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Lokales Ökostrom: „Wir geben Leipzigs Geld für ein leeres Versprechen aus“
Leipzig Lokales Ökostrom: „Wir geben Leipzigs Geld für ein leeres Versprechen aus“
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00:19 14.02.2018
Energiewirtschaftler Dietmar Ufer (84) sieht den Kauf von Ökostrom aus Norwegen durch den Stadtkonzern Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV) überaus kritisch. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Dietmar Ufer ist promovierter Energiewirtschaftler. Der 84-Jährige hat von 1970 bis 1998 im Institut für Energetik in Leipzig als stellvertretender Direktor und Bereichsleiter für Energie und Ökologie gearbeitet. Im Interview mit der LVZ nennt er Deutschlands Energiepolitik und Energiewende „verhängnisvoll“ und befürchtet, dass sie riesigen volkswirtschaftlichen Schaden verursacht.

Sie finden es nicht gut, dass Leipzigs Stadtkonzern LVV für die Straßenbahnen der Leipziger VerkehrsbetriebeÖkostrom eingekauft hat, der zu 100 Prozent aus Wasserkraftwerken in Norwegen stammt. Warum?

Weil es zwischen Norwegen und Deutschland keine Stromleitungen gibt. Und wenn es solche Kabel geben würde, dann wäre es noch lange nicht sicher, dass in Leipzig Strom aus Wasserkraft ankommt. Denn der Strom fließt nach naturwissenschaftlichen Gesetzen und nicht nach den Wünschen der Kaufleute. (Anmerkung der Redaktion: Im Jahr 2016 hat der Bau einer Stromleitung zwischen Norwegen und Deutschland begonnen, die im Jahr 2020 fertig sein soll.)

Was genau läuft denn dann in Wirklichkeit ab?

Die Kunden werden getäuscht. Der Trick funktioniert wie folgt: Der Ökostrom-Käufer erhält selbstverständlich den unvermeidlichen deutschland- beziehungsweise regionaltypischen Strom-Mix. Aber es werden im Ausland, zum Beispiel in Norwegen, Zertifikate für Wasserkraftstrom gekauft, der zwar dort erzeugt wird, tatsächlich aber Norwegen wegen fehlender Leitungen überhaupt nicht verlässt. Das Geschäftsmodell „Ökostrom“ sieht das realistischerweise auch überhaupt nicht vor.

Aber in Norwegen werden doch enorme Mengen an Wasserkraft erzeugt.

Die Stromerzeugung Norwegens stützt sich auf dessen große Wasserkraft-Ressourcen, weshalb dieses Land in seiner wahren Energiebilanz 98 Prozent „erneuerbare Energie“ aufweist. Durch den Zertifikate-Handel ändert sich nun Norwegens Energiebilanz dramatisch – aber nicht in der physikalischen Realität: Die „verkaufte“ Energie aus Wasserkraftwerken muss etwa durch Kohle- oder Nuklearstrom „ersetzt“ werden, obwohl es dort praktisch keine fossilen Kraftwerke und kein einziges Kernkraftwerk gibt. Auf dem Papier ist Norwegen dank der Einkäufe aus Deutschland plötzlich nicht mehr der „vorbildliche“ Ökostromerzeuger.

Sie meinen, das alles ist ein riesiger Betrug?

Wir geben Leipzigs Geld für ein leeres Versprechen aus. Es werden Stromzertifikate aus norwegischer Wasserkraft gekauft. Die Mehrkosten bezahlt der deutsche Kunde und subventioniert damit die norwegischen Wasserkraftwerke. Die deutsche Kohlendioxid-Bilanz verändert sich um kein Gramm, da der an die Kunden, zum Beispiel an die Leipziger Straßenbahn, gelieferte Strom nicht eine einzige Kilowattstunde norwegischen Wasserkraftstroms enthält. Wie diese Rosstäuscherei einen Beitrag zur Energiewende in Deutschland leisten soll, müsste die Bundesregierung erklären, die dieses Treiben duldet. Man muss wohl davon ausgehen, dass die Regierung in Berlin diese Methoden billigt, da sie politisch erwünschte ökologische Erwartungen scheinbar erfüllen.

Sollte Leipzig deshalb jetzt besser auf den Bezug von Strom und Fernwärme aus dem Kohlekraftwerk Lippendorf verzichten, wie es Bündnis 90/Die Grünen fordern?

Warum sollten wir auf Strom verzichten, der zuverlässig, kostengünstig und umweltfreundlich hergestellt wird?

Interview: Andreas Tappert

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