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Lokales Pendler-Frust über Zustände bei Regionalbahn steigt
Leipzig Lokales Pendler-Frust über Zustände bei Regionalbahn steigt
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12:51 25.08.2018
Am Bussteig 1 kommen am Grimmaer Bahnhof die Fahrzeuge des Schienenersatzverkehrs an. Quelle: Frank Prenzel
Landkreis Leipzig/Grimma

Seit zwei Jahren unterrichtet Angela Bornberg (44) an der Grimmaer Oberschule Deutsch als Zweitsprache. „Der Halbstundentakt der Bahn war für mich Ausschlag gebend“, erklärt die Leipzigerin, warum sie 2016 die neue Arbeitsstelle an der Mulde antrat und seitdem täglich pendelt. Seit dem neuen Schuljahr indes sieht sie sich ständig mit Ersatzfahrplänen konfrontiert, die ihr Familien- und Arbeitsleben erheblich beeinträchtigen. Durch kranke Lokführer bei der Transdev fällt etwa jeder zweite Zug aus – seit Monaten.

Familienleben gerät aus den Fugen

Normalerweise steigt die 44-Jährige um 7.36 oder 8.06 Uhr am Leipziger Hauptbahnhof in den Zug. In den letzten Tagen musste sie aber bereits um Fünf aufstehen und schon 7.06 Uhr einsteigen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Ihre beiden Kinder – drei und fünf Jahre alt – bekommt sie derzeit morgens nicht zu Gesicht. Den Ersatzbus zu nehmen, kommt für Angela Bornberg nicht in Betracht: „Der ist über eine Stunde unterwegs, das bringt mir überhaupt nichts“, ärgert sie sich. Und ein Auto gibt es in ihrer Familie nicht – auch aus Umweltgründen.

Auch Zugpersonal ist überfragt

Um Tochter und Sohn in Leipzig von der Kita abzuholen, muss sich Angela Bornberg auch nachmittags sputen. Weil die Züge nur noch stündlich fahren und sie eher los muss als üblich, bleibt Arbeit liegen. „Gespräche oder Telefonate mit den Eltern können nicht stattfinden“, erklärt sie. Auch organisatorische Arbeiten, die sie sonst nach dem Unterricht erledigt, leiden unter der fehlenden Zeit. Die DAZ-Lehrerin hat Elf- bis 16-Jährige vor sich sitzen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und die sie auf den Unterricht in den anderen Klassen vorbereitet.

Wie Angela Bornberg scheinen viele Reisende den Zug, der für die Strecke von Leipzig nach Grimma 33 Minuten braucht, zu bevorzugen und lassen den Ersatzverkehr links liegen. Die Züge morgens seien voll, berichtet die Pädagogin, nicht alle bekämen einen Sitzplatz. „Da verstehe ich es auch nicht, dass früh nur ein Wagen eingesetzt wird“, schüttelt die 44-Jährige, die die Zugfahrt zur Kontrolle von Arbeiten oder zur Vorbereitung nutzt, den Kopf. Die Leute seien verärgert, ständig gebe es Diskussionen in den Abteils, keiner wisse, wann die Züge wieder normal fahren. Auch das Zugpersonal sei überfragt, wundert sich die Leipzigerin und sagt: „Ich fühle mich auch schlecht informiert.“

Auch bei den Kommunalpolitikern ist der Frust riesig. Im jüngsten Kreisausschuss gab es ebenfalls Rückendeckung für eine Trennung von Transdev Regio Ost GmbH, die die Strecke unter der Marke Mitteldeutsche Regiobahn betreibt. Der zuständige Zweckverband für den Nahverkehrsraum Leipzig (ZVNL) schaue sich die aktuellen Ausfälle genau an und werde daraus Schlussfolgerungen ziehen, erklärte Landrat Henry Graichen (CDU). Auch Verspätungen würden genau dokumentiert. Graichen verwies erneut darauf, dass sich die Zugausfälle auf der Strecke im ersten Halbjahr 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verfünffacht hätten – von 5000 auf mittlerweile 25 000 Kilometer. „Und die Zahlen für das dritte Quartal werden vermutlich noch dramatischer ausfallen“, so seine Befürchtung. Angesichts der aktuellen Misere solle man aus der Not jetzt eine Tugend machen, forderte Stadtchef Matthias Berger als Vertreter der Unabhängigen Wählervereinigung (UWV) im Kreistag: „Die Kündigung der Strecke bedeutet die einmalige Chance, Grimma endlich ans S-Bahn-Netz anzuschließen.“ Davon würden auch alle weiteren Anrainerkommunen wie Brandis, Naunhof und Parthenstein profitieren. „Bislang wurden wir ja immer vertröstet, dass der Vertrag mit Transdev bis zum Jahr 2025 läuft und sich Verbesserungen deshalb nur schwer umsetzen lassen“, so Berger.

Kreisräte drängen auf Optimierung des ÖPNV

Auch Kreisrat Andreas Dietze (CDU-Fraktion) bezeichnete eine etwaige Kündigung der Strecke angesichts der katastrophalen Bewirtschaftung als „absolut verhältnismäßig“. Karl-Heinz Ligotzki (SPD) wünschte sich, dass in dem Zusammenhang auch ein Blick auf die Ausfälle auf der S4 via Wurzen geworfen wird. „Auch hier fallen häufig Verbindungen aus – wenn auch nicht in dem Maße wie auf der Strecke Leipzig-Grimma.“

Ab Montag wieder Normalbetrieb

Am Freitagnachmittag kündigte die Mitteldeutsche Regiobahn an, dass ab Montag wieder der Regelfahrplan gelte. „Die Situation war vor allem für unsere Fahrgäste, aber auch für uns als Unternehmen kein hinnehmbarer Zustand. Unserer Leistung entsprach bei Weitem nicht unserem Anspruch. Ich möchte aber versichern, dass wir nun zu einem langfristig stabilen Betrieb zurückkehren wollen“, so Dirk Bartels, Geschäftsführer der Transdev Regio Ost GmbH. Am Wochenende würde es aber noch zu Zugausfällen kommen.

Pendler-Stimmen

50 Unterzeichner haben einen Beschwerdebrief an Landrat Henry Graichen (CDU) verfasst und ihn um politisches Handeln gebeten. Pendler aus Grimma und Umgebung haben ihre persönlichen Erfahrungen mit den Zuständen im Regionalbahnverkehr beschrieben. Auszüge aus den Briefen, die der LVZ vorliegen:

Eva Geißler: „Die Unverantwortlichkeit und Unzuverlässigkeiten gegenüber Fahrgästen durch das Unternehmen wollen wir Grimmaer nicht länger dulden. Die derzeitige Situation schränkt mich bei der Wahrnehmung kultureller und gesellschaftlich-politischer Angebote außerhalb Grimmas ein.“

Angelika Kollberg: „Bei Zugausfällen erfolgt keine Information zum Schienenersatzverkehr. Zudem ist das Ambiente des Bahnhofsgeländes eine Zumutung. Bei längeren Wartezeiten wegen der Zugausfälle ist es bei über 30 Grad zudem nicht möglich, sich irgendwo ein Getränk zu kaufen. Der Fahrkartenautomat ist außerdem dauernd defekt. Die ganze Situation hinterlässt bei Touristen, die Grimma besuchen wollen, einen schlechten Eindruck.“

W. Fischer: „Wegen eines wiederholten Zugasufalls nach Leipzig konnte ich meinen Anschluss mit Flixbus nach Berlin nicht erreichen. Ich musste eine Zugfahrkarte nach Berlin lösen, was 70 Euro Mehrkosten für mich bedeuteten.“

Von Frank Prenzel und Simone Prenzel

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