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Lokales Neun von zehn Eschen in Leipzig sind bereits geschädigt
Leipzig Lokales Neun von zehn Eschen in Leipzig sind bereits geschädigt
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07:02 26.09.2018
Stadtförster Heiko Linhart zeigt auf eine typische Baumkrone, an der das Eschentriebsterben auch für Laien erkennbar ist.Quelle: Jörg ter Vehn
Leipzig

Hymenoscyphus fraxineus - das falsche weiße Stängelbecherchen – macht den Förstern landauf landab das Leben schwer. Der kleine Pilz zerstört ganze Eschenwälder. In Leipzig sind inzwischen 90 Prozent aller Eschen krank – aber es gibt Hoffnung.

Heiko Linhart blickt beruflich viel nach oben. Er leitet das Qualitätsmanagement bei der Abteilung Stadtforste des Amtes für Stadtgrün und Gewässer. Doch was er seit einigen Jahren beim Blick in die Baumwipfel sieht, macht ihn nicht froh. „90 Prozent unsere Eschen haben inzwischen erkennbare Schadenssymptome. Und bei rund 30 Prozent von ihnen ist es auch für Laien sichtbar“, weiß er aus vielen Führungen mit Bürgern.

Unscheinbar, aber verantwortlich für das Eschentriebsterben: das falsche weiße Stängelbecherchen . Quelle: Amadej Trnkoczy/ Wikipedia

Es fängt immer oben an. Die Sporen des Pilzes, die über den Wind verbreitet werden, gelangen über Knospen und Blattöffnungen in den Baum. Die Erreger wachsen in die Triebe, lassen die Blätter erst welken, dann absterben, befallen schließlich ganze Äste, breiten sich auch im Stamm aus. Sichtbar seien auch für Laien die ausgedünnten, ausgelichteten Kronen, erzählt Linhart. Später folgten Verfärbungen der Rinde am Stamm und auch im Wurzelbereich, selbst im Holz seien diese zu finden, erklärt er.

„Betroffen sind eigentlich alle einheimischen gewöhnlichen Eschen“, weiß Biologe Karl Heydel vom Naturkundemuseum. „Selbst die Straßenbäume“, ergänzt Stadtförster Andreas Sickert die Beobachtungen. „Jungbäume sind insgesamt anfälliger als alte, Reinbestände anfälliger als gemischte“, erklärt Heydel.

Krankheit wütet seit den 1990er-Jahren in Europa

Seit den 1990er-Jahren ist das sogenannte Eschentriebsterben in Europa dokumentiert. Über das Baltikum und Polen gelangte der Pilz auch nach Deutschland. „Bei uns wurden die ersten kranken Eschen ab 2010 bemerkt“, so Linhart. „In den ersten Jahren bis 2013 war der Befall extrem, inzwischen ist er etwas abgeklungen“, erklärt Sickert. Es gebe vitale Jungbäume, eventuell auch sich ausbildende Resistenzen gegen die Erkrankung. Und ältere Bäume kämen ohnehin besser mit der Krankheit zurecht. Immun würden die Eschen nicht gegen den Befall, aber sie kämen damit klar, könnten überleben. Die Situation sei aber nach wie vor sehr problematisch. „Bei etwa zehn Prozent unserer Eschen besteht die akute Gefahr, dass sie absterben“, resümiert Sickert.

Mit insgesamt fünf wissenschaftlichen Einrichtungen arbeite der Stadtforst bei der Bekämpfung der Krankheit zusammen. So habe etwa die Uni Freising empfohlen, mehr Linden im Auwald zu pflanzen. Deren Laub helfe bei der schnelleren Zersetzung des Eschenlaubes, auf dem sich die Fruchtträger des Pilzes bilden. Noch vor dem Ausbilden der Sporen soll so deren Verbreitung verhindert werden. Sickert: „Das hilft, den Infektionsdruck zu senken.“ Außerdem gehörten ohnehin mehr Linden in den Auwald. Ihr Anteil betrage dort nur noch vier Prozent, erklärt der Stadtförster. Dabei war Leipzig laut Namenskundlern mal eine „Stadt der Linden“.

Auwald wurde immer schon bewirtschaftet

Ihr Anteil sei in dem Maß gesunken, wie die Leipziger über die Jahrhunderte immer mehr die Wälder bewirtschafteten, erzählt Heyde. Das weiche Holz der Linden habe dem stärkeren, das auch für den Haus- und sogar Geschützbau geeignet sei, weichen müssen. Im Grunde sei dies von Anfang an geschehen, einen „Urwald“ wie ihn sich manche Kritiker wünschten, gebe es schon seit Ewigkeiten nicht mehr.

Wie wichtig die Verkehrssicherung ist, belegt dieser bei einem Sturm abgeknickte Baum im Clara-Zetkin-Park neben dem Glashaus. Verletzt wurde dabei gottlob niemand. Quelle: Jörg ter Vehn

Aber auch die Linden müssten irgendwohin gepflanzt werden, erklärt Sickert. Er und seine Förster planen dies in diesem Herbst zum Beispiel in der Nonne in Schleußig. „Wir wollen in solchen Bereichen eingreifen, die stark geschädigt sind“, sagt er. Anstelle von Ahornen und kranken Eschen, aber auch für Sachsen untypischen Roteichen aus Amerika, sollten die Bäume nachgepflanzt werden. Eschen, die schon über 160 Jahre alt seien, blieben dennoch grundsätzlich stehen, erklärt Heyde eine der Regeln. Andere würden im Wald belassen, um als Totholz die Artenvielfalt erhöhen zu helfen.

Darüberhinaus gebe es aber die Verpflichtung der Stadt zur Verkehrssicherung, erinnerte Sickert. Kranke Bäume, die eine Gefahr für die Waldbesucher auf den Wegen darstellen, müssten entfernt werden. Erst vor einigen Tagen war nach heftigen Winden wieder ein riesiger morscher Ast unweit eines beliebten Freisitzes im Zetkin-Park heruntergekracht. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

Von Jörg ter Vehn

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