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Lokales Pannenserie bremst Leipziger XL-Straßenbahnen aus
Leipzig Lokales Pannenserie bremst Leipziger XL-Straßenbahnen aus
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21:32 03.05.2018
Sorgenkind der LVB: Die neuen XL-Straßenbahnen der LVB leiden an diversen Kinderkrankheiten. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

 Es sollte ein Prestigeprojekt werden, doch die neue XL-Straßenbahn entwickelt sich für die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) immer mehr zum Flop. Neun Monate nach dem Start im Linienbetrieb werden die Fahrzeuge des polnischen Herstellers Solaris noch immer von massiven Technik-Pannen ausgebremst. Fahrgäste berichten, dass es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Ausfällen auf der Linie 4 kam, auf der die Bahnen seit Juli vergangenen Jahres im Einsatz sind.

Im Schnitt jeden zweiten Tag ein Ausfall

Insgesamt 54 Mal wurden nagelneue XLs von Anfang Januar bis Ende März wegen technischer Probleme aus dem laufenden Betrieb genommen. Das bestätigten die LVB jetzt auf Anfrage der Leipziger Volkszeitung. Im Schnitt musste mindestens an jedem zweiten Tag ein Fahrzeug in die Werkstatt. Über liegengebliebene oder zu heiße Bahnen häufen sich auf der Facebook-Seite der Verkehrsbetriebe die Beschwerden. „Herzlich willkommen in der kostengünstigen Sauna“, schreibt eine LVB-Kundin sarkastisch. „Eure neuen ‚Super-Bahnen‘ sind echt der letzte Husten“, schimpft ein anderer Facebook-User und fragt: „Am falschen Ende gespart?“

Mehr als 120 Millionen Euro kosten die neuen Bahnen die LVB – insgesamt sollen 41 Exemplare angeschafft werden. Quelle: Dirk Knofe

Tatsächlich kämpfen die LVB bereits seit vergangenem Sommer mit Problemen an den Klimaanlagen. Im Winter hatte es Kritik gegeben, dass die Bahnen zu kalt seien. Teilweise blieben zuletzt auch Bahnen wegen Antriebs- und Softwareproblemen einfach stehen. Nicht funktionierende Leuchtstreifen an den Türen sind noch eine der kleineren Kinderkrankheiten. „Letztens erst stieg ich in eine ‚neue‘ Bahn der Linie 4 und durfte dann wieder aussteigen“, berichtet ein Fahrgast. „Das Problem war, dass die Türen nicht aufgingen und der Fahrer mit sanfter Gewalt eine Tür aufdrückte und die Passagiere unter seinem Arm durchkrabbeln mussten.“

Weniger Bahnen geliefert als bestellt

Die XL-Bahnen des polnischen Herstellers Solaris wurden speziell für die LVB entwickelt. 41 Exemplare der drei Millionen Euro teuren Fahrzeuge wollen die Verkehrsbetriebe bis 2020 anschaffen und damit die veralteten Tatras im Linienbetrieb ersetzen – die Investitionssumme beträgt mehr als 120 Millionen Euro. Bislang sind jedoch erst zwölf statt 14 bestellte Fahrzeuge in Leipzig eingetroffen.

Im Interview spricht Mario Blumstengel (49), Projektleiter für die neuen XLs bei den LVB, über die Gründe für die Pannenserie, Lieferschwierigkeiten und die Entscheidung, mit weiteren Bestellungen vorerst abzuwarten.

Defekte Leuchtstreifen an den Türen sind nur eines der Probleme, die LVB-Projektleiter Mario Blumstengel Kopfzerbrechen bereiten. Quelle: Dirk Knofe

Herr Blumstengel, im Dezember 2016 kam die erste XL nach Leipzig, seit dem vergangenen Juli fahren die Bahnen im Linienbetrieb auf der Linie 4 – warum kommt es dort immer wieder zu Ausfällen?

Seit Mitte vergangenen Jahres sind wir jetzt über 300.000 Kilometer mit den neuen XL im Betrieb gefahren. Die XL sind sichtbar in der Stadt angekommen und kontinuierlich im Betrieb. Wir sind jedoch weiter mit Einstellarbeiten der technischen Systeme konfrontiert. Darunter leiden mitunter auch unsere Kunden. Das bedauern wir sehr und wollen gar nichts verschweigen.

Probleme mit Klimaanlage und Antriebstechnik gab es bereits seit dem vergangenen Sommer, wo hakt es aktuell?

Die Feineinstellungen der Antriebstechnik sind fast abgeschlossen. Die Klimaanlage macht uns noch immer Sorgen. Nachbesserungen sind nötig, da Anlagen unter bestimmten Situationen ausfallen und nicht mehr selbstständig anlaufen. Wenn eine Lüftung nicht mehr funktioniert, muss die Bahn kurzfristig in die Werkstatt – das ist den Fahrgästen nicht zuzumuten.

Was wird getan, um die Probleme zu lösen?

Eine Task Force des Herstellers Solaris arbeitet mit Hochdruck an der erforderlichen Lösung. Auch der Klimaanlagenhersteller ist regelmäßig vor Ort. Die konkrete Störursache konnte noch nicht gefunden werden. Weitere Nachbesserungen gibt es im Diagnosesystem der Antriebstechnik. Dieses zeigt hier immer wieder Fehler an. Derzeit läuft ein Test mit einer aktualisierten Software. Wann die Probleme gelöst sind, lässt sich aktuell nicht abschätzen, da wir noch auf Fehlersuche sind.

Wie viele Technik-Ausfälle gab es in den vergangenen Monaten?

Im Januar hatten wir 15 fahrgastwirksame Ausfälle, im Februar ebenfalls 15 und im März 24 – da waren bereits mehr Fahrzeuge in Betrieb. Dass nachgebessert werden muss, ist normal bei einer Neuentwicklung. Wir haben es mit einem Fahrzeug zu tun, das speziell auf unsere Leipziger Bedürfnisse angepasst ist. Ein solcher Prozess der Neueinführung dauert in der Regel zwei Jahre – mindestens. Wir kommen jedoch im Sinne unserer Kunden nicht schnell genug voran. Da setzen wir den Hersteller massiv und permanent unter Druck.

Geplant war der Einsatz von 14 Bahnen bis Ende 2017. Derzeit erweckt es den Eindruck, dass deutlich weniger Bahnen im Netz sind.

Das stimmt, das Ziel haben wir nicht erreicht. Aktuell sind zwölf XL-Bahnen in Leipzig, zehn davon sind im Netz unterwegs, zwei befinden sich in der Inbetriebnahmephase. Der Grund für die Verzögerung liegt beim Hersteller. Es gab im Serienhochlauf Lieferschwierigkeiten von Sublieferanten bei der Antriebstechnik und Fahrwerken sowie einen Kapazitätsengpass bei der Lackierung. Wir sind dadurch fast ein halbes Jahr in Rückstand geraten, haben jedoch kontinuierlich neue Fahrzeuge bekommen und werden diese weiter geliefert bekommen.

Werden trotz der Technik-Probleme jetzt weitere Fahrzeuge bestellt?

Unser Schwerpunkt derzeit liegt in der Feineinstellung und Umsetzung der erforderlichen Lösungen. Wir haben verbindlich insgesamt 23 Fahrzeuge bestellt und gehen davon aus, dass die restlichen in diesem Jahr geliefert werden. Danach wollen wir noch zwei Optionen von jeweils neun Fahrzeugen ziehen und setzen auf den Hersteller, um die technischen Probleme zu lösen. Bevor der Hersteller nicht zeigt, wie er die Fehler abstellen will, werden wir keine weiteren Fahrzeuge abrufen.

Das heißt, es gibt einen Bestellstopp?

Dafür gibt es keinen Grund. Selbstverständlich nutzen wir alle Hebel um die erforderlichen Nachbesserungen zu beschleunigen. Wir wollen die Optionen bestellen und brauchen rasch die größeren Fahrzeuge, weil unsere Fahrgastzahlen stetig steigen. Der Hersteller ist bei der Fehlersuche im Detail sehr engagiert. Jetzt muss er auch die Lösungen liefern.

Bei manchen Fahrgästen entsteht der Eindruck, die LVB hätten am falschen Ende gespart. Haben Sie den Zuschlag für Solaris bislang bereut?

Nein, bereut haben wir es nicht, denn wir haben ein neuentwickeltes Fahrzeug bekommen, das zu uns und der wachsenden Stadt mit ihren engen Kurven und der besonderen Spurweite passt. Auch andere Nahverkehrsunternehmen durchlaufen diese branchenübliche Projektphase mit anderen Fahrzeugherstellern. Die Phase der Stabilisierung hätten wir mit anderen Fahrzeugen genauso gehabt – möglicherweise mit anderen Schwerpunkten. Das zeigen auch die Branchenerfahrungen der Vergangenheit.

Was haben die Technik-Probleme die LVB bislang gekostet?

Das Risiko für die Projektphase trägt alleine der Fahrzeughersteller. Uns entstehen keine zusätzlichen Kosten. Alle Reparaturen und Nachbesserungen übernimmt der Hersteller.

… gilt das auch für die flackernden Lichtstreifen an den Türen?

Ja, der österreichische Hersteller hat hier Nachbesserung angekündigt. Die Lichtbänder, die mit rotem und grünem Signal den Abfahrstatus der Bahn anzeigen sollen, haben Störungen bei den Farbanzeigen. Manche fallen auch aus. Das hängt mit der Bordspannung in den Fahrzeugen zusammen. Dieses System soll durch ein stabileres ersetzt werden. Das wird in den nächsten Wochen – bis zum Sommer – getestet und dann an allen Türen der Bahnen installiert.

Wie sehen trotz der Probleme die weiteren Pläne für den Einsatz der XLs aus?

Von Mitte des Jahres an werden die Bahnen beginnend auch auf der Linie 10 eingesetzt. Die nächste Fahrzeugtaufe ist auch schon geplant. Nach Weiße Brücke, Corso, Tille und Johannapark soll die nächste Bahn im Mai öffentlich getauft werden. Sie trägt den Namen „Alfred-Kunze-Sportpark“.

Von Robert Nößler

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