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Lokales Programm hilft jungen Leipzigern beim Aufbau ihrer eigenen Firma
Leipzig Lokales Programm hilft jungen Leipzigern beim Aufbau ihrer eigenen Firma
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10:00 10.12.2017
Frank Lemloh vom Social Impact Lab in der Weißenfelser Straße 65. Quelle: André Kempner
Leipzig

Die Leipziger Gründerszene bekommt immer wieder Zuwachs: „Selbst & Ständig“ heißt ein ziemlich einmaliges Förderprogramm für junge Leute unter 30, das es seit zwei Jahren in Leipzig gibt. Anliegen ist es, sie aus der Arbeitslosigkeit – oder der drohenden Arbeitslosigkeit – in die Selbstständigkeit zu führen. Auf jeden Fall soll es ihnen hinterher wirtschaftlich besser gehen, und es sollen neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Seit September 2015 sind 71 junge Frauen und Männer mit 54 Geschäftsideen in das Programm aufgenommen worden, 34 haben inzwischen erfolgreich ihr Geschäft gegründet. 70 Prozent der Teilnehmer wollen in der Kultur- und Kreativwirtschaft ihr Ding machen, einem wichtigen Cluster der Leipziger Wirtschaftsförderung. Rund ein Jahr lang werden sie im Social Impact Lab in der Weißenfelser Straße intensiv begleitet. Sie können die Räumlichkeiten und die Infrastruktur nutzen, erhalten Fachberatung, Gruppencoachings, Expertengespräche und eine sehr individuelle Betreuung – meist sechs bis neun Monate vor der Gründung und drei bis sechs Monate danach. Einige kommen später wieder, wenn das Geschäft schlecht läuft – oder wenn es, ganz im Gegenteil, so gut läuft, dass sie sich mit Wachstum und der Einstellung von neuen Mitarbeitern beschäftigen müssen. Ob die Unternehmen auf lange Sicht erfolgreich sind, lässt sich erst nach drei bis fünf Jahren beurteilen. Einige Teilnehmer erkennen während der Programmlaufzeit aber auch, dass sie doch nicht das Zeug zum Unternehmer haben. Das ist kein Beinbruch – die Leute steigen dann aus, gehen ins Studium oder eine Berufslaufbahn.

Das Programm, das von der Schweizer Drosos Stiftung finanziert wird, ist nahezu einmalig in Deutschland. Nur in Hamburg gibt es noch ein vergleichbares Programm, dort heißt es „Jungstarter“. Für jeden Teilnehmer gibt die Stiftung 15 000 bis 18 000 Euro aus. Für die jungen Leute ist das gesamte Programm kostenlos. Im Mai 2017 wurde es um weitere drei Jahre verlängert. Projektkoordinator Frank Lemloh hat mit seinem Team 34 junge Leute mit ihren eigenen Unternehmen an den Start gebracht. Darunter sind vier Cafés, eine Bar, ein afghanischer Pizzabäcker, eine Physiotherapie, eine russische Kampfkunst-Sportschule, eine Künstlerbetreuerin, Grafikdesigner, Fotografen, PR- und Social-Media-Manager. Die Projektteilnehmer waren alle unter 30 Jahre alt, bereits arbeitslos gemeldet oder von der Arbeitslosigkeit bedroht. Sie haben sich mit 26 verschiedenen Geschäftsideen selbstständig gemacht. Lemlohs Grundsatz: „Man muss den Leuten Zeit geben, Geduld haben und Vertrauen in ihre Projekte haben.“ Der 45 Jahre alte Kulturwissenschaftler hat vorher drei Jahre lang in Basel das erste Gründerzentrum für Kreativwirtschaft geleitet und davor in Hamburg in der Kreativwirtschaft gearbeitet. Er ist auch Mentor bei den „Joblingen“, ein Programm, das Jugendliche auf den Start in eine Ausbildung vorbereitet.

Café Bubu

Marvin Strotmann und Greta Orlishausen betreiben das Café Bubu im Täubchenweg 88. Quelle: André Kempner

Müde, aber glücklich sind Marvin Strotmann (30) und Greta Orlishausen (31). So eine 90-Stunden-Woche schlaucht, aber der Einsatz lohnt sich: „Wir haben die richtige Entscheidung getroffen.“ Seit August betreibt das Paar – er stammt aus dem Münsterland, sie aus Franken – sein Café Bubu im Täubchenweg. Vom ersten Tag an wurde es angenommen, vom ersten Tag an konnten sich die Neu-Gastronomen über schwarze Zahlen freuen. Auf die Selbstständigkeit haben sich die beiden fast ein Jahr lang im Programm „Selbst & Ständig“ vorbereitet. Marvin hat früher bei einer Plattenfirma gearbeitet, Greta war Maskenbildnerin am Theater. Dann gingen sie erst mal auf Reisen – Nepal, Indonesien, Neuseeland, USA. In dieser Zeit überlegten sie sich, was sie in Zukunft machen wollen. Da sie Freunde in Leipzig haben, und da die Stadt vergleichsweise günstige Mieten und viel Entwicklungspotenzial hat, fiel die Wahl auf Leipzig. In ihrem Café veranstalten sie zwei Konzerte pro Monat und haben auch eine Galerie.

Ministerium für Abenteuer

David Schäfer vom Team Waterport führt Besuchern der Messe Tourismus und Caravaning das Stand-up-Paddeln in der Halle 1 vor. Quelle: André Kempner

David Schäfer ist eigentlich studierter Sonderpädagoge. Aber er fand keine Anstellung in der Nähe von Leipzig, wo er viel in seine Wohnung investiert hatte. Daher entschied sich der 32-Jährige für Plan B und ging in die Selbstständigkeit. Anfang 2016 gründete der gebürtige Wiesbadener seine Firma für Outdoor-Aktivitäten, die heute „Ministerium für Abenteuer“ heißt. Seine Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche vom Kindergartenalter bis zum Abitur, aber er tritt ihnen nicht als Lehrer gegenüber. Sondern er veranstaltet mit ihnen an den Seen in ganz Sachsen spannende Outdoor-Aktivitäten: Floßbauen, Stand-up-Paddling, interaktive Schnitzeljagden per Tablet oder andere Abenteuer, bei denen sich Spaß, Action und Erlebnispädagogik vereinen. Vor seinem Unternehmensstart hat Schäfer im Programm „Selbst & Ständig“viel über Marketing gelernt, sich ein Netzwerk aufgebaut und auch schon erste Aufträge bekommen. Da seine Angebote jedoch sehr wetterabhängig sind, schreibt David Schäfer noch keine schwarzen Zahlen. Eine Saison will er sich noch Zeit geben, um den Durchbruch zu schaffen. Als wetterunabhängige Alternative bietet er bereits jetzt soziales Training an Schulen an.

Festival mit fairen Finanzen

Maxime Faget will in Leipzig ein Kulturfestival veranstalten. Quelle: André Kempner

„Nichts und niemanden“ kannte der junge Franzose Maxime Faget, als er vor zwei Jahren nach Leipzig kam. Außer seiner Freundin. Der 27-Jährige hatte in seiner Heimat fürs Radio und andere Medien gearbeitet. Er wollte etwas Neues versuchen – und stellte in Leipzig ein Musikfestival für elektronische und experimentelle Musik auf die Beine. Das viertägige Festival „Seanaps“ fand im September 2017 im Grassi, im Westwerk und an anderen Schauplätzen statt. Dabei wagte Maxime ein Experiment: Erstmals in der europäischen Livemusik-Szene brachte er die revolutionäre Blockchain-Technologie zum Einsatz. Für das Festival musste niemand Eintritt bezahlen. Jeder Besucher erhielt ein Bändchen mit einem Chip, auf den er sich einen Betrag der künstlichen Währung „Lip“ in beliebiger Höhe laden konnte. Essen, Getränke und Merchandising-Produkte wurden mit der Kryptowährung bezahlt. Dabei konnte jeder Besucher selbst entscheiden, wie viel Geld er sich für welche Leistung abbuchen lassen will. Nach einem vorher festgelegten Schlüssel wurden anschließend alle Einnahmen völlig transparent aufgeteilt zwischen Künstlern, Gastronomen, Security und anderen Partnern. Das Konzept ist so neu, dass Maxime bereits nach Paris, Serbien und Holland eingeladen wurde, um seine Technologie vorzustellen. Ziel des Wahlleipzigers: Er will sein Zahlungssystem auf anderen Festivals in Europa etablieren. Möglicherweise wird er sein Geld künftig auch als Redner und Coach zu diesem Thema verdienen.

Von Kerstin Decker

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