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Lokales Pauliner schreiben Geschichte: Buch arbeitet Streit um Wiederaufbau der Unikirche auf
Leipzig Lokales Pauliner schreiben Geschichte: Buch arbeitet Streit um Wiederaufbau der Unikirche auf
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23:59 07.04.2015
Eine Studie hat ergeben, dass der Innenraum des Nachfolgebaus weitgehend originalgetreu gestaltet werden könnte. Quelle: Architekturbüro Stuhlemme

Die Wiederaufbau-Gegner kommen dabei nicht gut weg - vor allem vergangene Universitätsleitungen, auch die Stadt und der Studentenrat. Dafür werden die Aktionen vieler Vereinsmitgliedern detailliert beleuchtet, die bislang nicht im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit standen.

Das 248 Seiten starke Buch lebt auch von einer Sammlung authentischer Texte, mit denen sich Leipziger und Auswärtige im Ringen um die Art und Weise des Wiederaufbaus zu Wort gemeldet haben. Beim Lesen dieser historischen Zeitzeugnisse wird die Schärfe der Auseinandersetzungen noch einmal hautnah erlebbar.

Gleich zu Beginn legt das Buch allerdings die Ursache für den Streit um den Wiederaufbau frei: Herzog Moritz von Sachsen habe nach der Reformation im Jahr 1544 die Kirche nebst dem dazugehörigen Kloster der Universität Leipzig geschenkt, ist zu lesen. "Von dieser Zeit an ist der Baugrund bis heute im Besitz der Universität und damit des Staates, was sich 1968 als folgenschwerer Nachteil gegenüber anderen christlichen Kirchen herausstellen sollte", schreiben die Autoren. Gemeint ist damit wohl das Recht der Universität, über die Geschicke des Baus zu befinden - zum Beispiel, ob es sich bei dem am Augustusplatz an gleicher Stelle wiedererstandenen Bauwerk um eine Kirche handelt, wie der Paulinerverein meint, oder um einen Mehrzweckbau, wie es die Universität sieht.

Die Pauliner wären nicht die Pauliner, wenn sie dies so stehen ließen. Da die Kirche "vor der Sprengung 1968 nicht entwidmet wurde, ist sie nach dem hier geltenden evangelischen Kirchenrecht gleichfalls Kirche", heißt es weiter. Deshalb müsste die evangelisch-lutherische Landeskirche in die maßgeblichen Entscheidungen bei der Errichtung und Ausstattung der künftigen Universitätskirche einbezogen werden. Der "religiös- und weltanschaulich neutrale Staat und seine Einrichtungen haben keine ,religiöse Kompetenz'". Würden diese sich trotzdem anmaßen, "über religiöse Fragen anstelle der dazu allein zuständigen Kirchen zu entscheiden, ist das nicht nur ein Verstoß gegen kirchenvertragliche Bindungen, sondern vor allem Verfassungsbruch".

Ähnlich rigoros wird auch in Erinnerung gebracht, wie minutiös DDR-Funktionäre die Sprengung der alten Paulinerkirche planten und durchzogen. So werden Passagen aus einer Rede von Paul Fröhlich, Bezirkssekretär der SED, zitiert, die dieser auf einer Tagung der Leipziger Stadtverordnetenversammlung 1968 kurz vor der Sprengung hielt. Fröhlich: Wem es nicht gelinge, die "tiefere Einsicht in die Notwendigkeit und Verständnis für die städtebaulichen und architektonischen Lösungen aufzubringen" und deshalb "Ruhe und Ordnung" störe, "soll wissen, dass er weder mit Nachsicht noch mit Rücksicht rechnen kann". Wer sich trotzdem wehrte, bekam zu spüren, dass dies keine leere Drohung war. Auch von diesen Schicksalen ist im Buch zu lesen.

Auf ihrer Habenseite verbuchen die Pauliner nicht nur, dass sie zu den ersten gehörten, die nach der Wende das Thema Wiederaufbau der Paulinerkirche auf die politische Tagesordnung setzten. Sie reklamieren auch einen Anteil daran, den ursprünglich für den Wiederaufbau favorisierten Entwurf der Münsteraner Architekten Behet und Bondzio (siehe kleine Skizze oben) verhindert und damit den Weg für Erick van Egeraat frei gemacht zu haben. Detailliert wird anschließend beleuchtet, wie der Entwurf des niederländischen Star-Architekten zahlreiche Eingriffe erlebte und der kirchliche Charakter des Baus zugunsten einer "Mehrzweckhalle" - wie die Pauliner schreiben - immer mehr zurückgedrängt wurde.

Trotz dieser Entwicklung blicken die Vereinsmitglieder positiv in die Zukunft. Denn für sie ist die authentische Innenraumgestaltung des Neubaus eine Aufgabe für Generationen. Zu lesen ist unter anderem ein Beitrag des renommierten Berliner Architekturbüros Stuhlemmer, das den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses begleitet. In einer Studie für den Paulinerverein kommen diese zu dem Schluss, dass im Innenraum durchaus "eine schrittweise Annäherung an die legendäre atmosphärische Dichte des Vorbilds" möglich ist. Die "Einpassung der historischen Strukturen in den vorhandenen Betonrohbau" seien "mit einem Minimum an Eingriffen in die vorhandene Tragstruktur" möglich; ebenso die "vollständige Integration der geretteten Originalteile am überlieferten Ort". Der Wiederaufbau ist noch nicht vollendet.

Information: "Vernichtetet, vergraben, neu erstanden. Die Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig" wird am morgigen Donnerstag um 19.30 Uhr in der Alten Handelsbörse am Naschmarkt vorgestellt. Erschienen ist das Buch in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig (ISBN 978-3-374-04040-7). Es kostet 14,80 Euro.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.04.2015

Andreas Tappert

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