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Lokales "Nach 20 Kilometern Radtour will er 40"
Leipzig Lokales "Nach 20 Kilometern Radtour will er 40"
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14:56 19.05.2015
Gerhard Baumann hat den Leipziger Border Collie Henry (rechts) unter seine Fittiche genommen, bildet ihn nun neben dessen neuer Gefährtin Amsel zum Schafehüten auf den Röthaer Schlosswiesen aus. Quelle: André Kempner

Tierärzte und Tierschützer raten dazu, sich die Rassen und ihre Eigenarten vor der Anschaffung eines Hundes genau anzusehen.

Im Auto spürt Felicitas (*Name geändert) aus Leipzig ein leichtes Kribbeln. Die Nervosität, "ihren" Hund Henry wiederzusehen, meldet sich. Drei Jahre lang hat er sie freudig an der Tür begrüßt, konnte sie beim Spiel mit dem schwarz-weißen Border Collie die langen Schulstunden vergessen. Doch seit einiger Zeit lebt der Hund bei einem Schäfer in Rötha. Wochenlang hat sie auf diesen Ausflug gewartet. Hat nachts von Henry geträumt, am Tag bei der großen Schwester Trost gesucht. "Wenn es ihm nicht gut geht", sagt die 13-Jährige resolut, "dann nehm' ich ihn eiskalt wieder mit."

Der erste Blick auf das neue Zuhause des Lieblings: nicht gerade anheimelnd. Schlamm, eine unbeheizte Scheune, ein großer Funkmast. Doch dahinter: Weite. Ein Damm führt an das Ufer der Pleiße, dann kommt nur noch Wald. Vor dem Hof weiden die Schafe. Kaum hat Henry das Mädchen freudig begrüßt, tollt er gemeinsam mit Amsel, seiner neuen Gefährtin, auf dem Gelände herum.

Viele Hunde sind auch bei vollem Einsatz ihrer Halter nicht ausgelastet - Henry war einer von ihnen. Die morgendliche Joggingrunde durch den Park, die Hunde-Spielwiese am Nachmittag, die Fahrradtour am Wochenende - alles nur Tropfen auf den heißen Stein. "Mit Hütehunden wie dem Border Collie können Sie an einem Tag eine 20-Kilometer-Radtour unternehmen, dann will er am nächsten 40", weiß Michael Sperlich, Geschäftsführer des Ersten Freien Tierschutzvereins Leipzig und Umgebung und Chef des Breitenfelder Tierheims. "Davon wird er fit, aber nicht zufrieden. Diese ausgeprägten Arbeitstiere brauchen entweder eine Aufgabe in der Landwirtschaft oder einen Halter, der ihren Fleiß zu seinem Hobby macht."

Henry dagegen lag an vielen Tagen allein im stillen Haus. Er raste auf ausgetretenen Pfaden am Zaun entlang, begann sich die Haare aus dem Schwanz zu zupfen. Fiel der Ausflug am Wochenende wegen anderer Termine aus, hatte die ganze Familie ein schlechtes Gewissen. Noch war der dreijährige Border Collie nicht krank, wie viele seiner Rasse es werden, wenn die Langeweile zum Dauerzustand ausartet. Doch der Leipziger Tierarzt Manfred Seeliger sah sich den Hund vor ein paar Monaten an und empfahl, eine neue Aufgabe für ihn zu suchen. Der Veterinär hat selbst einen Border Collie und weiß, was für besondere geistige und physische Anforderungen die Rasse stellt. "Auch bei mir war das ein Erkenntnisprozess, und daher weiß ich, wie es gut gehen kann, aber eben auch, wann es nicht funktioniert." Hütehunde seien etwas ganz Besonderes: "Sie werden wirklich krank, wenn ihre Halter keine Möglichkeiten für sie entwickeln." Zwar könnten sich die meisten Menschen in seiner Praxis gut einschätzen und wählten den richtigen Hund aus. "Aber dass Hütehunde so beliebt geworden sind, ist ein echtes Problem", zeigt sich der Tierarzt auch kritisch gegenüber einer manchmal oberflächlichen Gesellschaft. So erlebten Dalmatiner nach der überaus erfolgreichen Disney-Produktion einen Riesen-Boom, dabei haben sie meist keinen Nerv für Kinder. Der Russel Terrier sieht klein und frech aus, ist aber beileibe keine Sofarolle, sondern ein Jagdhund, der seine Beute notfalls im Bau stellt. Kein Wunder, dass diese Rasse einen starken Charakter hat und auch aggressiv werden kann. Der gerne als Promi-Accessoire gehandelte Beagle ist ebenfalls ein ausgeprägter Jagdhund, der wie ein Kraftpaket an der Leine zieht.

Tierheim-Chef Sperlich erlebt oft genug das traurige Ende einer solchen Fehlentscheidung: "Es ist utopisch zu glauben, dass 130 Hunde im Tagesbestand im Tierheim besser ausgelastet sind." Und so findet er drastische Worte, wenn er davon spricht, dass Hunde eben nicht "nach der süßen Fresse" ausgewählt werden sollten. "Vielmehr muss man sich vorher genau mit den angezüchteten Eigenarten jeder Rasse beschäftigen", rät er. Golden Retriever sind beispielsweise gute Familien- und Stadthunde, die immer seltener werdenden Pudel und Whippets auch.

Für Henry beginnt in diesen Tagen seine Ausbildung im zweiten Leben - als Hütehund einer Schafherde. Zunächst musste er lernen, den Katzen nicht mehr hinterherzujagen, das würde ihn von seiner Aufgabe ablenken. Als der Border Collie gemeinsam mit Amsel wieder in sein Scheunen-Abteil trottet, treffen sich die Blicke von Hund und Kind ein letztes Mal. "Da wurde mir klar - er weiß, dass er immer noch zu unserer Familie gehört. Nur dass es ihm jetzt besser geht, und er neue Freunde gefunden hat", sagt Felicitas.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.01.2014
Stephanie von Aretin

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