrallen konnte, habe ich überlebt“, sagt Hanke mit zittriger Stimme.

„Es war gegen 21.30 Uhr, wir waren gerade mit dem Abendessen fertig, da gab es plötzlich ein knarrendes Geräusch“, erzählt der Markranstädter, der mit seinem Bekannten Marcel Zuhn aus Weißenfels bereits den siebten Urlaubstag auf dem Schiff verbringt. Als sich die Costa Concordia leicht zur Seite neigt, macht sich der erfahrene Kreuzfahrer erst einmal keine Sorgen. „Es erklang eine Durchsage, dass es Generatorprobleme gibt, aber dass alles unter Kontrolle ist und keine Gefahr besteht“, so Hanke im Gespräch mit LVZ-Online.

Verzweifelte Suche nach einem Rettungsboot

Erst als ein zweiter Ruck durch das Schiff geht und sich der knapp 300 Meter lange Luxusliner immer stärker neigt, wird ihm und seinem 42-jährigen Freund der Ernst der Lage klar. „Dann kam die Durchsage, dass alle Passagiere in ihre Rettungsboote steigen sollen“, berichtet Hanke. Dies sei jedoch unmöglich gewesen. „Es war dramatisch. Frauen und Kinder wurden dort weggeschubst. Wir standen ganz hinten und hatten keine Chance.“

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Matthias Hanke ist zurück bei seiner Familie. Der Leipziger überlebte das Unglück auf der Costa Concordia nur knapp.

Quelle: Regina Katzer

Die beiden Männer eilen zur anderen, nach oben gerichteten Seite des Schiffs, wo die Rettungsinseln herabgelassen werden. Ein Platz darin wird ihnen jedoch verwehrt. „Man sagte uns, die Inseln seien nur für die Crew und wir müssten zur anderen Seite des Schiffes gehen.“

Auf dem Weg dorthin treffen die beiden Freunde zwei ältere Damen aus Offenbach, die von der Crew ebenfalls weggeschickt worden sind. Weil sie kein Englisch sprechen können, helfen ihnen Hanke und Zuhn. „Das Schiff war da aber schon so weit zur Seite gekippt, dass man nicht mehr laufen konnte. Überall war Wasser und Zerstörung. Es war bloß noch Panik.“

Dramatische Szenen am Fahrstuhl: Deutsche Passagiere stürzen ab

An einem Aufzugsschacht spielt sich dann die schreckliche Szene ab. Die Tür des teilweise mit Wasser gefüllten Fahrstuhlschachts, an den die beiden etwa 70 Jahre alten Frauen lehnen, bricht plötzlich nach innen auf und reißt sie in die Tiefe. „Alles was ich noch hörte, war ein kurzer spitzer Schrei. Ich weiß nicht, ob sie überlebt haben“, sagt Hanke. Die beiden Frauen gelten ebenso wie mehrere weitere deutsche Passagiere bislang noch als vermisst. Hanke und Zuhn haben viele von ihnen möglicherweise als Letzte lebend gesehen.

Der Leipziger kann sich irgendwo festhalten und entkommt so dem fatalen Sog im Aufzugsschacht. Eine Schwimmweste trägt er nicht, sie liegt noch in seiner Kabine auf Deck 8. Kurz darauf wird er durch das aufsteigende Wasser weggespült. „Die Handtasche einer der Frauen hatte ich noch an meinem Bein, verlor sie aber wieder“, berichtet Hanke. Von seinem Freund ist der 38-Jährige von da an getrennt, findet sich schließlich im stockdunklen Atrium wieder, das voller Wasser steht. „Ich war völlig allein und konnte mich gerade noch an ein Geländer klammern. Aber von da an ging es nicht mehr weiter.“

Verzweifelt schwimmt und taucht Hanke, nur mit einem T-Shirt bekleidet, durch den riesigen Saal. „Ich musste um mein Leben kämpfen, wollte raus ins Trockene. Aber im eiskalten Wasser war es schwer, die Kräfte zu sammeln und sich zu konzentrieren.“ Plötzlich flackert ein Licht am anderen Ende des Raumes und Hanke schreit nach Hilfe. Drei Crew-Mitarbeiter hören ihn. „Here is the exit“, rufen sie ihm zu und ziehen ihn schließlich aus dem Wasser. „Das waren die schönsten Worte, die ich je gehört habe“, sagt Hanke rückblickend. „Diesen Crew-Mitgliedern verdanke ich mein Leben.“

„Die Bilder in meinem Kopf werde ich nicht mehr vergessen“

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Das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia in Schräglage vor der toskanischen Küste. Das Schiff war am Freitagabend mit mehr als 4200 Menschen an Bord gegen einen Felsen gelaufen.

Quelle: dpa

Mit einer Strickleiter wird der Leipziger schließlich zu einem Boot der Küstenwache abgeseilt und an Land gebracht – als einer der letzten der gut 4000 Passagiere. „Ich hatte weiche Knie und habe erstmal nur noch geheult“, erzählt er. Auf der Insel trifft Hanke auch seinen Freund Marcel Zuhn wieder. Beide werden in ein Krankenhaus gebracht, wo Ärzte feststellen, dass Hankes Blutwerte nicht in Ordnung sind. „Der Verdacht auf einen Herzinfarkt hat sich bislang aber nicht bestätigt. Das kann laut Ärzten auch durch das Stresserlebnis kommen.“ Bei seiner Rettung aus dem Schiff zieht sich Hanke jedoch eine schmerzhafte Rippenprellung zu, Zuhn verletzt sich an einem Halswirbel.

Noch am Samstagabend verlässt der 38-Jährige die italienische Klinik, um so schnell wie möglich zu seiner Familie zu kommen. Seine Frau Birgit hat er nach der Rettung um 5 Uhr nur kurz telefonisch informieren können, weil sein Handy noch im Schiff liegt. Von Rom aus fliegt er am Sonntag über München nach Leipzig, wo ihn seine Frau und seine drei Kinder unter Tränen in die Arme schließen.

Auch zwei Tage nach dem schrecklichen Unglück an der Toskana-Küste steht der Leipziger noch immer unter Schock von der vermeintlichen Traumschiff-Reise, die sich für ihn und rund 4200 andere Menschen in einen Alptraum verwandelte. „Die Bilder in meinem Kopf werde ich nicht mehr vergessen“, ist er sich sicher. Die Lust auf Kreuzfahrten lässt sich der Luxusliner-Fan trotz der traumatischen Erlebnisse nicht nehmen: „Ich würde es wieder machen.“

Von ihrer dramatischen Rettung berichten Matthias Hanke und Marcel Zuhn am Mittwoch auch bei Stern TV auf RTL (22.15 Uhr).

Robert Nößler

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