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Lokales Neues Leben für Hamjat: Leipziger Arzt operiert kostenlos Kinder aus Armenvierteln
Leipzig Lokales Neues Leben für Hamjat: Leipziger Arzt operiert kostenlos Kinder aus Armenvierteln
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00:24 27.03.2018
Noch ist er geschafft von der Operation, aber für Hamjat ist jetzt ein normales Leben möglich, nachdem Arzt Christopher Wachsmuth seine Lippen- und Gaumenspalte geschlossen hat. Quelle: Fotos: Sylke Schumann
Leipzig

 Der diesjährige Hilfseinsatz in Manila ist für das „Operation Restore Hope“-Team ein besonderer: Zum 20. Mal verlässt der Plastische Chirurg Christopher Wachsmuth (50) aus Gohlis seine Praxis, um auf die Philippinen zu fliegen. Ein 32-köpfiges Team aus Ärzten, Schwestern und Helfern aus Australien, Neuseeland, Abu Dhabi und Deutschland war eine Woche lang im März im Einsatz, um Kinder aus den Armenvierteln von Manila kostenlos zu operieren. Die Kleinen leiden unter schweren Fehlbildungen, in erster Linie an Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, die das gesamte Leben, vor allem die Ernährung und das Sprechen, beeinträchtigen und zur Ausgrenzung führen. Manche haben auch Deformierungen an Händen und Füßen, Verbrennungen oder Tumore.

Die Hilfsmission in Manila Operation Restore Hope beginnt mit dem Screening Day. Groß ist der Andrang der Eltern, die ihre Kinder zur Operation vorstellen. Quelle: Sylke Schumann

Tätig werden die Mediziner am vergleichsweise gut ausgestatteten „Ospital Ng Paranaque“ in Manila. Damit in der begrenzten Zeit möglichst vielen geholfen werden kann, muss alles wie am Schnürchen laufen. Los geht es mit zwei intensiven Vorbereitungstagen, in denen das Team zunächst den Operationssaal und die Funktionsräume vorbereitet. Viele Dinge wie OP-Besteck, Spritzen, Verbandsmaterial oder OP-Kleidung bringen die Mediziner selbst mit, meist von Firmen aus der Heimat gespendet.

Danach folgt der„Screening Day“, an dem alle Kinder, die operiert werden sollen, gründlich untersucht und für die OP-Tage eingetaktet werden. Auf diesen Moment haben viele Familien lange gewartet, teilweise weite Wege mit bis zu 24-stündiger Anreise auf sich genommen, um eine Chance für ihre Kinder zu bekommen. In der gesamten Woche wird quasi rund um die Uhr in einem Operationssaal an drei Tischen parallel operiert, mindestens 100 Eingriffe stehen auf dem Plan.

Improvisieren an der Tagesordnung

Der erste Tag beginnt um 6.30 Uhr. Vom Hotel aus fährt das ganze Team mit dem Bus ins Krankenhaus. Die Straßen sind voller Verkehr, und so dauert es fast eine Stunde, bis die Mediziner endlich im Hospital sind. Ein kurzer Check der Operationssäle– dann geht es auch gleich los. Die ersten Kinder liegen schon auf dem Operationstisch. Die Eltern dürfen sie bis dorthin begleiten, um ihnen die Angst zu nehmen. Sobald die kleinen Patienten durch das Narkosemittel eingeschlafen sind, müssen die Eltern den Raum verlassen. Später werden Mama und Papa gleich wieder mit eingebunden: Neben Tipps zur richtigen Pflege nach der Operation bekommen sie auch Medikamente und Spielsachen mit nach Hause.

Schon am ersten Tag muss improvisiert werden, denn das Instrumenten-Sterilisationsgerät des Krankenhauses geht während des laufenden Betriebes kaputt. „Wir müssen schnellstmöglich in einer Nachbarklinik unsere Instrumente sterilisieren lassen, was einen erheblichen Zeitverzug mit sich bringt. Dadurch muss das gesamte Team bis in die späten Abendstunden operieren, um das Pensum zu schaffen“, berichtet Christopher Wachsmuth. Gegen 23.30 Uhr ist die Crew wieder im Hotel – erschöpft, aber glücklich.

Besuch bei Hamjat im Armenviertel

Am Tag drei besuchen Christopher Wachsmuth und Gabi Regener, eine deutsche Lehrerin aus Abu Dhabi, bei gefühlten 40 Grad den kleinen Hamjat zu Hause im Armenviertel von Laguna. Der Siebenjährige lebt mit seinen vier Geschwistern in einem Haus im dritten Hinterhof. Der beißende Geruch der nahen Klärgrube raubt einem fast den Atem. Es ist dunkel, stickig und laut. Überall bellen Hunde, krähen Hähne oder schreien Kinder. Aber Hamjat hat keine Angst. Er möchte einmal Polizist werden, um die Welt ein klein wenig besser zu machen.

Der große Tag ist da: Der Junge Hamjat liegt auf dem OP-Tisch. Quelle: Sylke Schumann

Hamjat wird am nächsten Tag von Doktor Wachsmuth operiert.

Der Junge leidet an einer Lippenspalte und einer sehr stark ausgeprägten Gaumenspalte. Nach der Operation wird er erstmals in seinem Leben in der Lage sein, problemlos Nahrung aufzunehmen, richtig zu sprechen und frei von Ausgrenzung zu leben.

Die Familie von Hamjat sind sunnitische Muslime. Der Vater, Abydillah Sumagayan ist Telefontechniker, Mutter Sohaila verkauft Handys. Die Familie lebt im Monat von 3000 Pesetos, etwa 50 Euro. Das muss für Essen, Kleidung, ein Telefon reichen. Für Arztbesuche bleibt der siebenköpfige Familie nicht viel übrig. Das Einkommen reicht nicht, um die Operation des kleinen Hamjat zu finanzieren. Hier setzt die Unterstützung von „Operation Restore Hope“ an.

Die Philippinen sind ein kinderreiches Land und etliche der Kleinen sind von dem Krankheitsbild betroffen. Meist erfahren die Familien von der Mission nur vom Hörensagen oder durch die Plakate, die in den Armenvierteln aufgeklebt werden. Viele Menschen in den Slums können weder lesen noch schreiben. Oft können die Helfer deshalb den Termin nur mündlich weitergeben.

Empfang beim Botschafter

 Ganz besonders freut sich das Team von „Operation Restore Hope“ diesmal über einen offiziellen Empfang beim deutschen Botschafter in Manila, Gordon Kricke. Auch der neuseeländische Botschafter David Strachan ist da und begrüßt Doktor Tristan de Chalain, Gründer der Schwesterorganisation „Operation Restore Hope Neuseeland“.

Empfang beim Botschafter. von links Tristan de Chalain (Gründer Operation Restore Hope Neuseeland), der Botschafter Neuseelands auf den Philippinen, David Strachan, der deutsche Botschafter auf den Philippinen, Gordon Kricke, und der Leipziger Arzt Christopher Wachsmuth Quelle: Sylke Schumann

Nach fünf Operationstagen heißt es Bilanz ziehen: Das internationale Team führte an den fünf Tagen insgesamt 117 zum Teil komplexe Eingriffe durch. Fünf kleine Patienten konnten nicht operiert werden, weil sie wegen verschiedenster Erkrankungen eine Narkose möglicherweise nicht überlebt hätten. Einige Kinder erhalten im nächsten Jahr eine Folgeoperation. Weil die frischen Eingriffe erst verheilen müssen und der Kiefer sich erst in die richtige Position ausrichten muss, müssen sie sich noch ein Jahr lang gedulden. Bei der täglichen Visite konnten auch die Ärzten und Schwestern des Ospital Ng Paranaque von den Kollegen von „ORH“ lernen.

Dann heißt es, das Equipment wieder einzupacken, Medikamente zu zählen, Versorgungsmittel zu erfassen und den Verbrauch der vergangenen Woche zu dokumentieren. Die technischen Geräte werden eingelagert und die Operationssäle wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. Nach täglich 14 bis 16 Stunden hochkonzentrierten Arbeitens sind alle total erschöpft. Aber diese letzte, wichtige Aufgabe ist schon der erste Schritt der Vorbereitung für die nächste Mission von Operation Restore Hope in Manila, Philippinen, im Frühjahr 2019.

Von Kerstin Decker

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