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Neuer Kalender aus Leipzig: Die Revolution im Zeitraffer

Neuer Kalender aus Leipzig: Die Revolution im Zeitraffer

Im nächsten Jahr steht bekanntlich der 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution an. Auch Gesine Oltmanns, mittlerweile 48 Jahre alt, staunt, wie schnell die Zeit vergangen ist.

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Gesine Oltmanns und Hans-Jürgen Röder präsentieren ihren neuen Kalender auf dem Nikolaikirchhof.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Ab 1987 gehörte sie zu den engagiertesten Leipziger Bürgerrechtlern. Den bewegenden Tagen und Wochen im Herbst '89 haben sie und Hans-Jürgen Röder einen Jahreskalender 2014 gewidmet.

Nahezu legendär war Gesine Oltmanns' Aktion am 4. September 1989. Mit ihrer Freundin Katrin Hattenhauer entrollte sie nach der Andacht im Nikolaikirchhof das Plakat "Für ein offenes Land mit freien Bürgern". Die Stasi, die Gesine Oltmanns mit der Operativen Personenkontrolle namens "Madonna" observierte, wagte den Zugriff nicht. Zu hoch war die Aufmerksamkeit der Ereignisse rund ums traditionelle Friedensgebet in St. Nikolai bei den Westmedien, die an einem Messemontag in Leipzig präsent waren. Eine Woche später sah das freilich ganz anders aus, da wurde unter anderem Katrin Hattenhauer verhaftet und dann sogar bis zum 13. Oktober in U-Haft festgesetzt.

Gesine Oltmanns kennt die Geschichte(n). Und sie weiß, wie wichtig es ist, die Erinnerungen daran wach zu halten. Also kamen sie, ihr Bruder, der Fotograf Dietrich Oltmanns, und der Journalist Hans-Jürgen Röder auf die Idee, für 2014 einen Kalender der Revolution herauszugeben. Ihr Projekt wurde von der Leipziger Stiftung Friedliche Revolution finanziert.

Für jeden Tag des Jahres 1989 fanden die Autoren einen historischen Fakt zum Geschehen in der DDR beziehungsweise in Osteuropa. Woche für Woche werden die Informationen mit einem essayistischen Beitrag ergänzt. Renommierte Autoren schrieben exklusiv für den Kalender, der somit auch ein unikates Geschichtslesebuch ist. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer stellt seine Gedanken unter die Überschrift "Aus Wut wurde Mut". Der polnische Publizist Adam Krzeminski erinnert an die Runden Tische und ist sogar folgender Meinung: "Die Öffnung der Berliner Mauer begann 1989 in Polen - mit jenem polnischen Möbelstück, dem Runden Tisch." An ihm wurde in Warschau in der Tat schon am 6. Februar 1989 neue Politik gemacht. Duplizität der Ereignisse: Genau an diesem Tag wurde Chris Gueffroy bei seiner Flucht in Berlin erschossen. Der 20-Jährige sollte der letzte Mauertote sein. Karl-Heinz Baum, 1989 DDR-Korrespondent der Frankfurter Rundschau, gedenkt in seinem Beitrag Gueffroy und der weiteren Opfer. Im Februar 1989 war es auch, dass in Prag der tschechische Dichter-Dissident Vaclav Havel zwar nicht zum ersten, wohl aber zum letzten Mal verhaftet wurde. Havels einstiger Wegbegleiter, der Studentenführer Jan Sicha, erinnert an eine Jahrhundertgestalt. Autoren sind ebenso die ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Sebastian Pflugbeil, Konrad Weiß und Hans-Jochen Tschiche.

Natürlich ist der 4. September 1989, als mutige Leute wie Gesine Oltmanns ganz offen ihre Angst ablegten, in dem Kalender ein Thema. Der Text zu dieser Woche stammt von Katrin Hattenhauer. Die heutige bildende Künstlerin berichtet auf ihre Weise über die schlimmen Tage hinter Gittern im Stasi-Knast in der Leipziger Beethovenstraße: "Meine Wirklichkeit hat mich gefangen. 12 Uhr. Nach etwa sechs Stunden Verhör habe ich jetzt unter Aufsicht eine halbe Stunde ,Ruhe' ... Sie bringen mich hierher, halten mich fest ... Wann werde ich wieder gehen dürfen -?"

Gesine Oltmanns weiß übrigens selbst, wie wichtig es heute ist, vor allem der jungen Generation zu be­richten, wie es einst war in jenem Jahr. Sie ist neunfache Mutter ("Von drei bis 21") und damit ohne Frage in Erziehungs- und Bildungsfragen ganz nah dran.

Friedliche Revolution - Ein Wochenrückblick, 13 Euro; erhältlich im Buchhandel und bei der Stiftung Friedliche Revolution, Nikolaikirchhof 3. Internet: www.stiftung-fr.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.11.2013
Thomas Mayer

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