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Lokales „Produktives Lernen“ – Neues Projekt fängt Schulabbrecher in Leipzig auf
Leipzig Lokales „Produktives Lernen“ – Neues Projekt fängt Schulabbrecher in Leipzig auf
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00:28 29.08.2015
Trauriger Spitzenwert: 12,3 Prozent der Leipziger Jugendlichen brechen die Schule ab. Quelle: dpa
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Leipzig

Sie ist nicht typisch, nur eine unter vielen. Marie (*Name geändert) ist das dritte Kind vom dritten Mann. Ihre beiden älteren Geschwister wurden bald in Pflegefamilien untergebracht, aber Marie durfte bei ihrer Mutter bleiben. Mit 15, 16 machte sie zu Hause, was sie wollte. Sie interessierte sich für Tanzen und die Freunde im Jugendclub, blieb immer öfter vom Unterricht weg. Von der Schulverweigerin wurde sie zur Schulversagerin: Ihre letzte bestandene Klasse ist die dritte.

Marie steht in Leipzig nicht allein da. Im Jahr verlassen knapp 200 Jugendliche die Hauptschule ohne Abschluss. Das kann der Sohn einer Ärztin sein, der keine Lust mehr hat, sich in das System einzuordnen. Oder die Tochter einer Familie, in der die Geburt des fünften Geschwisterchens kaum Platz ließ für die Sorge um das ältere Kind mit Schulproblemen. Einige wuchsen mit schwersten Traumata auf. Manche taten sich schon im Kindergarten schwer mit dem theoretischen Lernen.

Doch warum ist die Situation in Leipzig so besonders dramatisch? Warum brechen hier 12,3 Prozent der Jugendlichen die Schule ab – und in Dresden „nur“ sieben Prozent? Auch im Landkreis Bautzen (8,2 Prozent) oder in Chemnitz (11,2 Prozent) sieht es immer noch besser aus. Leipzig liegt bundesweit auf dem zweiten Platz in der traurigen Statistik derer, die mit schlechtesten Chancen ins (Berufs) -leben starten. Das hat eben wieder die Bildungsstudie des Caritas-Verbandes festgestellt, die Daten von 2013 auswertete. Die Ergebnisse decken sich mit städtischen Untersuchungen und sind seit Jahren kaum verändert.

Andreas Hess ist einer derjenigen, die sich intensiv mit dem Problem beschäftigen. Der 37-Jährige ist selber Lehrer, war früher im ganz normalen Unterricht eingesetzt und kehrt im Herbst als Schulleiter dahin zurück. „Unsere Schulen“, sagt er, „müssen sich wieder intensiv darauf besinnen, was ihr Erziehungsauftrag ist und die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.“ Im 45-Minuten-Betrieb sieht er kaum eine Chance, sich auf einzelne, schwierige Schüler einzulassen, ihnen Bindung und Verlässlichkeit zu vermitteln. „Viele Lehrer sind von der Situation total überfordert“, sagt er.

Er selbst wechselte 2008 zum Schulversuch „Produktives Lernen“ an die Georg-Schumann-Oberschule. Von den rund 100 Bewerbern in jedem Jahr werden je 20 für den Standort Mitte und die Helmholtz-Schule im Westen ausgewählt. Drei Tage lernen sie in der Praxis, zwei Tage in der Theorie – am Ende bestehen zwischen 60 und 75 Prozent von ihnen eine Prüfung, die äquivalent zum Hauptschulabschluss ist. Klare Konsequenzen – jede Verspätung wird geahndet – gehören ebenso zum Konzept wie Unterstützung.

Einmal pro Woche treffen sich die Pädagogen mit den sogenannten Teilnehmern zur individuellen Bildungsberatung. „Aus Konsumierer-Schülern wollen wir aktive Jugendliche machen, die am Arbeitsleben teilnehmen“, erklärt Hess seinen Auftrag. „Wenn es einem nicht gut geht, merke ich das sofort. Schnelle Hilfe, enge Kooperationen mit dem Sozialdienst und einer Psychologin klappen besser als Leistungen mit der Gießkanne“, plädiert der Pädagoge dafür, jeden Einzelnen genau zu betrachten.

Denn in der Breite sind die Erklärungsansätze für Schulversager bekannt. „Wir haben den Bildungsreport, die Sozialdaten, den Mietspiegel. Da steht ganz genau, welche Mittelschulen im Osten, Westen und Grünau besonders hohe Abbrecherquoten haben“, sagt Roman Schulz, Sprecher der Sächsischen Bildungsagentur Leipzig. In der 94. Oberschule zum Beispiel lag sie laut Schulentwicklungsbericht von 2009 bis 2011 bei über 30 Prozent.

Die Zahl der Alleinerziehenden, Armut, Problemviertel, Langzeitarbeitslosigkeit – in dieser Hinsicht sei Leipzig vergleichbar mit Dortmund und nicht mit Dresden. „Die Schulen können kein Reparaturbetrieb sein für gesellschaftliche Probleme“, fällt da schnell der bildungspolitische Standardsatz. Doch der Bildungssprecher will sich nicht aus der Verantwortung nehmen: „Es ist Wahnsinn, was einige Schulleiter für ihre Schüler tun“, sagt er und nennt als Beispiel die 16. und 56. Oberschule. „Da müssen wir mit pädagogischer Arbeit an vielen Oberschulen hin.“ Dazu sollte Bildungsberatung bereits in der 3. und 4. Klasse beginnen. „Viele Schulverweigerer haben einen langen Weg der Misserfolge hinter sich“, sagt Roman Schulz.

Marie, die schon in der dritten Stufe das Klassenziel nicht erreichte, hat den Abschluss nicht mehr geschafft. Sie nahm noch einen zweiten Anlauf beim Produktiven Lernen. Dann verliert sich ihre Spur.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27. August 2015
Von Stephanie von Aretin

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