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Obrist Prendel - Fußballegende Bauchspieß und der legendäre Leipziger Stadtkommandant

Obrist Prendel - Fußballegende Bauchspieß und der legendäre Leipziger Stadtkommandant

Trifft man sich mit Bernd Bauchspieß (73), meint man, mit ihm nur über Fußball reden zu können. Weit gefehlt. Natürlich geht's auch beim jüngsten Gespräch bei ihm daheim mit Blick aufs Völkerschlachtdenkmal nicht ohne jenen Sport ab, der den "Spießer" legendär und unvergessen werden ließ.

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Die BSG Chemie und ihr Star-Stürmer Bernd "Spießer" Bauchspieß.

Quelle: Westend

Trotz des Sommerhochs bei den RB-Bullen sei daran erinnert: Die BSG Chemie aus Leutzsch, der "Rest von Leipzig", wurde 1964 Meister. Das Jahr darauf stand Bauchspieß für die DDR im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro auf dem Platz - 1:1 gegen das damalige Topteam von Atletico Madrid. Und der "Spießer" als Torschütze: "Matz Vogel schlug den Ball vors Tor, ich ihn einfach rein. Doch das ist Geschichte", sagt Bauchspieß mit leicht glänzenden Augen.

Geschichte!? Bauchspieß will jetzt nicht über Fußball debattieren. Er wohnt schließlich seit dem 30. Mai 1968 - genau, seit jenem Tag, an dem die Universitätskirche gesprengt wurde - in der Kommandant-Prendel-Allee. Da es in diesen Tagen mit Riesenschritten aufs 200-jährige Gedenken an die Völkerschlacht zugeht, outet sich Bauchspieß als Fan eines Helden und will damit dazu beitragen, Victor von Prendel wieder populär zu machen.

"Manch junger Leipziger weiß doch gar nicht mehr, wer dieser Prendel war. Als ich jüngst in einer Leipziger Buchhandlung nach neuer Literatur zur Völkerschlacht fragte und dabei auch auf ihn zu sprechen kam, sagte der Verkäufer zu mir: ,Ach, Sie meinen den kommunistischen Widerstandskämpfer.'" Das brachte Bauchspieß auf die Palme: "Gerechtigkeit für meinen Kommandanten! So viel Dummheit ist doch ein Trauerspiel."

Mithin steht der "Spießer" für die "historische Wahrheit": Obrist von Prendel (1766-1852) hatte ein sehr bewegtes Soldatenleben. Er entstammte einem alten Tiroler Adelsgeschlecht. Der Österreicher trat 1804 in die Kaiserliche Russische Armee ein, führte Husaren- und Kosakeneinheiten, war vor allem Partisan, nahm an fast allen großen Schlachten jener Zeit teil, so auch an der von Austerlitz 1812 und der Völkerschlacht 1813. Immer war er, weil zudem ein Sprachgenie, als Diplomat in ganz Europa aktiv.

Nach der Völkerschlacht wurde Prendel von Zar Alexander zum Stadtkommandanten von Leipzig ernannt. Er stand damit vor der schier unlösbaren Aufgabe, die geschundene Stadt in ein halbwegs normales Leben zurückzuführen. Tote waren zu bestatten, Kadaver zu beseitigen, schlimme Krankheiten zu bekämpfen, Lazarette einzurichten, Lebensmittel zu beschaffen. "Prendel genoss hohes Ansehen, er agierte mit Strenge, aber auch mit großer Fürsorge", erzählt Bauchspieß.

Legendär sind die zahlreichen "Bekanntmachungen", mit denen sich der Kommandant an die Leipziger wandte. So gab er mit Datum 14. September 1814 kund: "Jeder auf denen Straßen zu Fuß Gehende hat den gerechten Anspruch, daß wenn jemand hinter ihm gefahren kömmt, selber dem zu Fuß voraus Gehenden besonders während der Meßzeit, bevor er ihm mit denen Pferde-Köpfen anfährt, zurufen soll; überhaupt werde ich strenge darauf halten, daß jedermann in denen Straßen langsam fährt."

Und zum ersten Jahrestag der erfolgreich gegen Napoleon geführten Schlacht verkündete Prendel: "Der morgende Tag der 19. Oktober ist für Gott, den Allmächtigen, als Dankfest bestimmt, der Grund dazu liegt in den Herzen jedes braven Leipzigers! Diesen unvergesslichen Tag ganz ungestört feiern zu können, muss jedes öffentliches Gewerbe unterlassen, jedes Gewölbe verschlossen bleiben, und Gebet und Frohsinn dürfen statt finden." Wenig später wurde der Diener des Zaren als Stadtkommandant abgelöst, der Rat der Stadt verlieh ihm für seine Verdienste das Ehrenbürgerrecht.

Bauchspieß kennt die Geschichte und hat für sie eine Menge übrig. Zu Hause hortet er Bücher über "seinen" General. Kommen gute Freunde zu Besuch, kriegen die eins als Erinnerungsgeschenk. Im Treppenhaus hängt das Porträt des verehrten Altvorderen an der Wand. Und immer, wenn in der Stadt an die Sprengung der Paulinerkirche erinnert wird, ist Bauchspieß aufs Neue historisch sensibilisiert: "Als ich hier einzog, fuhren Lkw die Trümmer der Kirche an unserem Haus vorbei. Auch das werde ich nie vergessen." So wie jenen Tag, als er Fußballmeister wurde.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.07.2013

Thomas Mayer

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