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Nager mit Risikofaktor – Nutrias gefährden die Uferbefestigung an Leipzigs Flüssen

Nager mit Risikofaktor – Nutrias gefährden die Uferbefestigung an Leipzigs Flüssen

Nutrias gehören an der Weißen Elster in Leipzig inzwischen zum Stadtbild. Auch wenn die Biberratten niedlich aussehen. Die Nager richten an den Flussufern beträchtliche Schäden an.

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Hunderte Nutrias leben in Leipzigs Flüssen. Die Nager durchlöchern auch die Ufer der Weißen Elster. Sie sollen nicht gefüttert werden.

Quelle: Uwe Pullwitt

Leipzig. Ob sie eine Plage sind, darüber streiten sich derzeit die Experten.

Für die Touristen, die Bernd Herold mit seinem Motorboot über die Weiße Elster kutschiert, sind sie die Attraktion: die süßen Nutrias, die flink von Ufer zu Ufer paddeln. Während seine Gäste die biberähnlichen Nager mit dem dünnen Rattenschwanz bestaunen, entfährt dem 56-jährigen Bootsverleiher ein Seufzer. Mindestens hundert Nutrias hätten sich rund um sein Bootshaus entlang der Stadtelster angesiedelt, schätzt er. „Die unterhöhlen die Ufer und richten furchtbare Schäden an“, schimpft Herold.

Fest steht: Die Nutrias fühlen sich in Leipzig pudelwohl. An manchen Stellen in der Stadt sieht man die Tiere mit den orangefarbenen Zähnen derzeit scharenweise in der Sonne liegen: Zum Beispiel am Limburgersteg an der Weißen Elster in Schleußig, an der Bauernbrücke in Wahren oder im Schlosspark am Weißen Haus in Markkleeberg.

Ursprünglich stammt der Nager, der auch Biberratte genannt wird, aus Südamerika. Zu DDR-Zeiten züchteten viele Privatleute die Tiere und erwirtschafteten damit einen guten Nebenverdienst. Die Felle wurden ins Ausland exportiert, das Fleisch gegessen. „Nach der Wende wollte die Nutria-Felle niemand mehr haben“, erzählt Kürschner Udo Meinelt aus Rötha. Einig Züchter hätten versucht, das Fleisch an Hundefutterhersteller zu verkaufen, berichtet der 72-Jährige. Ohne Erfolg. Angeblich ließen einige Pelztierfarmer die Tiere unerlaubterweise frei. Udo Meinelt glaubt eher, dass Tierschützer die Käfige aufschnitten. Wie auch immer sie in die Wälder gelangt sind, nach mehr als 20 Jahren in Freiheit haben sich an manchen Flüssen beachtliche Nutria-Kolonien gebildet. Aber sind die Pelztiere schon eine Plage?

Der Naturschutzbund aus Sachsen (Nabu) warnt: „Entgegen der Ansicht, dass sich die Tiere in unseren Breiten in der Wildbahn nicht lange halten können, haben sie sich mittlerweile zu einem Problem entwickelt.“ Man registriere ihre Vermehrung mit Sorge. Denn: In manchen Gewässern bilden die Tiere bereits stabile Populationen. Kaum zu glauben, dass die fuchsgroßen Nager immense Schäden anrichten können: Sie fressen die Rinde von Haselsträuchern und jungen Bäume an; ähnlich dem Elbebiber fällen sie sogar kleinere Bäume und bauen ausgeklügelte Höhlensysteme. „Selbst mit Steinen befestigte Ufer werden von den Nutrias zum Anlegen ihrer Baue genutzt“, so der Nabu Sachsen.

Nutrias wühlen sich durch den Uferbereich

Auch Jens Gasch von der Landestalsperrenverwaltung hält die Tiere für gefährlich. „Früher dachte man, Nutrias bauen nur in vorhandenen Röhren wie Abwasserschächten“, sagt der Bisamjäger. „Jetzt haben wir festgestellt: Es stimmt nicht.“ Die cleveren Tiere erweitern Baue von Bisamratten und legen auch eigene Etagenbaue an. Auf diese Weise durchhöhlen sie Stück für Stück die Uferbefestigung. Werden diese Gänge bei einem Hochwasser geflutet, kann es passieren, dass das Ufer absackt.

Auch ein harter Winter kann den bis zu zehn Kilo schweren Nagern nicht viel anhaben, denn sie vermehren sich rasant: Bis zu 40 Junge kann ein Weibchen pro Jahr bekommen. Hinzu kommt: Nutrias haben keine natürlichen Feinde und einen robusten Magen. Sie fressen auch die giftigen gelben Wassermurmeln. „Statt zu verschwinden, haben sich sehr gut angepasst“, resümiert Gasch. Der Nutria-Jäger würde die Population in Leipzig gern eindämmen. Aber anders als auf dem Land darf er die Tiere in der Stadt aus Rücksicht auf die Bevölkerung nicht abschießen. Wenn, dann nur mit viel Feingefühl, erklärt er: „Wenn auf einer Brücke eine Kindergartengruppe steht, kann ich die Tiere natürlich nicht bekämpfen.“

Jens Gasch würde sich schon freuen, wenn Tierliebhaber den Nutrias nicht überall Apfelschalen und geschnittene Möhren hinwerfen würden. „Das Füttern muss aufhören“, sagt er bestimmt. Auf dem Agra-Gelände in Markkleeberg weisen bereits Schilder darauf hin, dass Füttern verboten ist. Im brandenburgischen Cottbus verhängt das Ordnungsamt für unerlaubtes Füttern ein Bußgeld bis zu 200 Euro.

Die aggressiven Nager schützen ihre Kolonie

Nutrias sind keineswegs so friedlich wie sie aussehen: Wenn sie ihre Artgenossen verteidigen, können sie mitunter richtig aggressiv werden, berichtet Gasch. Erst kürzlich wagte sich ein Schäferhund zu nah an den Bau einer Nutria-Familie heran. Der Nager schnappte zu und verbiss sich in die Lefze des Hundes. „Hätte der Kampf im Wasser stattgefunden, hätte der Hund keine Chance gehabt“, ist sich Gasch sicher. Wie mit der zunehmenden Nutria-Population umgegangen werden soll, ist bisher offen. Für Gasch steht fest: „Irgendetwas müssen wir tun.“

Um die Nutrias abschießen zu können, muss der Bisam-Jäger aber erst einmal Leipzigs Stadtförster Andreas Sickert überzeugen. Der hält dessen Ausführungen nämlich für reichlich übertrieben. „Er soll mir die Nutrias und die Schäden zeigen“, sagt Sickert und fügt hinzu: „Es gibt keine Plage in der Stadt.“ In der Vergangenheit wurde der Bestand immer wieder kontrolliert. Die Zahl der Tiere schwanke. Sickert schätzt, dass in der Stadt einige hundert Nutrias leben. „Die Tiere verursachen punktuelle Schäden“, gibt er zu. Nach der Flut habe sich das Problem ohnehin von allein gelöst, ist sich der Förster sicher: „Die Jungtiere sind alle abgesoffen.“ Andreas Sickert sieht bisher keinen Handlungsbedarf. Wenn er mal ein Nutria abschießt, dann höchstens für seine Mutter. Die mag das Fleisch sehr gern. „Schmeckt wie fettes Kaninchen.“

Gina Apitz

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