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Planer müssen umdenken: Leipzig ist unter allen Großstädten am stärksten gewachsen

Planer müssen umdenken: Leipzig ist unter allen Großstädten am stärksten gewachsen

Unter allen Großstädten in Deutschland ist Leipzig nun schon das dritte Jahr in Folge am stärksten gewachsen. Das erfordert ein Umdenken auf vielen Gebieten. Stadtplanungsamtsleiter Jochem Lunebach erklärte jetzt bei einem Forum der Architektenkammer, wie Leipzig künftig mit über 600.000 Einwohnern klarkommen könnte.

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Die Skyline von Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die "Schwarmstadt": Erfunden wurde der Begriff vom Forschungsinstitut Empirica, so Lunebach. Leipzig sei zurzeit die Schwarmstadt Nummer 1 in Deutschland, ziehe nicht mehr nur Studenten, sondern Arbeitskräfte aus allen Bundesländern an. Um die Dimension zu verdeutlichen: Übertragen auf die Größe Berlins würde Leipzigs Wachstum einer Zuwanderung von 100.000 Menschen pro Jahr entsprechen. In der letzten Bevölkerungsvoraussage seien der Messestadt für das Jahr 2030 zwischen 570.000 und 630.000 Einwohner prophezeit worden. "Falls das aktuelle Wachstum ungebremst anhält, würden wir in 15 Jahren sogar weit über 700.000 liegen."

Immer mehr Billig-Jobs: Noch ein Rekord - in den letzten zehn Jahren sind im Nordraum (vom Flughafen bis Paunsdorf) 38.000 Jobs entstanden. In dieser Dichte gab es das in Deutschland nicht noch mal. Trotzdem zählt Leipzig zu den drei ärmsten Großstädten. Für einen Ballungsraum sind die Einkommen extrem niedrig. Leipzig müsse sich wirtschaftlich breiter aufstellen, glaubt Lunebach: "Den Automobilstädten wie Wolfsburg und Rüsselsheim ging es immer mal sehr gut und immer mal sehr schlecht."

Nord-Süd-Konflikt: Die Ortsfläche von Plaußig würde zweimal in das nahe gelegene BMW-Werk passen. Zurzeit reifen Bebauungspläne für große Gewerbeflächen bei Porsche, in Stahmeln und am Flughafen. Pluspunkt: Im Nordraum kann die Kommune in nächster Zukunft jeden Investorenwunsch erfüllen. Minus: In den dortigen Ortschaftsräten regt sich mehr und mehr Unmut ob der einseitigen Perspektive. Sie verweisen auf den Südraum, wo Landschaft und Erholung gedeihen. Lunebach: "Im Norden noch mal 700 Hektar für Industrie zu entwickeln - wie seit 2005 geschehen - wird nicht mehr gehen." Um das Problem zu lindern, will die Stadt bei Neuansiedlungen reine Lagerflächen ausschließen, eine Job-Mindestzahl verlangen. Auch der Südraum, etwa an der A38, soll als Wirtschaftsstandort entwickelt werden.

Stadtentwicklungskonzept: Unter dem Motto "Leipzig weiter denken" beginnt die Kommune im Sommer mit der Arbeit an einem neuen Stadtentwicklungskonzept. Das letzte von 2009 hatte als einen Schwerpunkt die Wiederbelebung alter Magistralen wie Georg-Schumann- und Georg-Schwarz-Straße. Nun stehen die Erfordernisse einer stark wachsenden Stadt im Fokus. Den Teilplan Einzelhandel ändert die Kommune nicht. Sie sieht ihn als Erfolg, obwohl ein Discounter bereits sieben Gerichtsverfahren gegen die Konzentration des Handels auf bestimmte Stadtteilzentren führt. Die Fortschreibung des ganzen Entwicklungskonzepts dauert etwa zwei Jahre. Im gerade frisch renovierten Stadtbüro am Markt und per Internet sollen dabei neue Formen der Bürgerbeteiligung ausprobiert werden.

Schwerpunkt Hauptbahnhof: Von 1989 bis 2014 erlebte Leipzig vor allem eine Verdichtung der City. Auch in Teilen der Gründerzeitviertel - vor allem im Süden - wurden Kriegslücken bebaut. In nächster Zeit sehen die Stadtplaner den Schwerpunkt am City-Rand, also außerhalb des Ringes. "Keine andere deutsche Großstadt hat citynah so viele Flächen frei", sagt Lunebach. Schwerpunkte dürften nicht nur der Leuschnerplatz, sondern auch große Gebiete nahe dem Hauptbahnhof sein. So sei die Hoffnung für das Hotel Astoria noch nicht verloren, weitere Bauten an der Wintergartenstraße oder der Sitz der Sächsischen Aufbaubank an der Gerberstraße schon beschlossene Sache. 2014 lief ein Wettbewerb für neue Wohnhäuser auf dem Krystallpalast-Areal (siehe Grafik), das derzeit eine Brache ist. Zum Beispiel den Matthäikirchhof wolle die Kommune jedoch bewusst liegenlassen, um Reserven für fernere Tage zu haben. "Dort könnte ich mir den Landtag für ein künftiges Bundesland Mitteldeutschland oder den Sitz für einen Dax-Konzern vorstellen."

Erhalt von Brachflächen: Ein noch junger Trend ist der Bau mehrgeschossiger Wohnhäuser auf Kriegslücken und sonstigen Brachen. Inzwischen melden sich aber mehr Bürger, die Freiflächen als grüne Farbtupfer erhalten wollen. Laut Lunebach müssen da Kompromisse her, "auch wenn nicht jeder Fan der historischen Stadtstruktur begeistert sein wird". Projekte wie der Parkbogen Ost seien wichtig für die Lebensqualität. Das massenhafte Umwandeln alter Fabriken in Wohnanlagen müsse so gesteuert werden, dass genug Raum für Gewerbetreibende und Kreative bleibt. "Wir überlegen, einige Fabriken von einer Wohnnutzung auszuschließen." Aus dem ehemaligen Werk Motor in Gohlis werde die erste Wohnsiedlung Leipzigs, die mehr Energie abgibt als sie selbst verbraucht.

Gestapelte Kitas und Turnhallen: Aus Sicht des Fachmanns ist es "Ressourcen-Verschwendung", dass selbst in der Innenstadt (wie an der Gohliser Straße) alle neuen Kitas als Flachbauten errichtet werden. Andernorts sei es normal, sie ins Erdgeschoss großer Häuser zu integrieren. "Allerdings haben sie dann oft nur 50 bis 70 Plätze. In Leipzig sind es derzeit viel mehr." Erschwert werde ein platzsparendes Bauen auch durch sächsische Vorschriften. So scheiterte der Plan für eine Kita im Dachgeschoss der "Höfe am Brühl" am Veto des Landesjugendamtes. Dennoch gebe es jetzt erstmals ein verheißungsvolles Projekt: Die geplante Kita an der Haydnstraße könnte in einem Fünfgeschosser entstehen. Turnhallen müssten bald über Supermärkte oder Schulen gestapelt werden.

Günstige Mieten: Leipzig werde weiter eine Spreizung, aber keine Explosion der Wohnungsmieten erleben - einfach weil in der Stadt sehr viel Bauland existiert. Im Juni berät eine Expertenkommission über Ideen, die Investoren stärker an den Folgekosten ihrer Projekte für die Allgemeinheit zu beteiligen (neue Straßen, Parks, Schulen). Allein für den Bau eines Gymnasiums wären zwei Hektar Land und etwa 25 Millionen Euro nötig. Einen Teil des Wertzuwachses von Grundstücken durch Wohnbebauungen will die Stadt künftig durch eine "sozialgerechte Bodenordnung" abschöpfen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.03.2015

Jens Rometsch

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