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Lokales Popeye statt Zombie: Experten wollen Crystal Meth nicht verteufeln
Leipzig Lokales Popeye statt Zombie: Experten wollen Crystal Meth nicht verteufeln
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Crystal Meth (Symbolbild) Quelle: dpa
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Leipzig

Ungefähr so dürfe Aufklärung über Drogen nicht sein, da waren sich die Experten einig, die am Donnerstagabend auf Einladung der Jungen Union Leipzig im Studio 3 diskutierten. Sachlich aufklären statt verteufeln, darum ginge es heute mehr denn je.

Das in tschechischen Drogenküchen produzierte Methamphetamin sei eben keine Droge ausschließlich der Unterschicht, verdeutlichte der Buchautor Maik Baumgärtner ("Crystal Meth. Produzenten, Dealer, Ermittler"). Die Droge nehme der Unternehmer, der nach einer stressigen Woche durchfeiern will, ebenso wie Bundeswehrsoldaten, die mehr Leistung bringen müssen oder Jugendliche, die der Monotonie ihres Alltags in der Provinz entfliehen wollen. Kriminaldirektor Bernd Buchwald meinte, die Droge passe eben gut in den Zeitgeist.

"Es ist wie bei Popeye, der seinen Spinat einwirft", schilderte Jörg-Achim Weber, Professor für Sozialmedizin an der HTWK. "Man fühlt sich stark, attraktiv, unverletzlich." Der daraus folgende Kater lasse sich nur bekämpfen, indem man die nächste Dosis nachlege. Und an Nachschub kommt man so leicht wie nie zuvor, so die Experten. Wenn die Leipziger Polizei früher ein paar Kilogramm Heroin beschlagnahmt hatte, spürte das die Szene schmerzhaft. Bei Crystal ist das anders. "Heute kann sich jeder in Tschechien selbst versorgen", so Buchwald, der bei der Polizeidirektion das Referat Kriminalitätsbekämpfung leitet. Baumgärtner pflichtete bei: "Es gab in Deutschland noch nie eine Droge mit so einfachem Zugang."

Auch Schock-Bilder wie "Faces of Meth" schrecken nicht ab, sagte Weber. "Je näher man der Sache kommt, umso klarer wird, dass solche Darstellungen überzeichnet sind." Buchwald wünschte sich deshalb deutlich mehr Mittel des Freistaats für Präventionsprogramme. Durch den geplanten Personalabbau bei der Polizei seien Qualitätseinbußen in der Aufklärungsarbeit an Schulen zu befürchten. Außerdem fehlten in der Stadt spezielle Konzepte für Schulsozialarbeit und langfristige Ausstiegsangebote. "In Leipzig fließen Mittel vor allem in Schadensminimierung wie Spritzentausch", so der Beamte.

Weber forderte ein Umdenken in der Gesellschaft. "Leistungssteigernde Mittel sind weithin akzeptiert", so der Professor. So habe er Elternabende veranstaltet, um angesichts der starken Verbreitung von Amphetaminen an Leipziger Schulen aufzuklären. "Ich habe das aufgegeben", erklärte er. "Viele Eltern wollten von mir nur einen Rat, welche Mittel am geeignetsten sind."

Erfahren Sie mehr über Crystal Meth in unserer Reportage über das weiße Gift.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.07.2015
Frank Döring

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