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Nobelpreisträger Leonid Kantorowitsch: Lehrmeister der linearen Optimierung

Leipzig-Besuch vor 40 Jahren Nobelpreisträger Leonid Kantorowitsch: Lehrmeister der linearen Optimierung

Wenn von Leonid Witaljewitsch Kantorowitsch (1912–1986) die Rede war, dann kam spracheffektiv meist das Kürzel LWK zum Einsatz. Der russische Mathematiker und Ökonom war einst auch in Leipzig bekannt genug, als dass immer seine Vor- und Zunamen in voller Länge ausgebreitet werden mussten.

Bei Kaffee, Weinbrand und Wasser analysiert Wirtschaftsnobelpreisträger Leonid Witaljewitsch Kantorowitsch 1976 Computerausdrucke in Leipzig. Rechts Eberhard Kummerow, der damals am Organisations- und Rechenzentrum der bezirksgeleiteten Industire arbeitete. Links der auch als Dolmetscher fungierende Günter Peißker.
 

Quelle: Uwe Pullwitt

Leipzig.  Wenn von Leonid Witaljewitsch Kantorowitsch (1912–1986) die Rede war, dann kam spracheffektiv meist das Kürzel LWK zum Einsatz. Der russische Mathematiker und Ökonom war einst auch in Leipzig bekannt genug, als dass immer seine Vor- und Zunamen in voller Länge ausgebreitet werden mussten. Bei der Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises 1975 gab es Schwierigkeiten, weil der üppige Namenszug nicht auf die Medaille passte. Erst mit einer Prägung in kleinerer Schriftgröße konnte das Problem gelöst werden.

Als Kantorowitsch im Nobel-Wissenschaftsolymp ankam, trug in Leipzig bereits seit mehreren Jahren das Organisations- und Rechenzentrum der bezirksgeleiteten Industrie seinen Namen. Hier wurde praktiziert, was LWK in den Grundzügen schon 1939 erdachte – die lineare Optimierung von Produktions-, Absatz- und Transportplanungen. Auf vertraglicher Basis ackerten die in dem Leipziger Datenverarbeitungszentrum installierten Computer der Marken Robotron-300 und BESM-6 für über 200 Firmen in der DDR und im sozialistischen Ausland. Eigentlich rechnete in dem Betrieb keiner damit, dass der hochdekorierte Kantorowitsch der Einladung zur Anwendertagung im November 1976 folgen würde. „Es glich einer Sensation, dass er zu unserer Konferenz kam“, erinnert sich Eberhard Kummerow an jene Tage, als LWK an der Pleiße nicht nur mit einem kritischen Plenarvortrag ohne Formelwust aufwartete, sondern vom Pult aus praktisch direkt in die Produktion marschierte. Der Mann, der mit 22 Lenzen in Leningrad Mathe-Professor wurde, suchte in Leipzig den Kontakt zur Basis in mehreren Betrieben. In memoriam des Nobelpreisträger-Besuches vor 40 Jahren, bei dem Kummerow einer der Aktivposten war, hat er nun eine Denk- und Streitschrift verfasst.

Jenseits des öffentlichen Begängnisses gab es abends im Hotel auch persönliche Gespräche, weiß der Zeitzeuge zu berichten. Bei „zwei bis drei Gläschen Wodka“ habe LWK erzählt, dass er an der Entwicklung der sowjetischen Atombombe beteiligt war und 1965 den Leninpreis für seine Vision bekam, die gesamte UdSSR-Volkswirtschaft mit 50 Großrechnern steuern zu wollen. Kantorowitsch blieb die Leipzig-Visite in bester Erinnerung, 1978 revanchierte er sich mit einer Einladung nach Moskau ans Allunionsinstitut für Systemforschung. Gänzlich harmonisch ging es dabei nicht zu. Das theoretische Fundament der sogenannten Komplexmethode, um die in der DDR ein regelrechter Kult entstand, wurde von den sowjetischen Fachleuten stark angezweifelt, erinnert sich Kummerow. Er schreibt meist in der Wir-Form. Denn enge Kontakte zu LWK pflegte ebenso Werner Lassmann, der in Leipzig seine Karriere begann und mit Kummerow 1975 ein Buch zur „Produktionsplanoptimierung“ herausbrachte. 1984 zum Professor für Wirtschaftsinformatik an der Uni Halle berufen und 2003 emeritiert, nennt Lassmann den Nobelpreisträger seinen Doktorvater.

Um dessen Gunst entstand einst Gerangel: Als ihm die Uni Halle 1984 die Ehrendoktorwürde verlieh, habe LWK auf einen Abstecher an die Leipziger Universität bestanden, wo „ich ab 1982 eine computertomografische Benutzeroberfläche für die lineare Optimierung entwickelte“, heißt es in der von Dr. oec. habil. Ing. Eberhard Kummerow vorgelegten Denkschrift. Kantorowitsch habe sich sehr für diese Methode – eine Art Röntgenbild mit Schwach- und Starkstellen von Betrieben – interessiert, sogar 1983 ein Gutachten dazu verfasst. Drei Jahre später starb die Mathe-Koryphäe in Moskau, wo Kummerow und Lassmann 1978 sogar in seiner Privatwohnung zu Gast waren.

Das Andenken an ihren Mentor halten beide getrennt wach: Kummerow, inzwischen 74 Jahre, belebt es gewissermaßen noch beruflich als Entwicklungschef am Institut für angewandte Optimierung in der Schweiz. Lassmann (78) wiederum gründete an der Uni Halle ein Institut für Unternehmensforschung und Unternehmensführung, das seit 2001 den Kantorowitsch-Forschungspreis vergibt. Zuweilen taucht LWKs-Formelwerk noch immer in Leipzig auf. 2012 verteidigte Marina Yagovkina an der HTWK ihre Bachelorarbeit zu „einigen frühen Beiträgen des Nobelpreisträgers Kantorowitsch“.

Von Mario Beck

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