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Lokales Politisches Quartett streitet in der Schaubühne Lindenfels über Gefahren für die Demokratie
Leipzig Lokales Politisches Quartett streitet in der Schaubühne Lindenfels über Gefahren für die Demokratie
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14:32 21.11.2018
Das Politische Quartett: Jan Emendörfer, Andrea Kern, Claudia Euen und Dirk Panter (von links) tauschten ihre Leseeindrücke zu politischen Bucherneuerscheinungen aus. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Vier Meinungen prallen aufeinander: Dass das für ein Publikum ein Gewinn sein kann, zeigte sich am Montagabend wieder in der Schaubühne Lindenfels. Vier Bücher wurden beim Politischen Quartett besprochen. Claudia Euen (Leipziger Autorin und Journalistin), Andrea Kern (Professorin für Geschichte der Philosophie an der Uni Leipzig), Dirk Panter (Vorsitzender der SPD-Fraktion im sächsischen Landtag) und LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer nahmen als Buchkritiker Platz. Den Neuerscheinungen gemein war jeweils der Versuch einer Beschreibung der Gegenwart – der Versuch, irgendwie am aktuellen Zeitgeist zu kratzen.

Alter und neuer Faschismus: Madeleine Albrights Warnung

„Die Demokratie ist in Gefahr!“ – Claudia Euen stellte Madeleine Albrights schlicht „Faschismus“ genanntes Buch vor. Albright, später unter US-Präsident Clinton Außenministerin, wurde 1937 in Prag geboren. Ihre Familie floh 1939 nach London, kehrte 1945 zunächst in die alte Heimat zurück und emigrierte 1948 in die USA. In ihrem Buch versucht sie sich einem Phänomen zu nähern, das die Demokratie nach wie vor bedrohe: dem Faschismus. Dafür schildert sie den Faschismus Mussolinis und Hitlers, zieht aber auch eine Nachfolgerreihe bis zu Putin oder Trump.

Faschist sei, wer sich stark mit einer Nation oder Gruppe identifiziere und den Anspruch erhebe, in deren Namen zu sprechen: Jemand, „den die Rechte anderer nicht kümmern“ und der auch vor Gewalt nicht zurückschrecke. Dass sich Albright dabei auf Personen konzentriert, erregt bei Philosophie-Professorin Kern Widerspruch. Statt einzelner Figuren, die die Massen verführen, möchte sie tiefere Ursachen benannt haben, woher die antidemokratischen Strömungen auch unserer Zeit herrühren.

Eine Stärke des Buches sei allerdings, dass es aufzeige, warum antidemokratische Politiker in ihren Ländern Zuspruch erhalten. Gerade weil es bei Albrights Analyse nicht um eine akademische Abhandlung gehe, sei es lesenswert, ist sich die Runde einig. „Wir sind dabei zu lernen, was es heißt, eine Demokratie am Leben zu halten“, fasst Kern zusammen. Auch wenn das Buch dafür keine Lösungen aufzeige.

Mit Unschärfen: Andreas Reckwitz’ „Die Gesellschaft der Singularitäten“

Weil es in einem allzu akademischen Ton vorgetragen ist, ruft Andreas Reckwitz’ Abhandlung „Die Gesellschaft der Singularitäten“ später mehr Widerspruch hervor: „Was will der Autor uns damit sagen?“, kapituliert Emendörfer. Nachdem er eine Passage vorgelesen hat, ist zu ahnen, warum es für ihn „die Katastrophe des Abends“ ist. Das Buch sei auf einem sehr abstrakten Niveau geschrieben, findet auch Dirk Panter. Claudia Euen sagt, der Soziologe hätte sich kürzer fassen können.

Andrea Kern, die das knapp 500-seitige Werk vorstellt, würdigt den Versuch, einen weitreichenden gesellschaftlichen Strukturwandel beschreiben zu wollen: Statt das Gleiche anzustreben, vereinzele die Gesellschaft mehr und mehr, jeder suche das Besondere. Letztlich erklärt Kern diesen Versuch aber für gescheitert, da Reckwitz’ Argumentation Unschärfen habe.

Der einzige Roman: Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“

Die Sprache des einzigen Romans des Abends, den Dirk Panter vorstellt, ist die der Finanzwelt: In „Hochdeutschland“ schildert Alexander Schimmelbusch die Geschichte eines geläuterten Investmentbänkers. Panter bescheinigt dem Helden des Buchs eine Karriere, die das Klischee voll bediene. Uneins ist das Quartett, wie der Roman zu lesen sei – ob als „Sittengemälde eines sinnfreien Raums“ (Kern) oder als doch zu sehr aufgesetzte Satire.

Die Leseempfehlung: Ulrike Hermanns Kritik an der Volkswirtschaftslehre

„Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ – obwohl sich das Buch an Studierende der Ökonomie richtet, bekommt es am Abend die deutlichste Leseempfehlung. Die Wissenschaftsjournalistin Ulrike Hermann kritisiert darin, dass die Volkswirtschaftslehre, wie sie heute an den Universitäten gelehrt werde, ihren Gegenstand nicht mehr hinterfrage.

Es sind die vermeintlich überholten Klassiker Smith, Marx und Keynes, mit denen sie genau die Lust darauf wieder wecken will. In einer Zeit, in der der Kapitalismus beinahe alternativlos scheint, bekennt Journalistin Euen, habe sie sich darin gern eingelesen. Jan Emendörfer, der das Buch vorstellt, empfiehlt es auch, macht aber eine Einschränkung: „Am Ende fühlte ich mich als Leser etwas allein gelassen. Zwar werden die Probleme benannt, aber im Grunde, sagt Hermann, würden wir so weiter wirtschaften.“

Von Manuel Niemann

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