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Lokales Neues Buch erzählt vom Schicksal der Firma Kroch
Leipzig Lokales Neues Buch erzählt vom Schicksal der Firma Kroch
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13:33 19.06.2018
Die Familie Kroch im Kreise ihrer Angestellten – das Foto entstand 1928 zur Feier der Eröffnung des Bankhauses Kroch. Hans Kroch sitzt in der ersten Reihe ganz links, Ella Kroch in der ersten Reihe außen rechts. Quelle: Fotos: privat/Archiv AGHG
Leipzig

 Spätestens seit dem ersten Glockenschlag im Jahre 1928 haben sich die Leipziger mit dem Kroch-Hochhaus versöhnt, das zu den umstrittensten Bauvorhaben der 1920er-Jahre in Leipzig gehörte. Längst ist das Gebäude mit den Glockenmännern am Augustusplatz prägend für die Stadt, ebenso wie viele andere Bauten (darunter Kroch-Siedlung, Industriepalast, Königshaus) des Familienunternehmens Kroch, das einst Samuel Kroch begründete. Die Leipziger erinnern sich aber vor allem an das Wirken seines Sohnes, des Bankiers Hans Kroch, der 1970 in Jerusalem starb. Und dessen Familie ein beschämendes Schicksal erleiden musste.

Nationalsozialisten betrieben raffiniert Enteignung

Das neue Buch „Kroch – der Name bleibt“ beschreibt den rasanten Aufstieg der Firma vom Getreidehandel zum Bankhaus und Immobilienkonzern sowie die Vernichtung des Unternehmens, welche die Nationalsozialisten sehr raffiniert betrieben. Das haben die Autoren Hans-Otto Spithaler, Rolf H. Weber und Monika Zimmermann ebenso akribisch aufgearbeitet wie die zweite Enteignung der jüdischen Familie in der DDR und den „Krimi“ um die Rückübertragung des Vermögens nach der Friedlichen Revolution.

Schicksal ist exemplarisch für das vieler jüdischer Familien

Die im Mitteldeutschen Verlag erschienene Publikation wurde dieser Tage im Ägyptischen Museum präsentiert, das sich im Kroch-Hochhaus befindet. „Es ist für mich eine Ehre, hier zu sein“, bekannte Howard M. Kroch, der in Hamburg lebt. Das geht nicht der ganzen Familie so, die sich verstreut in der Welt neue Existenzen aufgebaut hat. Denn die Wunden sitzen tief, zumal es auch nach der politischen Wende einige unschöne Begegnungen gab.

Das Schicksal der Krochs steht exemplarisch für das vieler jüdischer Familien. 1938 verschleppten die Nazis Hans Kroch ins Konzentrationslager. Nachdem alle Familienmitglieder gezwungenermaßen den Verzicht auf das Gesellschaftsvermögen erklärt hatten, kam er frei und emigrierte mit seinen Kindern nach Argentinien und ging später nach Israel. Seiner Frau Ella gelang es nicht, Deutschland zu verlassen. Sie wurde ins KZ Ravensbrück gebracht, wo sie ermordet wurde. Details ihres Schicksals sind bis heute nicht geklärt. Das Buch konzentriert sich aber auf die Unternehmensgeschichte.

Ein Stück deutscher Geschichte ausgearbeitet

Und da wird schon beim ersten Blick deutlich: Die ist ein ziemlich verzwickter Fall, der aber eindrucksvoll ein Stück deutscher Geschichte widerspiegelt. „Leipzig und Kroch – das ist eine besondere Verbindung. Besonders erfolgreich und besonders tragisch“, betonte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) in seinem Grußwort. Es sei bedrückend zu lesen, wie systematisch und infam die Familie um ihr Vermögen, ihren Einfluss, ihr humanistisches Wirken in der Stadt gebracht worden sind, wie enge Vertraute zu Verrätern wurden, ein Lebenswerk zerschlagen und zerstört wurde.

Firmengeflecht macht Restitution nach der Wende schwierig

Hans Kroch war ein umtriebiger, geschickt agierender Geschäftsmann und Bankier, der ein weit verzweigtes Firmengeflecht aufbaute. Das machte nach 1989 auch die Restitution schwierig, die im Buch detailliert beschrieben wird. Zumindest bei einer Immobilie gab es kein langes Hin und Her: Das Schauspielhaus, 1945 nach sowjetischem Recht enteignet und dann in DDR-Volkseigentum überführt, konnte wieder ins Eigentum Leipzigs übergehen. Familie und Stadt hatten sich bei einem Vergleich geeinigt.

Die Erbengemeinschaft hatte längst den Entschluss gefasst, den Standort Leipzig aufzugeben – unabhängig von der Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts. Der Name Kroch ist nach wie vor in Leipzig präsent – mittlerweile gibt es sogar eine nach dem jüdischen Bankier benannte Grundschule. Und die Büste Hans Krochs ist an die Fassade des Messehauses Petershof zurückgekehrt. Die hatten die Nazis entfernen lassen, weil er Jude war. Und ein Stolperstein in der Sebastian-Bach-Straße 53 erinnert an das Schicksal von Ella Kroch.

Das Buch, Mitteldeutscher Verlag, ISBN 3963110074, kostet 20 Euro.

Von Mathias Orbeck

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