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Lokales Leipzig koppelt sich bei Fernwärme vom Kraftwerk Lippendorf ab
Leipzig Lokales Leipzig koppelt sich bei Fernwärme vom Kraftwerk Lippendorf ab
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19:43 05.12.2018
Auf Fernwärme aus dem 15 Kilometer entfernten Kraftwerk Lippendorf will die Stadt Leipzig ab 2023 verzichten. Quelle: Michael Handwerck
Leipzig

„Wir müssen raus aus der Braunkohle und jetzt steht dafür ein sehr günstiges Zeitfenster offen.“ Mit diesen Worten erklärte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am Mittwoch, weshalb die Stadt Leipzig ab 2023 auf Fernwärmelieferungen aus dem Kraftwerk Lippendorf verzichten will. Bei einer Pressekonferenz am Sitz des Stadtkonzerns Leipziger Gruppe wurde am Vormittag ein aktueller LVZ-Bericht zu diesem Thema in vollem Umfang bestätigt.

Vertrag mit Lippendorf läuft 2023 aus

In Deutschland werde nicht mehr über die Frage diskutiert, ob die Braunkohle als umweltbelastender Energieträger eines Tages ausgedient hat, sondern nur noch über den Zeitpunkt. „Dieser ist für uns nicht zuverlässig einschätzbar. Damit wir dann nicht in eine Zwangssituation kommen, müssen wir jetzt handeln und uns unabhängig von der Braunkohle machen“, meinte Jung. Bis zum Jahr 2023 – wenn der aktuelle Fernwärme-Liefervertrag mit Lippendorf ausläuft – solle auf diesem Weg „ein erster großer Schritt“ geschafft werden. Konkret würden die Leipziger Stadtwerke zeitnah ein Gaskraftwerk mit einer Leistung von etwa 150 Megawatt bauen, das sowohl Strom als auch Fernwärme erzeugen kann.

Neues Kraftwerk gibt es zum Nulltarif

Die Kosten dafür bezifferte Stadtwerke-Geschäftsführer Karsten Rogall auf 150 Millionen Euro. Gemäß dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz des Bundes rechne man mit einer Förderung von drei Cent pro dort erzeugter Kilowattstunde. Über den gesamten Lebenszyklus des neuen Kraftwerks könnten damit die Investitionskosten des neuen Kraftwerks komplett ausgeglichen werden.

Keine höheren Fernwärmepreise

„So gewährleisten wir, dass durch die Umstellung der Wärmeerzeugung im Vergleich zur bisherigen Versorgung aus dem Kraftwerk Lippendorf keine höheren Preise auf die Leipzigerinnen und Leipziger zukommen“, sagte Rogall. Die Planungskosten von zwei Millionen Euro für das Kraftwerk, welches den bundesweit besten Wirkungsgrad bei der Energieerzeugung erreichen soll, habe der Aufsichtsrat der Stadtwerke schon freigegeben. Als Standort kämen die Flächen von einem der beiden früheren Heizkraftwerke im Leipziger Süden in Frage, also entweder an der Raschwitzer oder Arno-Nitzsche-Straße.

Die Worte „Wärme für Leipzig“ könnten an diesem Schild vor dem Kraftwerk Lippendorf bald gestrichen werden. Quelle: André Neumann

Umweltbilanz verschlechtert sich zuerst

Für einige Jahre werde die Umweltbilanz in der Region durch das Großprojekt schlechter ausfallen, räumte Jung ein. Da die Fernwärme für Leipzig nur einen kleinen Teil der in Lippendorf erzeugten Energie ausmache (dort wird vor allem Strom für drei Millionen Haushalte erzeugt), wäre für einen Übergangszeitraum in Leipzig noch ein zusätzliches Kraftwerk am Netz, das vor allem Erdgas aus Russland als Rohstoff nutze. „Das bedeutet mehr Kohlendioxid-Ausstoß und auch etwas mehr Feinstaub in Leipzig.“

Langfristig deutliche Kohlendioxid-Einsparung

Perspektivisch solle das neue Kraftwerk aber mit Biogas und synthetisch hergestelltem Gas aus erneuerbaren Energien gefüttert werden, ergänzte Rogall. Auch sei der Betreiber von Lippendorf in der Lage, seine Kapazität an den geringeren Bedarf anzupassen. „Langfristig ergibt das also eine erhebliche Einsparung an Kohlendioxid und eine deutlich bessere Umweltbilanz für die Region.“ Die Stadtwerke wollten „mit unseren Kollegen in Lippendorf“ auch über eine mögliche Auslaufkurve für die von dort bezogene Fernwärme verhandeln, sagte er. Schließlich sei es „eine sehr sportliche Aufgabe“, in nur gut vier Jahren ein ganz neues Kraftwerk zu planen, alle Genehmigungen zu erhalten und es zu bauen.

Auch weiteres Biomassekraftwerk geplant

Dieses Großprojekt sei freilich nur ein Baustein in einer umfassenden Strategie zur nachhaltigen und umweltfreundlichen Wärmeversorgung in Leipzig, so Michael Theis, Chef der Geschäftsleitung der Leipziger Gruppe. Diese habe seit Mitte 2016 an einem Zukunftskonzept für die Wärmeversorgung in der Messestadt gearbeitet, das nun dem Stadtrat vorgestellt werde. Zu den Plänen gehörten auch eine deutliche Erweiterung der Speicherkapazitäten, der Bau eines Biomassekraftwerks in der Region und die Nutzung von Solarthermie. Vor allem sollen auch weitere kleine Blockheizkraftwerke zur Versorgungssicherheit beitragen. Hingegen habe sich bei einer „technologieoffenen Prüfung“ ergeben, dass Großwärmepumpen – etwa an Seen oder bei Geothermie – für Leipzig eher ungeeignet seien.

Gesamte Wärmewende kostet 300 Millionen Euro

Für dieses Konzept der Wärmewende wollen die Stadtwerke in den nächsten fünf Jahren rund 200 Millionen Euro investieren, bis zum Jahr 2030 sollen weitere 100 Millionen Euro hinzukommen. „Bis 2030 wird Leipzig so sein Klimaschutzziel, den Kohlendioxid-Ausstoß auf 2,5 Tonnen pro Kopf und Jahr zu begrenzen, erreichen – und zwar unabhängig davon, ob wir dann 650 000 oder 700 000 Einwohner haben“, versicherte Jung.

Von Jens Rometsch

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