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Lokales Nur noch abwärts – Paternoster stehen in Leipzig vor dem Aus
Leipzig Lokales Nur noch abwärts – Paternoster stehen in Leipzig vor dem Aus
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23:59 21.04.2014
Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau im Rathaus-Paternoster Quelle: André Kempner

Und auch ihn dürfen neuerdings allein Rathaus-Mitarbeiter benutzen.

Zwar war Leipzig nie so eine Paternoster-Hochburg wie Hamburg, wo 1886 der erste in Deutschland gebaut und noch per Dampfmaschine angetrieben wurde. Von den 679 Anlagen, die 1936 landesweit gezählt wurden, befand sich über die Hälfte in der Hafenstadt. Aber nicht nur in den Kontorgebäuden an der Elbe (dort sind noch heute rund 40 Anlagen im Einsatz), sondern auch in Verlags-, Handels- und Messehäusern an der Pleiße sorgten Paternoster für das Auf und Ab der Leute - vorwiegend der einfachen Mitarbeiter, weshalb man sie spöttisch "Proletenbagger" nannte.

Dennoch blieben sie faszinierend. Im Internet schreibt ein Leipziger namens Alex: "Auch ich wurde von meiner Mutter früher (DDR) immer heimlich mit in den Paternoster genommen, wenn wir im alten Betrieb der Leipziger Kommissions-und Großbuchhändler (LKG) waren. Für Kinder war es nämlich verboten mitzufahren. So sind wir immer am Pförtner vorbei eine Etage hochgelaufen und dann erst eingestiegen. Es war und ist ein unglaubliches Gefühl, wenn Mensch oben beziehungsweise unten die Richtung mit der Kabine ändert."

Ein anderer Fan hat auf Youtube einen 20-Sekunden-Film des Paternosters im alten Hauptgebäude der Universität am Augustusplatz eingestellt. Es wurde 2007 abgerissen. Der Film entstand kurz zuvor: "in its last days of life".

Fast alle Paternoster in Leipzig ereilte ein trauriges Schicksal. Mit dem Abbruch des Robotron-Gebäudes in der Gerberstraße (wo die Sächsische Aufbaubank ihre neue Zentrale errichten will) und des früheren Sitzes des Baukombinates in der Grimmaischen Straße (wo ein neues Motel-One-Hotel am 1. August öffnet) verschwanden erst jüngst wieder zwei der letzten Umlaufaufzüge. Die meisten wurden schon in den Neunzigerjahren entfernt oder zumindest stillgelegt - so im Europahaus, Kretschmanns Hof, beim PKM-Anlagenbau für Kohleveredlung am Dittrichring 18-22, im LVZ-Verlagsgebäude am Peterssteinweg oder auf dem MDR-Gelände im einstigen Schlachthof der Stadt.

Die schon erwähnte Anlage bei LKG an der Prager Straße war ausgebaut, bevor die CG-Gruppe das Haus 2012 erwarb und begann, es zu sanieren. Im sogenannten Königsbau der Bleichertwerke an der Lützowstraße (zu DDR-Zeiten als VEB Verlade- und Transportanlagenbau der Stammbetrieb des Takraf-Kombinats) gibt es hingegen bis heute einen Paternoster. Nur ist er seit einem Brand 2009 hinüber, erzählt CG-Chef Christoph Gröner: "Wir würden ihn bei der Wiederbelebung des Areals gern reanimieren, aber wahrscheinlich geht das rechtlich nicht. Wir prüfen das gerade."

Aus Sicherheitsgründen wurde der Bau neuer Anlagen in Westdeutschland bereits 1974 verboten. In der nicht gerade kirchenfreundlichen DDR schuf der VEB Aufzugswerk Leipzig indes weiter vielerorts Paternoster - obwohl deren Name von der Ähnlichkeit des Konstruktionsprinzips zu Gebetsketten herrührte (Paternoster heißt Vaterunser).

Auch das derzeit letzte funktionstüchtige Exemplar im Neuen Rathaus wurde 1986 vom VEB Aufzugswerk errichtet. Nachdem es zuletzt einige Unfälle beim Ein- und Aussteigen in die 16 Kabinen gab, erstellten Stadt und Tüv eine Gefährdungsbeurteilung, teilte das Amt für Gebäudemanagement auf Anfrage mit. Im Ergebnis dürfen nur noch Rathaus-Mitarbeiter den Paternoster nutzen, die dazu regelmäßig geschult werden. Für Besucher hängen jetzt vor Ort Verbotszettel. Sie können für Leipzigs Paternoster nur noch beten.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.04.2014

Rometsch, Jens

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