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„Nein, ich will nicht ins Altersheim!“

Zwenkauer Geriatrie-Chefarzt Sultzer gibt Rentnern Tipps für die Sicherheit zu Hause „Nein, ich will nicht ins Altersheim!“

Einen Satz hören viele Angehörige immer wieder, wenn es darum geht, die eigenen Eltern dazu zu bewegen, die altbekannte Wohnung zu verlassen und in eine Pflegeeinrichtung einzuziehen. Nein, ich will nicht ins Altersheim!“ Dabei ist es die ehrliche Sorge um Vater oder Mutter, die es zu solchen Vorschlägen kommen lässt, kein Abschieben aus Bequemlichkeit.

Glücklicher Lebensabend zu Hause: Ein höheres Alter bedeutet nicht zwangsweise den Umzug ins Alten- und Pflegeheim.

Quelle: Foto: dpa

Zwenkau. Einen Satz hören viele Angehörige immer wieder, wenn es darum geht, die eigenen Eltern dazu zu bewegen, die altbekannte Wohnung zu verlassen und in eine Pflegeeinrichtung einzuziehen. Nein, ich will nicht ins Altersheim!“ Dabei ist es die ehrliche Sorge um Vater oder Mutter, die es zu solchen Vorschlägen kommen lässt, kein Abschieben aus Bequemlichkeit. „Das Bemühen, die besten Lebensumstände für die Verwandten im höheren Lebensalter zu finden, ist ehrenhaft und eine soziale Pflicht“, sagt Dr. Ralf Sultzer, Ärzt­licher Direktor und Chefarzt des Sana Geriatriezentrums Zwenkau. „Ist der allgemeine Gesundheitszustand der Senioren jedoch noch so, dass sie sich allein oder mit entsprechender Hilfe zu Hause betun können und sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten mobil sind, spricht nichts dagegen, dass Menschen höheren Alters selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben“, so der Experte. Viele Hilfemöglichkeiten wie Alltagsbegleiter oder Nachbarschaftshelfer sind den Betroffenen gar nicht bekannt.

Hausarzt als wichtiger Partner

Zuvor sei mit dem Hausarzt zu klären, wie es um Gehgeschwindigkeit, Gleichgewicht und den kräftigen Händedruck des Seniors bestimmt ist. Das seien wichtige Indikatoren für die korrekte Prognose und das mögliche häusliche Gefahrenpotenzial, so Sultzer. „Bei der richtigen Ernährung ist besonders auf Calcium und Vitamin D zu achten. Wichtig ist, dass es nicht an Bewegung mangelt.“ Für ein an das Alter angepasstes Maß an körperlicher Belastung müsse gesorgt sein. Mindestens drei Mal pro Woche, möglichst unter Anleitung und über mehrere Wochen, sollten sich die Senioren 30 Minuten lang bewegen und aktiv sein. Einerseits, um das Herz-Kreislauf-System in Schwung zu halten, und andererseits, um dem altersbedingten Muskelschwund entgegenzutreten. Dr. Sultzer macht dessen gravierende Auswirkung an einem einfachen Beispiel deutlich: „Braucht eine 20-jährige Frau nur die Hälfte ihrer Muskelkraft, um ohne Hilfe von einem Stuhl aufzustehen, benötigt eine 80-Jährige ihre gesamte Kraft“. Durch ein solches Defizit können Ältere Gefahrensituationen oft nur verspätet oder gar nicht meistern. Die üblichen Auswirkungen dieser Gefahren durch Kraftlosigkeit, denen sich Dr. Sultzer, aber auch die Kollegen in den Notaufnahmen der Region konfrontiert sehen, sind schwere Stürze und deren Folgen. „Hüftgelenksnahe Frakturen, Schulterfrakturen, Oberschenkelhals-Brüche, aber auch Frakturen der Wirbelsäule“, zählt der Mediziner hier auf.

Wichtig sei daher die Sturzprävention, also eine möglichst barrierefreie Wohnung für die älteren Menschen zu schaffen. Barrierefreiheit bedeutet, dass baulich bedingte Hindernisse wie zum Beispiel Türschwellen, entfernt oder zumindest „entschärft“ werden. Denn viele auch noch rüstige ältere Personen haben Schwierigkeiten, ihre Beine beim Überschreiten der Schwelle so hoch zu heben, um problemlos über das Hindernis zu kommen. Bleiben sie mit den Füßen hängen, ist ein Sturz möglich. „Viele unterschätzen auch den Teppich“, nennt Sultzer ein weiteres häusliches Hindernis. Die Kanten der gewebten Bodenbeläge sind regelrechte Stolperfallen, auch wenn sie nur wenige Millimeter hoch sind. Gerade für Personen mit Gangunsicherheiten durch Hüftprobleme, Gefühlsstörungen, Muskelschwund oder Parkinsonsyndrom kann selbst diese Erhebung eine echte Herausforderung sein.

Wenn es auch die Eitelkeit so mancher Senioren kitzeln mag, empfiehlt Geriater Sultzer bei fortgesetzten Bewegungsschwierigkeiten eine Gehhilfe. „Es ist nichts Peinliches, eine solche Gehhilfe zu nutzen und so wieder sicherer und ohne fremde Hilfe laufen zu können“, sagt der Klinikchef. In einem offenen Gespräch mit dem betreuenden Hausarzt kann gemeinsam eine entsprechende Lösung gefunden werden.

Nächtliche Herausforderungen

Eine weitere Herausforderung ist auch das nächtliche Navigieren durch die unbeleuchtete Wohnung. Oftmals ist es der Gang zur Toilette, Dunkelheit birgt die Gefahr des Anstoßens oder Ausrutschens. Es ist schon hilfreich, wenn die Lichtschalter schnell und problemlos erreicht werden können, sie nicht hinter Schrankecken oder Vorhängen verborgen sind, merkt der Geriater an. Wer Durst hat oder zu Nachtstunden regelmäßig Medikamente einnehmen muss, sollte ein Glas Wasser mit entsprechender Menge Flüssigkeit auf dem Nachttischchen platzieren, so dass nachts nicht unnötig aufgestanden werden muss, rät Sultzer. Die Brille sollte auch nachts immer in Reichweite liegen.

Von einigen Medizinern und Datenschützern eher kritisch gesehen, schätzt Sultzer die Nutzung von digitalen Gesundheitshelfern wie Sportuhren – oder Bändern für smarte Telefone zur Gesundheitsüberwachung positiv ein: „Wenn die Geräte und Anwendungen dazu dienen, den allgemeinen Gesundheitszustand zu kontrollieren und zu verbessern, ist gegen sie nichts einzuwenden“, meint der Experte. Schrittzähler, Be­wegungsmesser, Pulsmesser, Hausnotruf, moderne Gerätschaften fürs Handgelenk bieten eine Menge an Monitoring-Funktionen. Sultzer macht aber eines klar: „Den Besuch beim Hausarzt darf diese digitale Technik jedoch in keinem Fall ersetzen.“ Dieser sollte regelmäßig ab 70 nach Veränderungen von körperlichen, seelischen und geistigen Problemen schauen und mit dem Patienten und seinen Angehörigen gegebenenfalls notwendige Maßnahmen einleiten.

Von Frank Schmiedel

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