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Lokales Paukenschlag im Stadtkonzern
Leipzig Lokales Paukenschlag im Stadtkonzern
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11:02 06.03.2018
Stolpern LVV-Chef Norbert Menke (l.) und Stadtwerke-Geschäftsführer Johannes Kleinsorg auch über einen internen Machtkampf? Quelle: Fotos: André Kempner
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Leipzig

Lange Zeit schien es, als sei die Vertragsverlängerung von Norbert Menke, Chef des Leipziger Stadtkonzerns LVV, so gut wie sicher. Doch jetzt ist alles anders: Auf der Sitzung des LVV-Aufsichtsrats am 22. März wird Menkes Vertrag nicht verlängert. Menke, der seit 2014 an der Spitze der LVV-Holding steht und für 4800 Mitarbeiter verantwortlich ist, die einen Jahresumsatz von mehr als zwei Milliarden Euro erzielen, wird zum 31. März 2019 ausscheiden. Auch Stadtwerke-Chef Johannes Kleinsorg soll gehen. Die offizielle Begründung: Die LVV-Geschäftsführung soll künftig aus vier Personen bestehen. Nach LVZ-Informationen sollen das neben dem kaufmännischen LVV-Geschäftsführer Volkmar Müller noch Wasserwerke-Geschäftsführer Michael M. Theis, LVB-Geschäftsführer Ulf Middelberg und der technische Stadtwerke-Geschäftsführer Karsten Rogall sein. Die letztgenannten drei erhalten einen Geschäftsführer-Vertrag bei der LVV, bleiben aber auch in ihren jetzigen Unternehmen Geschäftsführer. Damit sollen sie besser den Eigentümerzielen der LVV verpflichtet werden, heißt es. Jeder Manager bekomme aber nur ein Gehalt.

Diese „neue“ Struktur gab es im städtischen Firmenreich schon einmal nach der Jahrtausendwende. Damals war dadurch die Kompetenz der großen Holding-Unternehmen in der LVV-Spitze konzentriert worden, ohne in der LVV einen größeren Stab von Mitarbeitern zu beschäftigen, wie es unter Menke geschehen ist.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) lehnte es gestern ab, sich zu den Personalien zu äußern. Er bestätigte aber generelle Veränderungen im Stadtkonzern. „Um auf die künftigen Herausforderungen noch besser vorbereitet zu sein, denken wir im LVV-Aufsichtsrat über eine neue Geschäftsführer-Struktur nach“, erklärte er. Die konkreten Beschlüsse würden die Gremien voraussichtlich noch in diesem Monat treffen. „Dem möchte ich nicht vorgreifen“, sagte Jung, der dem LVV-Aufsichtsrat vorsteht.

In der LVV war gestern zu hören, dass Stadtwerke-Geschäftsführer Johannes Kleinsorg versucht haben soll, Menke an der Konzernspitze zu beerben. Ein am Verfahren Beteiligter spricht sogar von einer „Illoyalität gegenüber Menke und der LVV“, die es gegeben haben soll. Der Norddeutsche Kleinsorg soll auch viele stille Reserven der Stadtwerke liquidiert haben, um die Bilanz seines Unternehmens zu verbessern und so seine Karrierechancen zu erhöhen, heißt es. Der Manager war gestern für LVZ-Anfragen nicht erreichbar.

Über Konzernchef Menke wird berichtet, dass er schon seit Längerem Meinungsverschiedenheiten mit OBM Jung gehabt haben soll. Beide hätten zum Beispiel unterschiedliche Auffassungen über den weiteren Umgang mit der polnischen Stadtwerke-Tochter GPEC gehabt, heißt es. Während Jung in der LVV als Befürworter des Verkaufs gilt – mit dem bis zu 180 Millionen Euro in die Stadtkasse gespült würden – soll sich Menke dagegen gesträubt haben. Denn die Polen-Beteiligung bringt jährlich rund zehn Millionen Euro in die LVV-Kasse. Bei einem Verkauf würde diese wichtige Einnahme versiegen – und es wäre offen, wie so eine große Finanzlücke geschlossen werden kann.

Angelastet wird Menke auch sein ungeschicktes Agieren beim Versuch, den Verbleib des Firmensitzes eines der größten Leipziger Steuerzahler – der Verbundnetz Gas AG (VNG) – zu sichern. Beim Poker um die VNG-Anteile kam am Ende ein Konkurrent zum Zug, der einen Preis zahlte, der auch für Leipzig akzeptabel gewesen wäre.

Nach LVZ-Informationen hatte der Gaskonzern VNG (10,3 Milliarden Euro Umsatz, 1154 Mitarbeiter) auch den an ihm beteiligten kommunalen Anteilseignern vor wenigen Wochen angeboten, Anteile abzukaufen. Im Gegenzug hätten sich die Kommunen an der VNG-Tochter Ontras beteiligen können, heißt es. Die Städte halten zusammen 21,58 Prozent am Leipziger Energiekonzern: Leipzig, Annaberg-Buchholz, Chemnitz, Dresden, Hoyerswerda, Lutherstadt Wittenberg, Neubrandenburg und Rostock.

Die Beteiligung der Städte ist in der Gesellschaft VUB gebündelt. Für die VUB-Gesellschafterversammlung sollen Hans-Joachim Herrmann, Chef der Stadtwerke Lutherstadt Wittenberg, und Norbert Menke, Chef der Leipziger Stadtholding LVV, diese Offerte jedoch abgelehnt haben. Offenbar wurde der Aufsichtsrat der LVV von Menke darüber nicht informiert. „Man hätte mit uns darüber reden müssen“, kritisierte ein Aufsichtsratsmitglied. Immerhin habe die Leipziger Beteiligung einen Wert von rund 100 Millionen Euro.

Ontras betreibt das 7000 Kilometer lange Ferngasnetz in Ostdeutschland. Das Unternehmen ist der Geldbringer für den Mutterkonzern und kam in den vergangenen beiden Jahren auf einen Überschuss von jeweils rund 110 Millionen Euro. Zur Einordnung: VNG kam im vorigen Jahr auf einen Gewinn vor Steuern und Zinsen von 104 Millionen Euro. Leipzig hätte sich also an einer hochprofitablen VNG-Tochter beteiligen können. Menke und Herrmann waren auf LVZ-Nachfrage nicht zu erreichen.

Von Ulrich Milde und Andreas Tappert

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