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Lokales Nach sechs Jahren in Leipzig: Komponist und Musiklehrer Zhebo soll ausreisen
Leipzig Lokales Nach sechs Jahren in Leipzig: Komponist und Musiklehrer Zhebo soll ausreisen
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18:08 31.08.2017
Zhebo unterricht aktuell etwa 30 Schüler im Bereich Komposition, Klavier oder Gitarre.  Quelle: privat
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Leipzig

 Zhebo hat keinen Nachnamen. Als Spross einer Nomadenfamilie aus der Inneren Mongolei wird man ohne einen solchen geboren, erzählt er. Was im Norden Chinas alltäglich ist, sorgt in Leipzig dagegen manchmal für Verwirrung, vor allem bei Behörden. Seit sechs Jahren lebt der 33-Jährige an der Pleiße, ist als Komponist und Musiklehrer im Süden der Messestadt eine Institution. Um Konfusionen in Ämtern zu vermeiden, führt Zhebo inzwischen auch einen Nachnamen. Glück hat ihm diese Ergänzung bei der Verwaltung allerdings nicht gebracht. Ende des Jahres soll Zhebo seine Koffer packen und wieder ausreisen.

Bevor er 2011 nach Leipzig kam, lebte der chinesische Staatsbürger bereits fünf Jahre lang in Deutschland. „Ich war schon als Kind von der Musik von Johann Sebastian Bach fasziniert“, erzählt er gegenüber LVZ.de. Zhebo studierte Komposition in seiner Heimatstadt Hohhot, bewarb sich anschließend an der Hochschule für Musik in Karlsruhe und wurde in die Klasse des renommierten Karlsruher Komponisten Wolfgang Rihm aufgenommen. 2009 konnte er erst das Diplom-Studium, vier Jahre später auch das Konzertexamen mit Bestnote und Auszeichnung abschließen.

Komposition und Musikunterricht – von Klassik bis Death Metal

„Wegen ihrer musikalischen und kulturellen Angeboten und ihrer Bedeutung in der Musikgeschichte zog ich 2011 nach Leipzig“, erzählt der 33-Jährige und fügt an: „Wie die meisten anderen Komponisten in Europa arbeite ich hier seither als Musiklehrer, und komponiere nebenbei. Zunehmend genieße ich meine Arbeit, zumal meine Schüler und ich uns gegenseitig bereichern.“ Zhebo ist selbstständig, kommt zu seinen Schülern nach Hause, weckt bei Kinder das Interesse an Instrumenten, arbeitet mit Älteren analytisch an ihren Fähigkeiten, bereitet auch Musikschüler und -studenten auf Prüfungen vor. „Er hat einfach Ahnung von allem, von Klassischer Musik bis hin zum Death Metal“, sagt Marc, einer seiner Schüler, begeistert.

Mehr als 100 Leipziger haben in den vergangenen sechs Jahren von Zhebos Wissen profitiert. Ende des Jahres soll damit nun aber Schluss sein. Er müsse das Land wieder verlassen, sagt der 33-Jährige. Der Grund: „Anfang August hat mir die Ausländerbehörde der Stadt Leipzig mitgeteilt, dass mein Antrag auf einer Niederlassungserlaubnis abgelehnt wird.“ Eine Niederlassungserlaubnis können Ausländer beantragen, wenn sie seit mehr als fünf Jahren in Deutschland leben, ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren und kontinuierlich in die Vorsorgekassen eingezahlt haben. Absolventen von deutschen Hochschulen sowie hochqualifizierte Arbeitnehmer haben besonders gute Chancen, diese unbefristete Erlaubnis zu erhalten.

Einzelfallentscheidung in der Ausländerbehörde

Zhebo kann nach eigenen Angaben gut von seiner Tätigkeit leben, hat eine ordentliche Steuernummer, zahlt regelmäßig seine Abgaben. Angesichts der Erfahrungen seiner ehemaligen Kommilitonen, die wie er in Deutschland arbeiten, ging der 33-Jährige davon aus, dass er langfristig bleiben darf. „Ich weiß, dass in Deutschland ein Gleichbehandlungsgesetz existiert, daher war ich davon überzeugt, dass ich auch problemlos eine Erlaubnis erhalten werde“, so Zhebo weiter. Aber es kam anders, Entscheidungen der Ausländerbehörde sind Einzelfallentscheidungen. Seine Sachbearbeiterin habe ihm erklärt, er verdiene zu wenig. Nachfragen, wie sie denn zu diesem Schluss komme, seien resolut abgeblockt worden. Bis zum 7. Februar 2018 habe er nun noch Zeit, das Land wieder in Richtung Heimat zu verlassen.

Über eine eingeschaltete Rechtsanwältin erfuhr der 33-Jährige später, die Behörde in Leipzig befürchte, er könnte mit einer Niederlassungserlaubnis auch Wohngeld oder andere soziale Leistungen beantragen. „Wöchentlich arbeite ich mindestens 60 Stunden, davon allein 30 Stunden für Musikunterricht. Ich kann sehr gut davon leben“, sagt er. In der restlichen Zeit wir komponiert und an einem chinesisch-deutschen Musikwörterbuch geschrieben. „Die Begründung finde ich absurd, ich lebe seit 2012 vollständig von eigenem Einkommen, ohne jegliche staatliche Hilfe“, sagt Zhebo weiter. Die Ausreiseforderung empfindet er gar als Paradoxon; „Meine Kompositionsstudien in Karlsruhe wurden überwiegend vom Staat finanziert. Nun arbeite ich seit fünf Jahren, zahle Steuer und erbringe Gegenleistungen. Aber der Staat entzieht mir mein Arbeitsrecht, weil er Angst hat, dass ich staatliche Mittel beziehen könnte.“

Auf Nachfrage von LVZ.de gab sich die zuständige Behörde zugeknöpft. Aus datenschutzrechtlichen Gründen sei keine Auskunft über den Aufenthaltsstatus des 33-Jährigen zu geben, hieß es. Allerdings betonte ein Sprecher auch, dass noch keine abschließende Entscheidung über die Niederlassungserlaubnis des chinesischen Komponisten und Musiklehrers in Leipzig gefällt sei. Das lässt Zhebo zumindest noch einen Funken Hoffnung.

http://www.zhebo.de/

Von Matthias Puppe

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