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Plagiatsvorwürfe: Leipziger Jugendamtsleiter Haller gesteht Fehler bei Doktorarbeit ein

Plagiatsvorwürfe: Leipziger Jugendamtsleiter Haller gesteht Fehler bei Doktorarbeit ein

Leipzig. „Diese Doktorarbeit stammt von mir“, sagt Siegfried Haller. „Und dort, wo sie Fehler enthält, wo sie wissenschaftlich nicht korrekt arbeitet, sind das meine Fehler“, erklärt der Leipziger Jugendamtsleiter.

Die Plagiatsvorwürfe gegen seine Dissertation weist der 56-Jährige jedoch vehement zurück, als er sich am Montag mit angespannter Mine den fragenden Journalisten stellt.

Die Internetplattform VroniPlag hatte Informationen veröffentlicht, wonach Haller bei seiner 2003 eingereichten Arbeit teilweise abgeschrieben haben soll. Dies habe eine derzeit laufende Analyse der Dissertation ergeben. Von den bislang gut 100 untersuchten der rund 400 Seiten seiner Arbeit sei etwa die Hälfte als Plagiat eingestuft worden, hieß es am Montag. Konkret geht es um nicht korrekte Zitierweise bei Fußnoten in der Dissertation, die an der Philosophischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eingereicht worden war.

Haller räumt Unsicherheit über wissenschaftliche Standards ein

Haller versucht zu erklären. Er sagt, dass die Arbeit über das Sanierungsgebiet Hemshof in Ludwigshafen am Rhein zu einem Teil auf älteren Publikationen beruhe, die er selbst veröffentlicht habe. Die Sammelschriften seien während seiner Zeit bei der Stadtverwaltung Ludwigshafen zusammen mit anderen Mitarbeitern entstanden. Von 1983 bis 1994 war Haller dort Stadtentwicklungsplaner. „Genau das, worum es in der Dissertation geht, war mein Thema. Ich habe daran fast zwölf Jahre lang geforscht“, betont er. Für die Dissertation habe er deshalb Material aus der Schriftenreihe „herausgenommen, verwendet und aktualisiert“.

Dass Teile daraus ohne die nötigen Zitatangaben mitunter wörtlich übernommen wurden, erklärt der studierte Soziologe einerseits damit, dass die Autoren seiner Publikationen nicht angegeben waren. Andererseits gesteht er sich jedoch auch Unsicherheit über wissenschaftliche Standards ein. „Ich bin damals nicht aufgeklärt worden, was das betrifft. Zum Zeitpunkt der Dissertation hatte ich bereits seit Jahren nicht mehr wissenschaftlich gearbeitet“, entschuldigt sich Haller, der seit 2004 einen Lehrauftrag an der HTWK Leipzig inne hat und dort unter anderem auch Abschlussarbeiten betreut. „Ich sage nicht, dass ich nicht hätte gründlicher sein müssen.“

Der Dresdner Plagiatsforscher Stefan Weber stuft die Vorwürfe als besonders schwerwiegend ein, da Haller als Wissenschaftler tätig sei. „Der Mann ist Sozialpsychologe, hat rund 100 Publikationen verfasst und ist zentral mit bildungspolitischen Fragen beschäftigt“, schreibt Weber in seinem Blog. „Und wie man im VroniPlag-Umfeld so hört, dürfte schon bald bekannt werden, dass Dissertationsplagiarismus bis ganz hinauf in die sächsische Spitzenpolitik reicht“, spekulierte der Plagiatsforscher.

Uni Halle prüft Aberkennung des Doktortitels

Nachdem Haller im Jahr 2000 zum Leiter des Leipziger Jugendamts berufen worden war, sei die Dissertation über Hemshof, ein Wohngebiet, in dem er als Student selbst lange Zeit wohnte, in seiner Freizeit entstanden. „Ich habe diese Arbeit an Wochenenden und im Urlaub erstellt, quasi als Hobby. Es war mein Privatvergnügen“, betont Haller. Der Kontakt zur Uni Halle habe sich über seine Arbeit als Jugendamtsleiter ergeben. „Die Professoren haben mich ermutigt, zu promovieren. Ich konnte aufgrund meiner beruflichen Arbeit jedoch nicht mit einem neuen Thema anfangen“, erklärt der gebürtige Bayer. So sei es dazu gekommen, dass er altes Material neu aufbereitete.

„Diese Arbeit stammt von mir, die gesamte Komposition, der gedankliche Ansatz, die Struktur und die Fußnoten“, verteidigt sich Haller. „Große Teile sind ausschließlich von mir erforscht worden.“ Ob die Dissertation jedoch auch wissenschaftlichen Standards entspricht, wird nun in einem Prüfverfahren an der Martin-Luther-Universität untersucht. Bereits Ende Mai war dort eine anonyme Hinweis-Mail mit den Plagiatsvorwürfen beim Dekan der philosophischen Fakultät eingegangen. Der Promotionsausschuss entschied daraufhin, eine Untersuchung der Dissertation durchzuführen. Dabei wird in den nächsten Wochen von zwei Gutachtern geprüft, ob Haller bewusst gefälscht hat. „Mögliche Konsequenz wäre die Aberkennung des Doktortitels“, sagte Uni-Sprecher Carsten Heckmann gegenüber LVZ-Online.

Jugendamtsleiter von Plagiatsvorwürfen „überrollt“

Der Jugendamtsleiter war von der Universität bereits vor acht Wochen über die Anschuldigungen informiert worden. Seine Vorgesetzten, Sozialbürgermeister Thomas Fabian und Oberbürgermeister Burkhard Jung (beide SPD), habe er bereits damals über die Angelegenheit in Kenntnis gesetzt, berichtet er. Am Sonntag, als er aus dem Urlaub zurückkam, sei der 56-Jährige jedoch von der neuen Situation „überrollt“ worden. Ein Fernsehteam konfrontierte ihn damit, dass die Plagiatsvorwürfe nun im Internet veröffentlicht sind.

Die Uni Halle habe ihn vor zwei Wochen gebeten, Material aus der Entwurfsphase seiner Arbeit zur Verfügung zu stellen. Die Sachen seien im Keller seiner Eltern, er werde der Aufforderung aber nachkommen. Auch persönlich wolle er zu den Vorwürfen Stellung nehmen, sobald ihn die Universität dazu auffordere. Vermutungen, wer der unbekannte Hinweisgeber gewesen sein könnte, will Haller jedoch nicht anstellen.  „Wir hatten damals in Ludwigshafen ein sehr gutes Arbeitsklima“, sagt er nur.

VroniPlag Wiki: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Dissertation von Dr. Siegfried Haller

Robert Nößler

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