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Lokales Nicht zum Lachen: Viele Vereine haben Nachwuchs- und Geldsorgen
Leipzig Lokales Nicht zum Lachen: Viele Vereine haben Nachwuchs- und Geldsorgen
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00:17 14.11.2016
Löwin Leila ließ sich gestern den Rathausschlüssel aushändigen, den ihr Verwaltungschef Ulrich Hörning (links) widerstandslos übergab. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Um 11.11 Uhr hat sie gestern das „dreifach donnernde Helau“ ausgerufen, Löwin Leila, die Frontfrau des Leipziger Karnevals. Im Fellkostüm steckt in dieser Saison Jessica Rößler, eine 26-jährige Friseurin. Seit 2001 tanzt sie in der Garde und im Showtanz des Connewitzer Carneval Clubs. „Ich bin sehr aufgeregt und freue mich riesig, bei allen Karnevalsclubs mal zu Besuch zu sein und zu sehen, wie ihr so feiert“, rief sie dem Publikum zu, als sie gestern im Neuen Rathaus den Rathausschlüssel übernahm, den sie erst am Aschermittwoch zurückbringt. Am Rosensonntag wird Leila den großen Umzug durch die Innenstadt anführen.

Doch die Zeiten für den Leipziger Karneval sind längst nicht mehr rosig. Viele Vereine haben wenig Grund zum Lachen: Die alte Garde ist abgetreten, fast alle Vereine haben Personalsorgen in der mittleren Altersgruppe und suchen außerdem Nachwuchs für ihre Tanzgruppen und für organisatorische Aufgaben. Die Eintrittskarten für die großen Faschingsbälle verkaufen sich schlecht, dabei werden die behördlichen Auflagen von Jahr zu Jahr höher und die Kosten steigen immer mehr. Drei Vereine haben sich schon aufgelöst beziehungsweise pausieren. Der Not gehorchend, machen seit vier Jahren mehrere Karnevalsvereine eine gemeinsame Feier zum Saisonauftakt – doch für die Veranstaltung, die heute Abend im Kulturhaus Eutritzsch steigt, waren bis gestern weniger als 100 Karten verkauft. Der große Rosensonntagsumzug durch die Innenstadt ist auch nicht mehr das, was er mal war: Jedes Jahr sind weniger Wagen am Start, und die, die mitfahren, sind längst nicht mehr so aufwendig gestaltet. Zuschauer kommen immer weniger und die Route wird deutlich kürzer.

„In unseren besten Jahren Mitte der Neunziger haben wir 15 und mehr Veranstaltungen pro Saison ausgerichtet, dieses Jahr machen wir noch zwei“, erzählt Michael Franke (55), 21 Jahre lang Präsident des Connewitzer Carneval Clubs. Zu DDR-Zeiten waren Faschingskarten heiß begehrte Mangelware. Die Leute gingen zum Faschingsball, um mal richtig die Sau rauszulassen und in den Büttenreden Dinge zu hören, die sonst nicht ausgesprochen werden durften. Doch dieser Anreiz ist längst vorbei. „Im ländlichen Bereich funktioniert der Karneval noch gut, da geht man als Kind ins Kinderballett und wächst da rein. Aber in der Großstadt wird es immer schwieriger, weil es so viele andere kulturelle Angebote gibt“, schätzt Franke ein.

Verena Hesse (55), Präsidentin des Grünauer Garneval Glubs, freut sich, dass immerhin zwei junge Leute in ihrem Vorstand mitarbeiten, die aber auch andere Vorstellungen einbringen: „Die sehen vieles anders als unsere Altersgruppe. Sie wollen Tanz und Party, aber keinen Sitzungskarneval.“ Zudem sind die Grünauer Karnevalisten in ihrem Stammhaus, dem Club „Völkerfreundschaft“, nie so richtig heimisch geworden. Dort gibt es keine Bühne, das Publikum hat keine gute Sicht aufs Programm, und die Kosten steigen ständig: „Vor fünf Jahren war die Saison noch 30 Prozent billiger als jetzt“, erzählt die Präsidentin. Trotzdem wollen die Karnevalisten nicht in einen anderen Stadtteil abwandern.

Im Förderkomitee Leipziger Karneval kommt jedes Jahr wieder die Diskussion auf, ob es nicht sinnvoller sei, einen großen Leipziger Karnevalsverein aufzumachen und die Organisation des Straßenkarnevals an eine professionelle Agentur abzugeben, die auch gleich ein Vermarktungskonzept und Sponsoren mitbringt. „Aber dann müssten wir einen Zaun aufstellen und Eintritt verlangen, und das wollen wir nicht“, sagt Steffen Hoffmann (50), Präsident des Förderkomitees. Deshalb machen die Karnevalisten doch immer wieder ehrenamtlich weiter, neben ihren eigentlichen Berufen – mit viel Herzblut, viel Leidenschaft für die Sache und immer auch allerhand Geld, das sie privat zuschießen. „Die großen Förderer sind nicht mehr da, und die Möglichkeiten der Wirtschaft sind nicht mehr so gegeben. Von dem Jahresbudget, das wir vor zehn Jahren zur Verfügung hatten, sind heute nur noch zehn Prozent übrig“, sagt Hoffmann. Aber daraus werde noch sehr viel gemacht.

Von Kerstin Decker

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