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Passagen-Serie: Flanieren durch die "Fantastischen Vier"

Passagen-Serie: Flanieren durch die "Fantastischen Vier"

Rätselhafte Bilderwelt oder modernes Stadtleben: In luftiger Höhe rollen Autos über eine Brücke, die ins 19. Jahrhundert führt, schräg darunter fällt der Blick auf ein barockes Stadtpalais, über das sich ein langer Kranarm schiebt.

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Die Höfe am Brühl.

Quelle: André Kempner

Was hängt dran? Eine goldene Eule. Damit nicht genug: Meterhoch drängt sich ein berühmter Römer ins Bild. Wo das alles miteinander verwoben ist? Im Leipziger Zentrum. Wer von der Katharinenstraße kommend zu den Höfen am Brühl blickt, kann sie je nach Tageslicht entdecken: Spiegelungen an der Fassade des im Herbst 2012 eröffneten Einkaufszentrums.

Überraschende Einblicke und reizvolle Kontraste, die Stadtgeschichte und zeitgemäße Architektur verknüpfen: das Romanushaus mit den neuen Höfen; zerstörte Bauten wie die Goldene Eule oder der Erstbau des Plauenschen Hofs mit dem neuen Ensemble. Und der bekannte Römer? Das Banner am Bildermuseum weist ins Italien des Gian Lorenzo Bernini und spiegelt sich ebenfalls an der Fassade. Ganz real sind die Autos, die nicht in einer Tiefgarage verschwinden, sondern auf Brücken über Passagen und Höfen ins Parkhaus fahren. Und der Bau aus dem 19. Jahrhundert? Aufgedruckt. Diesen alten Plauenschen Hof gibt es nur auf der Fassade der Höfe; sein Neubau - der den Brühl mit der Richard-Wagner-Straße verband - wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Dafür erlebte die ehemalige Plauensche Straße eine Wiedergeburt: Als öffentliche Straße quert sie die Höfe und macht Lust zum Flanieren und Tafeln unter freiem Himmel.

Wie lässt sich Tradition mit Moderne verbinden? - Das war auch die Frage, als es um den Bau des Gebäudeblocks am Richard-Wagner-Platz ging. Wünschte sich mancher Häuser, deren Architektur sich an die frühere Altstadt anlehnt, sahen andere Leipziger die Chance, Shopping-Centern auf der grünen Wiese Paroli zu bieten. Sieger eines europaweit ausgelobten Wettbewerbs für die Höfe am Brühl waren die Berliner Grüntuch Ernst Architekten. Für sie war es entscheidend, "den Neubau passend zum Maßstab der historischen Stadtstruktur zu gliedern. Denn ein monofunktionales Implantat würde die Proportionen der Leipziger Innenstadt sprengen." Ein Anbiedern an die Tradition sollte es nicht werden - eine moderne Interpretation des alten Handelskonzepts der Durchgangshöfe und Passagen schon.

So sind verschieden große Einheiten entstanden, die mit vier Themen-Höfen an Orte von einst erinnern. Da ist der Drei-Schwanenhof im westlichen Teil des Einkaufscenters, an seinem anderen Ende Lattermanns Hof und mittendrin der Plauensche und der Schönkopfsche Hof. Können Besucher in Letzterem an einer Wasserwand entspannen - sehen, wie sich die filigrane Deckenarchitektur aus 20 Metern Höhe in einem Becken spiegelt - steht der Plauensche Hof für das grüne Leipzig: Hoch ragt eine Pflanzenwand empor; Vogelgezwitscher inklusive. Vier Innen-Höfe - scherzhaft "die Fantastischen Vier" genannt -, die an Vorläufer-Bauten verschiedener Epochen erinnern. Rings um die Höfe am Brühl ist mehr über sie und weitere Gebäude im Bereich des Areals zu erfahren. In Schaukästen an den Treppenaufgängen der Fassaden am Brühl und der Richard-Wagner-Straße kann man in Wort und Bild Stadtgeschichte nachvollziehen. Während einige dieser Bauten den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden; wurden andere in den 60er-Jahren für drei neue Wohnhochhäuser abgebrochen; deren fehlender Bezug zum historischen Stadtraum oft kritisiert wurde.

Was für wundersame Namen es doch früher gab: Goldene Eule, Drei Schwanen oder auch Roter Ochse. Von alters her waren sie historische Gast- und Durchgangshöfe - im Drei Schwanen wurde nicht nur getrunken, sondern außerdem musiziert. Dort spielte von 1743 bis 1778 das sogenannte große Konzert; Vorläufer der Gewandhauskonzerte. Dafür hat die Goldene Eule eine noch längere Geschichte. Erstmals wurde der Gasthof mit dem schmucken Hauszeichen 1538 in den Ratsbüchern erwähnt, wie Architekturhistoriker Wolfgang Hocquél herausfand. Aber auch die Grüne Tanne geht auf einen Vorgängerbau von 1578 zurück. Ein imposanter barocker Durchgangshof war Lattermanns Hof. Durch eine 83 Meter lange glasüberdachte Passage konnten die Leipziger im Plauenschen Hof vom Brühl zur Richard-Wagner-Straße gelangen. Und wo verliebte sich Goethe einst in Käthchen Schönkopf? Wo genau stand das Geburtshaus von Richard Wagner? Wo wurden exotische Tiere vorgeführt? Einfach der Entdeckerlust folgen und sich auf den Rundgang begeben. Hundert Mal passiert - hundert Mal nicht informiert, geben manche Passanten lachend zu und schauen in die Schaukästen rings um die neuen Höfe. Auf Spurensuche können Geschichtsinteressierte auch in einem öffentlich zugänglichen Treppenhaus des Einkaufszentrum gehen. Dort berichten Bilder und Texte vom einstigen Kaufhaus am Brühl, das 1908 eröffnet und 1943 schwer beschädigt wurde. Leipziger werden sich an Diskussionen erinnern, die unter anderem forderten, die fragmentarisch erhaltene Fassade in die Schauseite der Höfe zu integrieren.

Über mehrere obere Stockwerke hinweg kann man nun - neben zwei bildhauerischen Fundstücken mit Tiermotiven - ein 15 Meter langes Originalstück dieser historischen Sandsteinfassade sehen. Deren gerundete Form erhielt 1968, als das "Konsument"-Warenhaus am Brühl neu eröffnet wurde, durch den Leipziger Bildhauer Harry Müller eine Aluminium-Verkleidung. Die 480 Elemente wurden für den Neubau der Höfe repariert und auf Hochglanz poliert. Nun schimmert das metallene Kleid wieder. "Es ist einfach eine wunderschöne Metallfassade", so Bauhistoriker Hocquél, "für mich eine der schönsten industriell hergestellten überhaupt." Jetzt bildet sie den Auftakt einer vielschichtigen Fassadensprache, die das Gesicht der Höfe prägen. Golden bedruckte Scheiben wechseln sich mit Stein-Lamellen, schwarzen Glaselementen oder Naturstein-Paneelen ab. Immer wieder überraschend - die wechselnden Spiegelungen. Wie schnell sind Spitznamen oft bei der Hand; doch man muss gar nicht mal wohlwollend sein, um im Einkaufszentrum Schönes und Reizvolles zu entdecken. Denn Kontraste sind auch im Inneren das Leitmotiv. Überdachte Passagen münden in platzartigen Licht-Höfen, wo man flanieren, tafeln, einkaufen, feiern oder sich entspannen kann. Ganz wie in den Handels-Höfen und Passagen von einst.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.01.2015
Ingrid Hildebrandt

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