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Lokales Neue Pfarrerin der Leipziger Thomaskirche im Interview: "Der Zuspruch hat überwogen"
Leipzig Lokales Neue Pfarrerin der Leipziger Thomaskirche im Interview: "Der Zuspruch hat überwogen"
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23:59 02.02.2014

Im LVZ-Interview spricht die bisherige zweite Pfarrerin über ihren neuen Job, den alten Chef und ihr Verhältnis zu Leipzig.

Britta Taddiken, Jahrgang 1970, ledig, stammt aus Pinneberg (Schleswig-Holstein) und absolvierte nach dem Abitur ein achtmonatiges Gemeindepraktikum im australischen Sydney. Danach begann die Geistliche ein Studium der Evangelischen Theologie in Hamburg, auf das zwei Jahre Theologische Assistentin an der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg folgten, ein Vikariat in Meldorf (Schleswig-Holstein) und eine Ordination im Jahr 2000 im Schleswiger Dom. Ab 2001 war Taddiken Pfarrerin in Leck nahe der dänischen Grenze, ab 2002 am Meldorfer Dom. Von Januar 2011 bis Januar 2014 fungierte sie als zweite Pfarrerin an St. Thomas Leipzig, worauf am 1. Februar 2014 der Wechsel auf die erste Pfarrstelle als Nachfolgerin von Christian Wolff folgte.

Frage: Was wird ab sofort anders in Ihrem Leben?

Britta Taddiken: Mit der Pfarramtsleitung sind natürlich einige wichtige neue Aufgaben verbunden. Ich bin jetzt für das große Ganze verantwortlich, werde mich mehr um Organisatorisches kümmern müssen, mehr um die Verwaltung, um bestimmte Ausschüsse. Was die Gottesdienste und die alltägliche Gemeindearbeit anbelangt, wird sich nicht viel ändern.

Sie sind seit drei Jahren in Leipzig. Was gefällt Ihnen bislang an der Thomasgemeinde, was weniger?

Es ist großartig, Wochenende für Wochenende den Motetten beizuwohnen und sie mitzugestalten. Dieses in Deutschland einmalige Gottesdienst-Format, die Konstellation "Original-Musik am Original-Ort durch Original-Klangkörper" ist Balsam für die Seele, auch für meine. Darüber hinaus freue ich mich über die vielen, die sich mit Engagement in die Gemeindearbeit einbringen, die bereit sind, verlässlich Verantwortung zu übernehmen. Und dann steht mir ein sehr zielorientierter Kirchenvorstand zur Seite, in dem es mal keine Cliquen und Grüppchen gibt. So etwas habe ich vorher überhaupt noch nicht erlebt.

Keine Schwachpunkte?

Doch, doch, es gibt schon ein paar Baustellen. Ein volles Jahr waren wir ohne Gemeindepädagogin. Das geht in einer Gemeinde, die vor allem bei der Kinder- und Jugendarbeit kontinuierlich wächst, eigentlich gar nicht. Wir haben es zwar irgendwie hinbekommen, aber in diesem Bereich werden wir uns in nächster Zeit konzeptionell einiges einfallen lassen müssen.

Sie sind aus dem hohen westdeutschen Norden an den Thomaskirchhof gewechselt. Welche Unterschiede haben Sie zwischen den Gemeinden in Meldorf (Schleswig-Holstein) und Leipzig ausgemacht?

Meldorf ist eine Kleinstadt in der Provinz. Dort ist zwar überall weiter Horizont, aber der Horizont der Menschen ist mit dem der Leipziger nicht zu vergleichen. Die Leute hier sind viel weltoffener, mehr am Puls der Zeit. Die erwarten in der Predigt eine klare Ansage.

Was womöglich daran liegt, dass westdeutsche Gläubige Religion anders ausüben als ostdeutsche?

In Schleswig-Holstein ist das Publikum traditionell eher kirchenfern, obwohl die Kirchenzugehörigkeit prozentual viel höher liegt als beispielsweise in Sachsen. Die Leute gehören der Kirche zwar an, gehen aber nicht hin. Gemeindeglieder Ost haben den hohen Anspruch an sich selbst, die Angebote wahrzunehmen. Hier kommt es vor, dass sich Leute entschuldigen, weil sie gerade an keinem Kreis aktiv teilnehmen können. So was gibt es im Westen nicht.

Gab es bei Dienstantritt 2011 eigentlich Vorbehalte gegen Sie? Frau und dann auch noch aus dem Westen - das dürfte nicht jedem gepasst haben.

Es waren wenige, die sich anfangs daran gestoßen haben, dass ich von drüben komme, und die aus ihrer Skepsis keinen Hehl gemacht haben, weil ich eine Frau und vergleichsweise jung bin. Der Zuspruch aber hat überwogen. Heute höre ich oft: "Sie haben mich überzeugt." So schlecht kann meine bisherige Arbeit also nicht gewesen sein.

Ist die Frau anders Pfarrer als der Mann?

Es gibt Pfarrerinnen, die voll auf Frauen-Themen setzen. Das ist nicht meine Sache, war es nie. Ich habe mich in Leipzig beworben, weil mich die Anliegen der Thomasgemeinde reizten: die besondere Einheit von Wort und Musik in der Verkündigung, die anspruchsvolle Predigtkultur, die Arbeit für eine breite Öffentlichkeit. Natürlich betreibe ich Theologie als Frau. Deshalb baue ich aber nicht auf die "Bibel in gerechter Sprache" mit ihrem feministisch-theologischen Ansatz. Die steht zwar in meinem Regal, ich halte sie sprachlich aber für ein einziges Desaster. Menschen werden wohl kaum eher einen Zugang zu Gott finden, nur weil wir ihn "das Gott" nennen.

Ihr Vorgänger war in der öffentlichen Wahrnehmung geradezu omnipräsent. Wie sehr beeinflusst das Ihre Arbeit?

Als Christian Wolff - so wie ich jetzt - gerade mal zwei, drei Jahre da war, dürfte er noch nicht so bekannt gewesen sein wie heute. Ich habe vielleicht nicht diese Dynamik wie er, wenn es darum geht, sich zu bestimmten Themen schnell und profiliert zu äußern, aber es ist vielleicht aufgefallen, dass auch ich mich hin und wieder zu Wort melde. Nicht so medienwirksam, aber das kann ja noch werden.

Pfarrer Wolff hat immer sehr politisch agiert. Wie politisch sind Sie?

Politisch ist alles das, was unser Gemeinwesen anbelangt. Insofern bin auch ich politisch.

Ihr Vorgänger bekennt sich zur SPD. Zu wem bekennen Sie sich?

Erst mal zum lieben Gott. Und ansonsten gilt: Wer Ohren hat zu hören, der wird es sicher mitbekommen.

Wegen Ihres Eintretens für den Bau einer Moschee haben Sie sich kürzlich heftigsten Beleidigungen ausgesetzt gesehen. Ihr Vorgänger hat die Kontroverse geradezu herausgefordert und nicht selten Beschimpfungen geerntet. Wie gehen Sie mit öffentlicher Ablehnung um?

Schon in Meldorf sind Leute mich übel angegangen. Dies auszuhalten, habe ich mit der Zeit lernen müssen. Wer den Kopf rausstreckt, der kriegt halt manchmal was drauf. Wenn Widerspruch aber mit Aufrufen zur Hetze und Gewalt verbunden ist, hört der Spaß auf. Da brauchen Sie dann das besonders dicke Fell. Was die Moschee anbelangt, so bin ich froh, dass sich viele unserer Position angeschlossen haben. Ich betone "unserer", weil es eine gemeinsame Erklärung von Christian Wolff und mir war. Superintendent Martin Henker spricht die gleiche klare Sprache. Interessanterweise bekommen wir sehr viel Zuspruch von außerhalb. Wichtig ist, dass wir uns von gängigen Vorurteilen befreien, von verzerrten Bildern. Auch wenn die Realität in manchen Krisengebieten anders ausschaut: Es ist die Pflicht eines jeden Muslim, den Glauben von Juden und Christen zu achten.

Wie steht es um die Ungereimtheiten zwischen St. Thomas und dem Landeskirchenamt bei der Suche nach Pfarrer Nummer zwei?

Wir haben noch einmal auf den Putz geklopft und deutlich gemacht, dass es leider genau so gekommen ist, wie wir es aufgrund von Erfahrungswerten vorhergesehen haben. Zunächst einzig und allein auf geeignete Kandidaten innerhalb der sächsischen Landeskirche zu hoffen, beschert uns eine unnötige Verlängerung der Vakanz um drei Monate. Für eine Gemeinde unserer Größe ist das mehr als schmerzlich. Nun soll Mitte Februar bundesweit ausgeschrieben werden, die LVZ hat ja darüber berichtet. Bedauerlich ist nur, dass wir das noch nicht schriftlich haben.

Hätten Sie lieber eine Frau oder einen Mann an Ihrer Seite?

Für die Gemeinde wäre es sicherlich gut, wenn die zweite Pfarrstelle von einem Mann besetzt würde.

Wie überbrücken Sie die Phase der Vakanz?

Stephan Bickhardt, den Leipzigern als Polizeiseelsorger bekannt, wird uns in dieser Zeit unterstützen. Darüber bin ich sehr froh.

Was vermissen Sie in Leipzig, was für Sie in Meldorf eine feste Burg war?

Nichts, Wasser gibt es ja auch hier. In Meldorf war mir von Anfang an klar, dass es irgendwann weitergeht, dass es den Ortswechsel gibt. In Leipzig habe ich so noch nie empfunden. Thomas muss man schon zu seiner Lebensaufgabe machen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.02.2014

Olaf Majer / Dominic Welters

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