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Lokales Nach Querschnittslähmung: Patient läuft wieder
Leipzig Lokales Nach Querschnittslähmung: Patient läuft wieder
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10:40 13.10.2018
Zweimal in der Woche trainiert Ronny Müller heute mit Laura Kozlowski am neuen robotergestützten Gangtrainer Lokomat. Die Fortschritte beindrucken seinen Arbeitgeber und die Freiwillige Feuerwehr in seinem Heimatort: Beide wollen, dass der Querschnittsgelähmte wieder bei ihnen mitmacht. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Im Juni ist er in seinem Heimatort zum Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr gewählt worden – und das, obwohl er im Rollstuhl sitzt. Denn Ronny Müller ist querschnittsgelähmt und kann froh sein, dass er überhaupt noch lebt. Aber der 43-Jährige ist voller Optimismus. „Ich will wieder laufen können“, sagt der Vater von zwei Kindern. Und trotz zahlreicher Rückschläge macht er Fortschritte, die Experten für unmöglich gehalten haben.

Ronny Müller hat es im Januar 2017 „aus heiterem Himmel“ getroffen, wie er sagt. Er saß mit seiner Frau und den beiden Kindern beim Abendessen in seinem Häuschen im sachsen-anhaltischen Luckenau, zwölf Kilometer vor Leipzig. Plötzlich machten sich starke Rückenschmerzen bemerkbar und er nahm Schmerztabletten, um sie zu dämpfen. Doch am nächsten Morgen war alles noch viel schlimmer. „Ich wollte aufstehen, aber es ging nicht mehr.“

Seine Frau rief einen befreundeten Arzt an. „Wir vermuteten, dass es ein Bandscheibenvorfall sein könnte“, erzählt der heute 43-Jährige. Der Arzt setzte deshalb eine Schmerzspritze, die dann zwei Stunden wirkte. „Doch aufstehen konnte ich trotzdem nicht.“ Jetzt musste ein Notarzt alarmiert werden.

Kurze Zeit später wurde der 95-Kilo-Mann von drei Rettungssanitätern über die gewendelte Treppe seines Hauses ins Erdgeschoss getragen und in ein sachsen-anhaltisches Krankenhaus gefahren. Dort entdeckten Ärzte ein unklare Vorwölbung an einer Bandscheibe, die auf den Spinalkanal drückte, in dem sich das Rückmark befindet. „Ich weiß von diesen ersten Tagen so gut wie nichts, weil ich nur mit Schmerzmitteln versorgt wurde“, erzählt der Familienvater.

Doch dann platzte der Abzess und der Inhalt – eine Eiterflüssigkeit – floss direkt ins Rückenmark und löste durch den entstehenden Druck eine Querschnittlähmung aus.

Drei Notoperationen waren im Klinikum Bergmannstrost in Halle (Saale) notwendig, um ihn wieder zu stabilisieren. Doch die Querschnittlähmung blieb und die Ärzte der Spezialklinik machten Müller keine Hoffnung mehr, dass er jemals wieder laufen könnte. „,Finden Sie sich damit ab’ war die Ansage“, erinnert sich Müller noch heute an diesen schrecklichen Tag.

Anschließend lernte er in einer Reha, sich selbstständig in einen Rollstuhl zu hieven. 20 Wochen lang bewegten dort Physiotherapeuten seine Beine und mobilisierten seine Gelenke. „In den letzten Wochen konnte ich wieder meine Zehen bewegen“, schildert er. „Zuerst die Großen, dann die Kleinen. Und dann einen Fuß.“ Schließlich wurde ihm sogar ein hochmodernes Stützskelett angelegt – ein am Körper tragbares Roboter-Skelett, ein sogenanntes Exoskelett der Firma Rewalk, in dem Sensoren und Motoren die Arbeit der gelähmten Muskeln und Nerven übernahmen. Damit konnte er so zumindest wieder kurz stehen und einige wenige Schritte gehen.

Training an der Leistungsgrenze

„Das war wie ein Wunder“, meint Müller heute. Aber mehr gelang ihm trotz aller Anstrengungen nicht. Vom Stillstand frustriert, brach er die Reha schließlich ab: Er hatte durch Zufall gehört, dass es in Leipzig ein Neuroorthopädisches Zentrum für Physio- und Ergotherapie (NOZ) gibt, das Querschnittgelähmten und anderen neurologisch Betroffenen neue Möglichkeiten bietet und viel Erfahrung hat.

Als er im Frühsommer 2017 im Zentrum im alten Amtshof 2-4 vorsprach, war man dort gerade dabei, den Einsatz eines sogenannten Lokomaten vorzubereiten – eine andere Form eines Gangtrainers mit ähnlichen Vorteilen wie dem Exoskelett, das Müller schon in der Reha kennengelernt hatte. Es ist das erste seiner Art in Leipzig und Umgebung und im Gegensatz zum Exoskelett bietet es für deutlich mehr Patienten die Möglichkeit auf einem Laufband in einer sicheren Situation zu gehen. Das Leipziger Team von Physio- und Ergotherapeuten um Chef Thomas Mischker warnte vor überzogenen Erwartungen: Bislang gebe es nur wenige Praxistests mit der neuen Technik, hieß es. Und wenn überhaupt ein weiterer Erfolg erzielt werden könne, dann nur, wenn Müller bis an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit und darüber hinaus gehe. „Das Gerät löst im sensorischen Zentrum des Gehirns zunächst einen Reiz aus, dass sich in den Beinen wieder etwas bewegt“, schildert Mischker. „Denn es wird ein sehr physiologisches Gangbild erzeugt. Dadurch erhält der Patient wieder eine Idee vom ‚normalen Gehen‘ und kann in der Folge deutlich mehr Muskeln ansteuern. Es fördert auch andere Bereiche wie das Herz- Kreislaufsystem oder senkt die Spannung bei sehr spastischen Patienten.“

Ronny Müller ließ sich darauf ein und kam zunächst dreimal in der Woche für jeweils zwei Stunden ins Zentrum und arbeitet neben dem Lokomaten auch in der Physio- und Ergotherapie. Im ‚Ganglabor‘ der Einrichtung fährt er dort mit seinem Rollstuhl auf ein Laufband, bekommt Gurte umgeschnallt und wird dann automatisch in die Höhe gehievt. Während er dort in den Gurten hängt, werden an seine gelähmten Beinen Manschetten geschnallt, in die kleine Motoren integriert sind. Sie bewegen die Unter- und Oberschenkel wie beim Laufen, ohne das Müller sein Gewicht auf den Beinen spürt. Dann wird das Laufband unter ihm langsam in Bewegung gesetzt und er so tief heruntergelassen, dass seine Füße das Band berühren. Zunächst übernehmen die Motoren das Gehen auf dem Laufband, dann wird ihre Kraft gedrosselt und Müller muss mit seinen eigenen Muskeln nachhelfen. „In der Regel läuft er 35 Minuten“, erzählt die Therapeutin Laura Kozlowski, die ihm dabei hilft. „Er legt so 1000 bis 1200 Meter zurück – an guten Tagen sogar 1500.“

Zum ersten Mal war Müller im August 2017 auf dem Lokomaten, heute sind seine Muskeln und Nerven so weit, dass er wieder alleine stehen kann. Für Querschnittgelähmte ist das ein wichtiger Erfolg, denn das erleichtert den Alltag ungemein. „Ich kann wieder alleine aufstehen und auch das Aussteigen aus einem Auto fällt mir deutlich leichter“, beschreibt Müller die Fortschritte. Mit einer Gehbank und einem Rollator kann er sogar wieder selbstständig gehen. „Bei mir zu Hause laufe ich so fast jeden Tag auf dem Hof.“

Rückkehr in sein Unternehmen

Der Familienvater hat sich auch ein Hand-Bike zugelegt – also ein Liegefahrrad, das per Hand angetrieben wird – und macht damit Radtouren. „Ich fühle mich danach gut und bin fitter“, erzählt er.

Seine Therapeuten im NOZ sind mit ihm zufrieden. „Diese Fortschritte haben wir so schnell nicht erwartet“, sagt Mischker. „Wir gehen jetzt davon aus, dass wir noch weiter voran kommen. Es gibt durchaus Patienten, die es bei uns geschafft haben, wieder selbstständig zu gehen. Zum Beispiel von zu Hause bis zur nächsten Haltestelle, um mit der Straßenbahn zur Uni zu fahren.“

Auch Müllers Arbeitgeber – ein Betrieb, der Abgassysteme aus Edelstahl produziert – ist von den Fortschritten angetan. Er will ihn wieder als Innendienstler beschäftigen und ihm einen geeigneten Arbeitsplatz einrichten.

Auch die Freiwillige Feuerwehr in seinem Heimatort ist beeindruckt. Müller ist dort seit 25 Jahren Mitglied und wurde im Juni zum Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Hohenmölsen gewählt. Weil er dafür noch einige Lehrgänge absolvieren muss und die Feuerwehrschule Sachsen-Anhalt weder barrierefrei noch rollstuhlgerecht ist, wird er sie in der Feuerwehrschule Sachsen absolvieren. „Ich fahre jetzt nicht mehr selber zu Einsätzen, sondern bin der, der ganz oben die Strippen zieht“, erzählt er. Aktuell hieven ihn noch zwei Kameraden die Treppe zur Einsatzzentrale hoch, demnächst soll ein Treppenlift eingebaut werden. Müller ist damit wohl der erste Querschnittgelähmte, der als Wehrleiter einer Feuerwehr aktiv ist.

Doch der Familienvater will noch mehr. „Ich will wieder richtig laufen können“, sagt er.

Von Andreas Tappert

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