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Patienten warten immer länger auf Hilfe

Leipzig wächst Patienten warten immer länger auf Hilfe

Leipzig platzt aus allen Nähten. Jedes Jahr lassen sich in der Stadt mehr als 10 000 Menschen neu nieder; im Jahr 2030 könnte es rund 720 000 Leipziger geben. In der Notfallmedizin sind die Folgen schon heute gravierend: Patienten müssen immer länger auf Hilfe warten.

Das rasante Wachstum Leipzigs stellt Notarzt-Teams vor immer größere Herausforderungen.

Quelle: dpa

LEIPZIG. I

Überall blinken Monitore, speziell geschulte Disponenten nehmen die Notrufe entgegen. Hektik ist fehl am Platze, obwohl es schnell gehen muss. Die Experten strahlen Ruhe aus, auch wenn am anderen Ende der Leitung oft Dramatisches geschildert wird. „Binnen einer Minute müssen sich unsere Mitarbeiter ein möglichst genaues Bild von der Lage des Erkrankten oder Verletzten machen, die Adressdaten und eine Reihe anderer Informationen abfragen und dann präzise handeln“, erklärt Werner Laabs. In der Branddirektion leitet er die für die Zentrale Verwaltung und den Rettungsdienst zuständige Abteilung. „Ein Rädchen muss da ins andere greifen.“

Im Zuge der Hilfskette heißt das im medizinischen Akutfall zunächst für die Disponenten, einen Rettungswagen und die notärztliche Begleitung zu aktivieren. „Seit der Umstellung auf Digitalfunk“, erläutert Gert Hauschild, „geschieht das sehr effektiv per Pager.“ Auf den kleinen Geräten bekommen die Einsatzkräfte schriftlich alle nötigen Angaben übermittelt, erläutert der Sachgebietsleiter Rettungsdienst. Um rasch vor Ort zu sein, wird das nächstmöglich verfügbare Team in Marsch gesetzt. In der IRLS zeigen Karten ständig an, wo sich welches Fahrzeug befindet, ein computergestütztes System schlägt den einzutaktenden Rettungswagen vor, letztlich entscheidet aber der Disponent.

Problem bei Hilfszeiten

Dem Zufall wird nichts überlassen, seit 2014 gibt es den aktuell geltenden und noch bis 2021 angelegten sogenannten Bereichsplan, in dem die Kapazitäten für die Stadt fixiert sind: Sieben Notarzt-, 20 Rettungs- und 40 Krankentransportfahrzeuge stehen derzeit zur Verfügung. Ein Netz von Rettungswachen und deren Außenstellen ist über Leipzig gespannt. Auch die Handlungsbereiche im Stadtgebiet sind genau definiert – inklusive der jeweiligen Leistungserbringer, wie es verwaltungstechnisch heißt. Integriert sind der DRK-Rettungsdienst, der Krankentransport Ost/West, der Arbeiter-Samariter-Bund, der Malteser Hilfsdienst, die ASG Ambulanz Leipzig sowie die Branddirektion, die auch mehrere Spezialfahrzeuge im Bestand hat. Eines für stark übergewichtige Patienten, eines für hochinfektiös Erkrankte und eines für Babys und Frühchen, das mit einem Inkubator ausgestattet ist.

Während Leipzig auf die Marke von 600 000 Einwohnern zusteuert, hatte der Rettungsdienst in den letzten Jahren zunehmend mit dem Einhalten der vorgeschriebenen Hilfszeiten zu kämpfen: Eine Frist von zehn Minuten vom Ausrücken bis zur Ankunft vor Ort ist gesetzt – die Erfüllungsquote dessen sank unter die 90 Prozent. „Wir betreiben dahingehend eine umfassende Ursachenanalyse“, erklärt Laabs. Zunehmende Verkehrsdichte, viele Baustellen, aber auch die Vergrößerung des Stadtgebietes im Zuge früherer Eingemeindungen und lokal teils stark schwankende Einsatzbelastungen könnten mit den Verzögerungen zusammenhängen. Rein statistisch gesehen, schlägt der andauernde Bevölkerungsschub noch nicht voll auf das Rettungswesen durch. Zwar wurde 2016 die bisher höchste Einsatzzahl für Rettungswagen verzeichnet (72 266), aber gleichzeitig sank die der Notärzte auf 25 164 (2015: 29 504). „Es gibt keinen klaren Trend, ein Auf und Ab von Jahr zu Jahr, von Jahreszeit zu Jahreszeit und von Stadtteil zu Stadtteil“, berichtet Markus Kaul, der beim Rettungsdienst für Grundsatzfragen zuständig ist.

Weil die Statistik retrospektiv ist, also nur das Geschehene abbildet, und viele Faktoren das Rettungswesen beeinflussen, lässt sich schwer prognostizieren, was ihm künftig abverlangt wird. Deshalb müsse auch bei dem bis 2021 geltenden Bereichsplan hin und wieder nachjustiert werden, meint Kaul.

Überlastete Notfallaufnahmen

Einige Probleme zeichnen sich aber ab, zum Beispiel das der Nachwuchsgewinnung. „Es ist schon jetzt schwer, qualifiziertes Personal zu finden, zumal die Fluktuation bei Rettungsassistenten und -sanitätern relativ hoch ist.“ Zwei Mann gehören zur Besatzung eines Rettungswagens, per Funk werden bis zum Eintreffen im Krankenhaus mehrmals Statusmeldungen an die Leitstelle durchgegeben. Angefahren wird in der Regel die nächstgelegene Klinik. Wenn diese etwa durch Überlastung nicht aufnahmefähig ist oder der Patient einer Spezialbehandlung bedarf, wird umdisponiert. „Leipzig ist ein Standort der medizinischen Maximalversorgung, hierher werden auch schwere Fälle von auswärts verlegt“, erläutert Laabs. Ins System eingebunden sind vor allem die Notfallaufnahmen im Klinikum St. Georg, im Uni-Klinikum, im Herzzentrum, im Park-, Elisabeth- und Diakonissenkrankenhaus sowie in der Thonbergklinik.

Dort kommen aber nicht nur Rettungswagen – und wenn Landeplätze vorhanden – Rettungshubschrauber an. Auch viele Leute, die gesundheitlich angeschlagen sind, machen sich dorthin auf den Weg, obwohl in minderschweren Fällen eigentlich der Hausarzt die erste Adresse sein sollte. Folge: Die Notfallaufnahmen sind zunehmend überlastet. Sie seien häufig nicht mit den notwendigen Kapazitäten ausgestattet, weil offiziell der sogenannte Sicherstellungsauftrag bei der Kassenärztlichen Vereinigung liege. Und die Krankenhäuser würden nicht aufwandsgerecht für Notfallpatienten bezahlt, kritisiert Professor Wilfried von Eiff, der an Leipzigs Handelshochschule das „Center for Health Care Management and Regulation“ leitet. „Sie bekommen pro Notfallpatient in aller Regel 30 Euro, dem stehen durchschnittliche Kosten in der Notaufnahme von 126 Euro gegenüber. Das sind krasse Fehlbeträge.“

Der Andrang in den Notfallzentren wächst sich so nicht nur zu einem Versorgungs-, sondern auch zu einem finanziellen Brennpunkt für die Krankenhäuser aus. In welchen Größenordnungen sich der Zulauf in den zwei großen Leipziger Klinika bewegt, zeigt eine LVZ-Umfrage. Am St. Georg wurden 2016 mehr als 53 000 Fälle in der Notfallaufnahme behandelt, am Uni-Klinikum (UKL) waren es 34 275. Tendenz in den letzten Jahren: steigend. Am UKL lag die Zahl 2014 noch bei 32 689, 2006 bei nur 25 225. Für den Ausbau der zentralen UKL-Notfallaufnahme in der Liebigstraße sind die Weichen schon gestellt. Um eine ganze Etage soll sie aufgestockt werden. Und vom St. Georg heißt es: „Künftig streben wir weiterführende investive Maßnahmen an, um dem Bedarf bei mehr Patienten gerecht zu werden und die Behandlungsqualität kontinuierlich zu verbessern“, so Sprecherin Manuela Powollik.

elen Flüchtlingen in der Stadt, meint KVS-Pressesprecherin Patrice Fischer.

Von MARIO BECK

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