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Prachtbau wird zum Dauerstreit-Objekt - Finanzierung von Kunstschätzen nicht gesichert

Prachtbau wird zum Dauerstreit-Objekt - Finanzierung von Kunstschätzen nicht gesichert

Das Leipziger Paulinum, ein Vorzeigebau, der europaweit seinesgleichen sucht, hat sich zur unendlichen Geschichte und zum Dauer-Streit entwickelt. Die Bauarbeiten ziehen sich seit Jahren in die Länge.

Leipzig. Nächster Termin ist Dezember. Insider zweifeln aber, ob das Prachtstück dann fertig ist. Probleme gibt es aktuell bei der Aufbereitung historischer Kunstwerke.

Das Depot der Leipziger Universität gleicht einer Schatzkammer. Wertvolle Kunstwerke aus dem 16. bis 18. Jahrhundert lagern in der Hainstraße, am Eingang zusätzlich gesichert durch eine Gittertür. Uni-Kustos Rudolf Hiller von Gärtringen und der Hallenser Metallbildhauer Thomas Leu stehen vor einem etwa drei bis vier Meter hohen Epitaph. Das barocke, vergoldete Gedächtnismal zur Erinnerung an den Gelehrten Johannes Olearius, das nur noch zu zwei Dritteln im Original erhalten ist, hängt probehalber im Depot und ragt den beiden Männern weit über die Köpfe. Ein paar Feinheiten müssen noch bearbeitet werden, bevor es ab Mai mit 20 weiteren Epitaphien und dem historischen Altar aus der alten Paulinerkirche im Andachtsraum des Neuen Paulinums montiert werden soll.

Kurz bevor die SED-Führung die Pauliner-Kirche am 30. Mai 1968 sprengen ließ, hatten Kunstliebhaber die Schätze aus der Kirche geborgen. Weil sie dafür weniger als eine Woche Zeit hatten, sind viele Epitaphien nur teilweise und in Bruchstücken vorhanden. Rahmenarchitektur und Schrifttafeln gingen größtenteils mit der Kirche unter. Immerhin 48 von 56 Stücken konnten gerettet werden, 40 davon vollständig. Alle Fragmente wurden provisorisch erst im Reichsgericht und ab 1982 in der Lindenauer Heilandskirche untergebracht – in letzterer bei einer Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent, vermutet Hiller von Gärtringen sarkastisch. Bei genauerem Hinsehen sieht man auch am Olearius-Epitaph brüchiges Holz an den Originalteilen durchschimmern. Schäden, die durch unsachgemäße Lagerung verursacht wurden.

Schäden bleiben bei restaurierten Werken sichtbar

Für 1,2 bis 1,5 Millionen Euro sind die Überbleibsel restauriert worden. Die Schäden bleiben aber auch nach der Aufarbeitung sichtbar. Der Kustos will die Mängel nicht vertuschen. „Man kann nicht so tun, als hätte es Ulbricht nicht gegeben. Da halte ich nichts von“, sagt er. Ihm gehe es darum, die Vergangenheit lesbar zu machen. Die Grabmale haben zwei Weltkriege überstanden und fielen dann den Kommunisten zum Opfer. „Ich möchte, dass man deutlich sehen kann, was historisch erhalten und was restauriert ist. Ein Kommentar des frühen 21. Jahrhunderts“, meint der Wissenschaftler. Die fehlenden Teile des Olearius-Epitaphs hat Leu deshalb mit Aluminium statt Holz und in zweidimensionaler Optik nachgerüstet. Aluminium eignet sich aus Sicht des Kustos besonders gut für die Ergänzungen, weil es ein modernes Material ist, das leicht und gut zu bearbeiten ist.

Der Dialog zwischen moderner Architektur und historischer Kunst spiegelt sich im gesamten Gebäude wider. Der vom holländischen Architekten Erick van Egeraat entworfene Kollos erinnert mit seiner gotteshausähnlichen Form an die Vorgängerbauten, nicht zuletzt das 1231 gegründete Dominikanerkloster St. Pauli, das einige Jahrhunderte später zu DDR-Zeiten als Paulinerkirche gesprengt wurde. Die Architektur ist hochmodern: aufwendige Glaskonstruktionen, gepaart mit Naturstein und einer zeitgemäßen Form ziehen nicht nur die Blicke von Touristen auf sich. Innen vereinigen sich wissenschaftliche Institute, die Aula und ein Andachtsraum.

Das Neue Paulinum mit angrenzendem Augusteum sollte ein Prachtbau werden. Der Freistaat veranschlagte ursprünglich 140 Millionen Euro für die Errichtung, musste aber schnell auf 200 Millionen Euro korrigieren. Etliche Unstimmigkeiten ließen den Preis in die Höhe schnellen. Eigentlich sollte bereits zum 600-jährigen Jubiläum der Uni im Dezember 2009 alles fertig sein. Wegen Reibereien verzögerte sich die Bauzeit aber immer wieder.

Zank um Glaswand und Kanzel

Zunächst gab es Zank um den Namen und eine geplante Glaswand zwischen Aula und Andachtsraum. Ein Großteil der Uni-Mitarbeiter und Studenten war für die Glaswand, aber gegen den Namen Universitätskirche St. Pauli. Damit würde die Bindung der Wissenschaft an eine Konfession symbolisiert. Andere, unter anderem Kirchenanhänger, bildeten das Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ und bestanden auf einen Namen, der an die Tradition der Paulinerkirche erinnerte. Außerdem protestierten sie gegen die Trennung der Räume. Schließlich einigten beide Lager sich auf den Namen „Paulinum“ mit dem Untertitel „Aula – Universitätskirche St. Pauli“. Bezüglich der Glaswand gab es vorerst keine Einigung. Allerdings akzeptierte die evangelische Kirche zähneknirschend, dass die Entscheidungskompetenz darüber beim Freistaat und der Uni liegt. Inzwischen ist die Glaswand eingebaut.

Als nächstes stritten sich Architekt Erick van Egeraat und der Freistaat Sachsen, vertreten durch das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB), über Details der Bauplanung. Der Rotterdamer Architekt, der 2009 mit einer seiner Firmen Insolvenz anmeldete und deshalb von der Betreuung des Paulinums abgezogen wurde, fühlte sich in seinen Urheberrechten verletzt. Er zog vor Gericht, weil er beispielsweise darauf bestand, für die Dachkonstruktion Naturstein zu verwenden, statt Alu-Lamellen, die der Freistaat favorisierte, weil er sparen wollte. Außerdem forderte der Architekt, die künstlerische Baubetreuung zu übernehmen. Eine Einigung scheiterte an seinen Gehaltsvorstellungen. Das Oberlandesgericht Dresden entschied, dass die Streithähne sich in einem Workshop einigen sollten, der allerdings lange keinen Konsens hervorbrachte. Für mehrere Monate stand die Baustelle still, worst case wäre ein totaler Baustopp gewesen. Im März 2010 einigten sich Architekt und Freistaat schließlich doch. Van Egeraat begleitete das Projekt fortan als Berater des Freistaates. Er gestaltete als Architekt die Aula sowie den Kirchenraum und zog seine Urheberrechts-Klage zurück.

Damit aber nicht genug: Kurz nachdem die Glaswand im Februar 2013 eingebaut war, kochte eine Debatte über die barocke Kanzel, die aus der alten Unikirche geborgen worden war, hoch – und brodelt immer noch. Kustos Hiller von Gärtringen ist strikt gegen den Einbau des wertvollen Stücks. In der nicht klimatisierten Aula seien die Bedingungen zu schlecht. Die Luftfeuchtigkeit könne nicht reguliert werden. Ständige Temperaturschwankungen durch Heizen und wieder Abkühlen sowie 600 atmende Menschen bei Großveranstaltungen würden sie auf Dauer zerstören. Im klimatisierten Andachtsraum sei wiederum kein Platz dafür.

Eine mobile Lösung sei mit ständiger Montage und Demontage nicht nur kostspielig, sondern ebenfalls schädlich für die originale Substanz. Auch die Klimatisierung des gesamten Paulinums hält Hiller von Gärtringen für nicht realistisch. Schon im Andachtsraum müssten für die Klimatisierung jährlich 50.000 Euro berappt werden. Die Aula sei doppelt so groß. Die zusätzlich notwendigen 100.000 Euro im Jahr wolle niemand bezahlen.

Ob und wie die alte Kanzel eingebaut wird, entscheidet eine Expertenkommission unter Leitung des sächsischen Finanzministeriums, die sich im November vergangenen Jahres konstituiert hat. Die nächste Sitzung ist für März geplant; Ergebnis offen. Hinter vorgehaltener Hand rechnet der Kunstliebhaber Hiller von Gärtringen aber mit einer persönlichen Niederlage und dem Einbau der Kanzel in die Aula. „Dann ist aber abzusehen, dass sie kaputt geht“, sagt er mit vor Enttäuschung bebender Stimme. Das Holz werde abblättern. Sein Alternativvorschlag? „Ich habe keinen“, räumt er ein. So steht er also betrübt vor den Bruchstücken der Kanzel. Lieber würde er sie hier im Depot liegen lassen, als zuzusehen, wie sie im Paulinum nach und nach zerfällt.

450.000 Euro fehlen noch

Sorgen macht der Kustos sich auch um die fristgerechte Innengestaltung. Eigentlich sollte der Freistaat das Bauwerk bereits Ende vergangenen Jahres an die Uni übergeben haben. Der Innenausbau hat sich in seinen Endzügen aber weiter verzögert. Inzwischen ist das Gerüst abgebaut. Nur noch der Fußboden fehlt. „Irgendein Schiff ist mit einer Lieferung wohl falsch abgebogen“, meint er mit sarkastischem Unterton. Dennoch rechnet er damit, dass ab Mai an der Inneneinrichtung gearbeitet werden kann. Für die vollständige Restaurierung und Befestigung der 21 Epitaphien plus Altar fehlten allerdings noch 450.000 Euro, bedauert er. Wieder zieht er Sachsen in die Verantwortung: „Der Freistaat fühlt sich nicht zuständig. Bisher haben wir die Restaurierung auf Spendenbasis vorgenommen.“

Sollte das restliche Geld nicht bald zusammenkommen, könnte bis Dezember nur ein Teil des Ensembles aufgehängt werden. Bei sechs von 22 Kunstwerken sei die Aufarbeitung finanziell nicht komplett gesichert. „Entweder kratzt die Uni dann noch Geld zusammen oder das Projekt zieht sich Jahre oder im schlimmsten Fall sogar Jahrzehnte hin. Ich kann es nicht über die Ziellinie zerren.“

Frauke Sievers

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