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Lokales Neue Edition zeigt „Unser Leipzig vor 100 Jahren“
Leipzig Lokales Neue Edition zeigt „Unser Leipzig vor 100 Jahren“
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17:26 04.11.2015
Der Leipziger Markt mit dem Siegesdenkmal.  Quelle: Bokelberg
Leipzig

„Mein Leipzig lob’ ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.“ Immer wieder wird gegrübelt, wie Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) diesen Satz gemeint haben könnte – ironisch, oder nicht? Schließlich legt er ihn einem lärmenden, betrunkenen Studenten in Auerbachs Keller in den Mund und nicht etwa dem Faust, der Mephistos Vorzeigekneipe ganz schrecklich findet.

Wie jeder Einheimische weiß, war Goethe in jungen Jahren gern gesehener Gast in Auerbachs Keller, neben dem Brocken der einzig authentische Ort in seinem „Faust I“. In der legendären Kneipe, die seit 1525 in der Grimmaischen Straße existiert, dürfte er als Teenager 1765 auch das erste Mal mit dem uralten Sagenstoff in Berührung gekommen sein: Seit 1625 zieren zwei Bilder die Kellerwand, die Faustens Fassritt und das Besäufnis der Studenten zeigen.

Historische Postkarten zeigen „Unser Leipzig vor 100 Jahren“. Der Verlag Werner Bokelberg hat die Ansichten aus der Zeit um 1900 zusammengetragen und neu aufgelegt.

Als Goethe in „Leibzsch“ studierte, war die Stadt tatsächlich ein „klein Paris“: Eine stolze Bürgerstadt mit prächtigen Bauten aus Gotik, Renaissance, Barock und Klassizismus. Eine heranwachsende Metropole mit vielen Hotels, Restaurants und Cafés, deren Jugenstil- und Gründerzeit-Architektur 150 Jahre später weitere großartige Akzente setzte. „Endlich komme ich an den Ort, an dem man die ganze Welt im Kleinen sehen kann“, schwärmte schon Gotthold Ephraim Lessing 1749. „Die Welt im Kleinen“, damit meinte er die Messen und Märkte, die hier seit dem Mittelalter stattfanden und bei denen sich Händler aller Nationen die Klinke in die Hand gaben.

Leipzigs Blüte begann mit Markgraf Dietrich von Landsberg, der 1268 „allen Kaufleuten, die in Leipzig Handel treiben wollen oder Warenlager besitzen“, absoluten Schutz zusagte – selbst im Kriegsfall.

Handel, Wohlstand, Multikulti - das prägte Kultur und Selbstverständnis dieser Stadt über Jahrhunderte. Sicher kein Zufall, dass hier 1835 die erste deutsche Eisenbahn-Strecke in Betrieb genommen wurde (Leipzig-Dresden) und von hier aus 1989 der Ruf „Wir sind das Volk“ um die Welt ging, der schließlich die Mauer zu Fall brachte.

Kurz: Ohne Messe ist Leipzig einfach nicht denkbar. Alles hat im Handel seinen Ursprung: Die Universitätsstadt, die seit 1409 Geist und Jugend versammelt. Die Musikstadt, in der Johann Sebastian Bach 1723-1750 als bedeutendster Komponist und langjähriger Thomaskantor wirkte. Das Gewandhausorchester, das Kaufleute 1743 gründeten und das ab 1781 einen eigenen Saal im Messehaus der Tuchhändler erhielt (daher der Name). Im 19. Jahrhundert gab es drei Musikmetropolen in Europa: Paris, Wien – und Leipzig. Alle wichtigen Musiker der Zeit gastierten, dirigierten oder komponierten hier. Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und seine Frau Clara Schumann prägten das Musikleben der Zeit nachhaltig und mit der Gründung der Leipziger Pianoforte GmbH 1892 begann der Instrumentenbau seinen internationalen Siegeszug.

Es gibt aber noch einen Bereich, in dem diese Stadt Weltgeltung erlangt: die Buchbranche. In Leipzig druckt Marcus Brandis 1481 das erste Buch (die Glossa super apocalypsim des Dominikanermönches Johannes Annius aus Viterbo). Hier erscheint 1650 die erste Tageszeitung, hier wird 1825 der Börsenverein der deutschen Buchhändler gegründet, die erste Deutsche Blindenbibliothek (1894), die Deutsche Nationalbibliothek (1912) und die erste Deutsche Bibliothekar-Schule.

Klar, dass sich in dieser Stadt die wichtigsten deutschen Verlage ansiedeln: Brockhaus, Baedecker, Reclam, Rowohlt, Insel, Seemann, Thieme - über 2200 Unternehmen des Buchhandels und des grafischen Gewerbes verzeichnet das Adressbuch der Stadt Leipzig um 1900. Fast alle sitzen im Graphischen Viertel, das bei den Luftangriffen in der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1943 in Schutt und Asche fällt. Über 1800 Menschen sterben in den frühen Morgenstunden, 114.000 Menschen werden obdachlos, 40 Prozent der Stadt sind zerstört - und 50 Millionen Bücher vernichtet!

Das Graphische Viertel entsteht in den 60er-Jahren teilweise neu, seit der Wende kehren etliche Verlage, die nach Kriegsende in den Westen gingen, zurück. Die Bedeutung als internationale Buchmetropole jedoch hat Leipzig eingebüßt.

Unwiederbringlich verloren geht damit auch der Charme einer über Jahrhunderte gewachsenen Stadt. Das unvergleichliche Nebeneinander der verschiedenen Architekturstile, von Renaissance über Barock bis zum Jugendstil – solche Ansichten sind heute nur noch auf historischen Fotografien zu finden. Auf den Postkarten um 1900, neu aufgelegt vom Verlag Werner Bokelberg, einem Hamburger Fotografen und Sammler, der bereits in jungen Jahren die einzigartige architektonische Schönheit der sächsischen Metropole erkannte und historische Stadtansichten zusammentrug, wo immer er sie entdeckte. Wie hinreißend schön präsentiert sich der Augustusplatz mit dem Mendebrunnen und dem neuen Theater auf der einen, sowie der Universität, der Paulinerkirche und dem Café Francais auf der anderen Seite. Was für eine Atmosphäre versprüht die Grimmaische Straße und wie einladend präsentieren sich die Fassaden der Geschäftshäuser am Markt, dessen einzigartiger Renaissance-Komplex, das Alte Rathaus, den Zweiten Weltkrieg wie durch ein Wunder übersteht.

Es macht Freude, durch dieses historische Leipzig zu spazieren. Über den Rossplatz zu bummeln, mit der „Elektrischen“ die stattliche Harkortstraße entlang zu rattern, zwischen Pferdefuhrwerken und Handkarren in den kleinen Gässchen und Höfen das „Großstadt-Idyll“ einzufangen und sich blindlings in das geschäftige Treiben vor der alten Markthalle zu stürzen. Was für ein Trubel, was für eine Geschäftigkeit. Was für ein Flair in dieser Stadt um 1900! Am deutlichsten machen das wohl die liebevoll zusammengestellten Postkarten-Collagen. Regelrechte Wimmelbilder, die uns plastisch vor Augen führen, in welchen undurchdringlichen Schilderwald sich die Stadt regelmäßig zu den Frühjahrs- und Herbstmessen verwandelte. Und es scheint, als würden sich die Leipziger über ihre Leidenschaft zum gedruckten Wort selbst amüsieren. Wie sonst wäre wohl das „Leipziger Allerlei“ auf einer Ansichtskarte voller Anzeigen zu verstehen.

Von LVZ

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