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Oma zu vermieten - Senioren helfen jungen Familien in Leipzig aus der Klemme

Oma zu vermieten - Senioren helfen jungen Familien in Leipzig aus der Klemme

Lange Arbeitstage, unflexible Kita-Öffnungszeiten und keine Großeltern, die helfen könnten – vielen Eltern fällt es schwer, Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bekommen.

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Marlen und Nele Engwer zusammen mit ihrer Wunsch-Oma Ingrid Wünsching (v.l.).

Quelle: André Kempner

Leipzig. In Leipzig besteht die Möglichkeit, sich Wunsch-Großeltern „zu mieten“. Die Nachfrage ist riesig.

Der Donnerstag ist für Nele einer der schönsten Tage in der Woche: Oma Ingrid holt sie am Spätnachmittag aus dem Kindergarten in Möckern ab. Auf dem Heimweg nach Gohlis geht es noch mal fix zum Bäcker. „Ich kann mir immer noch etwas zum Naschen aussuchen“, schwärmt die Fünfjährige. Zuhause angekommen liest die Oma der Kleinen Märchen vor, gemeinsam spielen sie mit Neles Lieblingsplüschpferd.

„Wenn ich von der Arbeit komme, ist meine Tochter ,gewaschen und gebügelt‘, hat Sandmann geguckt und ich brauche ihr nur noch Gute Nacht sagen“, freut sich die 35-Jährige Marlen Engwer. Ingrid Wünschig ist mit den Engwers nicht verwandt. Sie ist eine Wunsch-Omi.

Der Verein Leipziger Senioren- und Familienselbsthilfe (Sefa) bietet seit 2001 den sogenannten Großelterndienst an. „Die ersten ,Miet-Omas’ gab es in Berlin. Wir haben uns das Konzept vor Ort angeschaut und in abgewandelter Form für Leipzig übernommen“, erklärt die Projektleiterin Ursula Heiler. Der Dienst ist mit dem Ziel gestartet, Alleinerziehende, junge Eltern und Sozialschwache zu unterstützen.

Mittlerweile wünschen sich auch immer mehr Selbstständige und Paare, die viel und lange arbeiten, einen Oma-Ersatz. „Die Nachfrage ist enorm. 70 Eltern stehen auf der Warteliste“, so Heiler. Sie würde gern allen helfen, aber es mangele einfach an freiwilligen Großeltern. „Derzeit haben wir 80 aktive Wunsch-Großeltern – 77 Omas und drei Opas.“ Viele hätten noch nichts vom Großelterndienst gehört oder haben ganz einfach Angst vor der Verantwortung. Hier versucht die Sefa mit Infoständen und direkter Ansprache aufzuklären: „Die Großeltern sind während ihres Dienstes bei uns unfallversichert wie in einem regulären Arbeitsverhältnis.“

Mitmachen ist leicht

Wunsch-Großeltern zu werden ist ganz einfach. Ein Anruf bei der Sefa genügt. Ursula Heiler erklärt das Prozedere: „In einem persönlichen Gespräch lernen wir einander kennen. Sind Fragen und Vorstellungen besprochen, suchen wir für die Oma oder den Opa eine passende Familie.“ Das erste Kennenlernen zwischen Kindern, Eltern und Wunsch-Großeltern finde in der Regel bei den Eltern in der vertrauten Umgebung des Kindes statt. „Bei diesem Treffen wird geklärt, ob Sympathie vorhanden ist. Ist das der Fall, kann mit der Betreuung begonnen werden“, so Heiler. Soll der Großelterndienst nach einer sechswöchigen Probezeit fortgesetzt werden, müssen die Eltern Mitglied bei der Sefa werden.

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Projektleiterin Ursula Heiler.

Quelle: Regina Katzer

So geschehen bei Marlen Engwer: „Noch vor einem Jahr hatte ich ein massives Betreuungsproblem.“ Sie arbeitet als Sachbearbeiterin bei einer Versicherung im Waldstraßenviertel. Neles Kita in Möckern hat nur bis 17 Uhr geöffnet. „Das ist einfach nicht zu schaffen für jemanden, der auch mal bis 18 Uhr arbeiten muss. Das sind Öffnungszeiten – völlig an der Realität vorbei“, findet die junge Frau. Anfangs habe der Freundeskreis ausgeholfen und Nele abends abgeholt. Eine Dauerlösung war das nicht. Da die eigentlichen Großeltern rund 500 Kilometer entfernt wohnen, wandte sich Marlen Engwer an die Sefa.

„Die Chemie zwischen Nele, ihrer Mutter und Frau Wünschig hat auf Anhieb gestimmt“, erinnert sich die Projektleiterin. Die 62-jährige Wunsch-Oma, angestellt bei der Stadt, ist im passiven Teil ihrer Altersteilzeit angekommen. „Ich wollte nicht nur zu Hause sitzen, wollte aktiv sein. Meine zwei Kinder sind zwar schon groß, aber eigene Enkel habe ich noch nicht. Also habe ich im Internet nach einer sinnvollen Tätigkeit gesucht und mich für den Großelterndienst gemeldet“, beschreibt sie den Grund ihres Engagements.

Austausch beim Frühstück

Die Omas und Opas arbeiten ehrenamtlich, bekommen lediglich eine kleine Aufwandsentschädigung von den Eltern. Einmal im Monat veranstaltet die Sefa ein Großelternfrühstück, bei dem neben Erfahrungen auch Bastel- und Ausflugstipps für die Kinder ausgetauscht werden.

„Alle unsere Großeltern sind geistig und körperlich fit und würden sich auf Dauer zu Hause langweilen. Durch die Betreuung der Kinder erhalten sie eine neue Aufgabe, die sie fordert und gleichzeitig Spaß macht“, berichtet Ursula Heiler. „Man merkt, dass die Omas den Kindern etwas beibringen möchten. Mit all ihrer Lebenserfahrung sind die Großeltern zudem die perfekten Geschichtenerzähler.“ Eines sind sie jedoch nicht: Kita- oder Mutterersatz. „Ich betreue Nele. Ich erziehe sie nicht. Das ist Sache der Mutter. Wenngleich die Art, wie Marlen das macht, voll auf meiner Wellenlänge ist“, so Ingrid Wünschig.

Die älteste Oma bei der Sefa ist 78 Jahre alt und kümmert sich sogar um die Kinder zweier unterschiedlicher Familien. Manche der Wunsch-Omas sind schon seit über zehn Jahren dabei. „Der Großelterndienst ist auf Langfristigkeit ausgelegt. Die Wunsch-Oma ist keine Nanny. Sie ist wie eine richtige Oma mit all der Emotionalität und Herzenswärme, die dazugehört“, beschreibt Heiler das Konzept und fügt hinzu: „Oftmals geht die Beziehung über die reine Kinderbetreuung hinaus. Die Miet-Großeltern nehmen die Kinder schon mal mit in den Urlaub. Im Gegenzug werden die Omas und Opas auf Hochzeiten und Weihnachtsfeste eingeladen.“

Zum Ende des Jahres streicht die Stadt ihre Fördermittel für die Sefa. Sponsoren und Spenden gibt es bislang nicht. Ursula Heiler wird ehrenamtlich weitermachen, weil sie von der Wichtigkeit des Großelterndienstes überzeugt ist. Jeden Tag erfahre sie, wie dankbar die Kinder für ihre Wunsch-Omis und wie glücklich die Wunsch-Omis mit ihren Kindern seien.

Nele hat inzwischen auch das Herz von Opa Norbert, Ingrid Wünschigs Gatten, erobert. Geburtstage feiern die Familien mittlerweile zusammen. Und kommt Marlens Mutter Iris aus Heidenheim, trinken Leih- und Echt-Oma gern auch mal zusammen Kaffee.

Manuel Binternagel und Angelika Raulien

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