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Lokales Paulinum: „Am Ende gab es richtig Krawall“
Leipzig Lokales Paulinum: „Am Ende gab es richtig Krawall“
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16:31 22.02.2018
Jutta Kreitz zeigt ein Foto der Installation, die lange am Augustusplatz stand. Sie ist heute glücklich über den Neubau.  Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

So richtig kann sich Jutta Kreitz nicht mehr an die alte Paulinerkirche erinnern. „Ich weiß nur, dass alles sehr dunkel war und voller Kunstschätze“, erzählt sie. Dass der Bau gesprengt wurde, erfuhr sie von ihrem Pfarrer Heinz Martin in Falkenhain, wo sie aufwuchs. „Später hörte ich, dass ein Entwurf für den neuen DDR-Uni-Campus vorsah, die Kirche um 50 Meter in die Grimmaische Straße zu verrücken“, erinnert sie sich. „Doch das geschah nicht.“

Wie viele andere Menschen hatte sie zu DDR-Zeiten den Sakralbau vergessen. „Die Älteren haben nicht darüber gesprochen, das war ein Tabu“, berichtet die heute 63-Jährige. „Auch in Architekturführern aus der DDR-Zeit kam die Kirche nicht mehr vor. Die Erinnerung war verloren gegangen.“

Ihr fiel der Bau erst wieder ein, als im Oktober 1997 in ihrer Gohliser Galerie „Villa Bösenberg“ der junge Künstler Axel Guhlmann mit dem Vorschlag kam, am 30. Jahrestag der Sprengung mit einer „Installation der Stille“ an das verschwundene Gotteshaus zu erinnern. „Mein Mann Henning, Axel Guhlmann und ich haben die Idee weitergesponnen“, sagt sie. „Wir wollten die historische Größe des Baus zeigen, ein Plakat wäre dafür nicht auffällig genug gewesen. Deshalb kam Henning auf den Gedanken, das Gebäude abstrakt zu zeigen – nur die Umrisse als transparente Stahlkonstruktion, aber in Originalgröße.“

Leipziger arbeiten kostenlos

Der Plan entstand zu einer Zeit, als in Dresden der Wiederaufbau der Frauenkirche und in Berlin der Wiederaufbau des Stadtschlosses Riesen-Themen waren. Auch die drei Leipziger wollten deshalb mit ihrer Stahlkonstruktion eine Diskussion über den Wiederaufbau der gesprengten Paulinerkirche in Gang bringen. „Die Leipziger Universität stemmte sich damals mit aller Kraft dagegen“, erinnert sich Jutta Kreitz. „Sie hat sogar behauptet, der Wiederaufbau würde eine Milliarde D-Mark kosten, was völliger Quatsch war. Als wir dort vorstellig wurden, wollten sie auch unsere Installation im Senat zerreden. Doch das Bauordnungsamt der Stadt und der Freistaat Sachsen als Grundstückseigentümer haben uns zügig ihre Zustimmung erteilt.“

Eine Schätzung für die Installation ergab, dass die Stahlkonstruktion rund 200 000 D-Mark kosten würde. Doch viele Leipziger halfen mit, diesen Geldberg zu schultern. „Das Statikbüro Georg Lochas, die Bauunternehmung Wolff und Müller und die Elektrofirma von Joachim Dirschka haben ohne Entgelt gearbeitet“, erinnert sie sich.

Gleichzeitig wurde eine Kunstaktion gestartet, bei der durch den Verkauf von Serigraphien des historischen Gebäudes und der geplanten Installation Geld für die Umsetzung eingeworben wurde. „Wir haben Verkaufsausstellungen in Banken sowie Informationsausstellungen im Rathaus und beim MDR durchgeführt“, erzählt die Galeristin. Und Leipzigs frisch gewählter Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee wurde als Schirmherr gewonnen. Am Ende stand die Installation am 30. Mai 1998, dem 30. Jahrestag der Sprengung, am historischen Ort. „45 000 D-Mark konnten nicht gedeckt werden“, sagt die Gohliserin. „Die haben mein Mann und ich bezahlt.“ Ursprünglich sollte die Stahlkonstruktion 100 Tage stehen, aber es wurden weit über 1000 Tage. Und die Diskussion um einen Wiederaufbau der Paulinerkirche schlug hohe Wellen. „Wir haben ein Stück Zeitgeschichte zurückgebracht“, ist Jutta Kreitz heute überzeugt.

Weil sie sich den Wiederaufbau auf die Fahne schrieb, trat sie in den Paulinerverein ein und wurde dort im Jahr 2001 in den Vorstand gewählt. „Da sich Leipzigs Stadtrat mit einem Ratsbeschluss gegen den Wiederaufbau aussprach, ging es bald nur noch um einen Neubau, der das historische Vorbild aufgreift“, so Kreitz.

Doch als der erste Entwurf dafür vorlag, war sie entsetzt. „Das war nur wieder Kisten-Architektur, wie schon beim Bildermuseum“, erinnert sie sich. Auch der Freistaat habe deshalb gezögert, diesen Wettbewerbsentwurf zu finanzieren. „Mein Mann und ich präsentierten deshalb im November 2002 im Finanz- und Wissenschaftsministerium eine Machbarkeitsstudie des Paulinervereins für den Wiederaufbau“, erzählt die Geschäftsfrau. Sie sorgte damals auch mit dem amerikanischen Nobelpreisträger Günter Blobel dafür, dass ein zweiter Architekturwettbewerb international ausgeschrieben wurde – wodurch sich erst Architekten wie der spätere Sieger Erick van Egeraat beteiligen konnten. Gleichzeitig gewann sie den Berliner Architekten Hans Kollhoff für das Leipziger Projekt – der einen Entwurf beisteuerte, auf dem die alte Paulinerkirche neu zu sehen war. Auch Wilhelm von Boddien, der Vater des Wiederaufbaus des Berliner Stadtschlosses, wurde als Sachpreisrichter für die Jury gewonnen.

Als Vertreterin von Boddien ging Kreitz als Beisitzerin der Jury bei den am Wettbewerb beteiligten Architekten auf Werbetour: Sie verteilte Grundrisse der gesprengten Paulinerkirche und digitale Pläne einer modernen Visualisierung des gotischen Innenraums – um die Baumeister für den Vorgängerbau zu interessieren.

Studentenrat wird aggressiv

Trotz dieser Anstrengungen wurde die Abstimmung am Ende der ersten Runde des neuen Architektenwettbewerbs denkbar knapp: Der Holländer van Egeraat hatte als einziger Wettbewerbsarchitekt die historische Innenraumgestaltung der alten Paulinerkirche übernommen und zusätzlich noch die Grundzüge der alten Fassade aufgegriffen. Doch sein späterer Siegerentwurf kam nur denkbar knapp mit fünf zu vier Stimmen in die nächste Runde – ausschlaggebend dafür war die Stimme des Paulinervereins in der Jury.

Auch die folgenden Wochen wurden ein kleiner Krimi. Weil die Wettbewerbs-Jury plötzlich für Geheimhaltung votierte, entschloss sich Jutta Kreitz zu einem ungewöhnlichen Schritt, um die Öffentlichkeit über die einzigartige Chance zu informieren, die gesprengte Paulinerkirche doch wieder zu errichten: Gemeinsam mit dem Focus-Redakteur Alexander Wendt reichte sie Exklusiv-Material an die Leipziger Volkszeitung weiter, die dann Entwürfe veröffentlichte – insbesondere den von Erick van Egeraat, der dann eine breite positive Resonanz erhielt.

Die Uni wollte Kreitz deshalb aus der Jury werfen; am Ende rettete sie nur ein Veto des Freistaates. „Als das Preisgericht dann den Entwurf von Erick van Egeraat zum Sieger kürte, gab es richtig Krawall“, erinnert sie sich. „Der Studentenrat war angerückt und wollte mich verprügeln. Nur weil mich zwei Männer – einer war Roman Schulz von der Sächsischen Bildungsagentur – beschützten, ist das nicht gelungen.“

Heute ist sie glücklich über den Ausgang der Geschichte. „Ich bin total zufrieden, wie der Neubau heute aussieht“, sagt sie. „Auch der Kustos hat hervorragende Arbeit mit den Kunstwerken im Inneren geleistet und die Universitätsmusik ist beeindruckend.“ Doch endgültig fertig sei der Bau aus ihrer Sicht noch nicht: „Es fehlt noch die Kanzel“, sagt sie. Und die Uni müsse die Öffnungszeiten des neuen Gebäudes verändern. „Die Bürger, die das über 100 Millionen Euro teure neue Bauwerk bezahlt haben, müssen dort auch jederzeit hineingehen können“, sagt sie. „Leipzigs neue Paulinerkirche ist schließlich ein öffentliches Gebäude.“

Von Andreas Tappert

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