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Lokales Neuer Hauseigentümer verdrängt die Caritas aus Leipzig-Connewitz
Leipzig Lokales Neuer Hauseigentümer verdrängt die Caritas aus Leipzig-Connewitz
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23:59 08.10.2014
Leipzig

Und der fühlt sich bereits zu Hause in der Biedermannstraße 40.

Die Caritas betreute in dem Komplex mehr als 100 alte Menschen, betrieb eine Begegnungsstätte, bot gemeinsames Mittagessen und -zig Veranstaltungen an. Vor allem war der Caritas-Pflegedienst vor Ort. "Meine Mutter hat sich in diesem Betreuten Wohnen bisher recht wohlgefühlt", so die Tochter einer 81 Jahre alten Dame.

Die Räume hatte der Wohlfahrtsverband von der inzwischen hochbetagten Eigentümerin Margit Ceszkowski gemietet. "Versuche unsererseits, einen regionalen Käufer für das Objekt zu finden, verliefen ohne Erfolg", sagt Leipzigs Caritas-Geschäftsführer Tobias Strieder. Die Frau habe es nun an die Gesellschaft Leyendecker Leipzig KG verkauft, einen Ableger der Leyendeckergruppe in Frankfurt/Main. "Die KG hat uns alle gemieteten Räume - die Begegnungsstätte, das Pflegedienstbüro und das Pflegebad - fristgemäß zum 31.12.2014 gekündigt", so Strieder. "Also blieb uns jetzt auch erst mal nichts anders übrig, als alle Serviceverträge mit den Bewohnern zum Jahresende aufzulösen."

Anfangs, so Strieder, habe er noch an eine Art Mietpreis-Poker geglaubt und durchaus über das Thema Miete reden wollen. Aber Leyendecker habe kein Gesprächsinteresse gezeigt - und die Caritas wohl von vornherein ganz abservieren wollen. Denn: Offenbar längst vorbereitete Flyer hatte Leyendeckers neuer Pflegedienst, die VitaMed Leipzig GmbH, jetzt schnell ins Haus gebracht; dieser Tage erhielten die Seniorenwohnpark-Bewohner Post vom neuen ambulanten Helfer.

Wörtlich wird darin "von dem nun erforderlichen Wechsel des Pflegedienstes" gesprochen, wozu man ab der 42. Kalenderwoche wöchentlich Sprechzeiten im Haus anbiete. Weil sich laut Gesetz hierzulande jeder seinen Pflegedienst selbst wählen darf, löste das Schreiben bei den alten Herrschaften Protest aus.

Für Dienstag nun hatte der neue Eigentümer zur Infoveranstaltung gebeten - just in die Begegnungsstätte, deren Hausherrin immer noch Caritas heißt und die sich dies letztlich verbat. Rund 100 Bewohner, im Schnitt alle um die 80, und manch Angehöriger fanden sich daraufhin im Foyer ein. Leyendecker-Seniorchef Herbert Weißkopf war aus Frankfurt/Main gekommen. Er bestritt, jemals ein Gesprächsangebot von Leipzigs Caritas bekommen zu haben und beschied: "Das Tischtuch zwischen uns ist zerschnitten. Aber für Sie, liebe Bewohner, wird alles besser."

VitaMed-Chefin Gritt Wagner stellte ihrerseits Lutz Dürbeck, den Geschäftsführer der Immobilienfirma Gesund-Wohnbau Leipzig vor, der ab Januar für ihr Pflegeunternehmen die Hauswirtschaft und vor allem ein "dann viel besseres Essen" anbieten will. Dürbeck ist übrigens auch Geschäftsführer der Leipziger DSV Treuhand GmbH, und Gritt Wagner, die taucht da als Person auch wieder auf.

"Wie kam Leyendecker zur Vita Med?", wollten Angehörige wissen. "Wir haben uns in Leipzig umgesehen und uns gefiel das Qualitätsmanagement", so Weißkopf.

"Im Moment bewegt uns sehr, ob und zu welchen Konditionen ab Januar der neue Vermieter oder der neue Pflegedienst neue Serviceverträge von uns verlangt. Und ob das alles an das Fortbestehen der Mietverhältnisse geknüpft ist", so die Tochter der 81-jährigen Bewohnerin. "Oder mag die VitaMed gar auch aus dem Connewitzer Seniorenwohnpark ein Pflegehotel machen, wie sie es bereits in Grünau betreibt?" Befürchtungen machten die Runde: "Soll es am Ende nur um wirtschaftliche Erträge gehen, auf Kosten alter Menschen?"

Weißkopf, Wagner, Dürbeck plus Hausverwalter Werner Winkler bekamen seitens der Bewohner Gegenwind zu spüren und bemühten sich zu versichern: Nichts werde teurer. Preise für Serviceleistungen - wie bei der Caritas! Selbstverständlich könne, wer wolle, sich auch von dieser weiter pflegen lassen. "Und Freizeitangebote?" - "Wir gestalten Ihre Begegnungsstätte um, machen sie viel moderner!", so Weißkopf. "Ja, und was ist dann mit Freizeitangeboten?" - "Die Pläne machen wir erst noch", so Wagner. "Was wird aus unseren Andachten?" - "Wir sind dann kein christlicher Träger mehr!" - "Und was ist mit dem zwischenmenschlichen Miteinander, das hier bisher immer so gut war?" - "Das Menschliche steht ja gerade bei uns im Mittelpunkt!".

Nein, resümierte Gritt Wagner, dieses erste Kennenlernen verlaufe "wohl gerade etwas ungünstig". "Ich lade Sie ein, wir klären alles in meinen Sprechstunden individuell!"

Strieder indes kündigte an, ab Januar für alle Bewohner, die ihre gewohnten Bezugspersonen nicht verlieren wollen, ambulante Pflege eben von einem anderen Caritasstandort aus zu organisieren.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.10.2014

Angelika Raulien

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