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Lokales Projekt „Live Music Now“ rührt Kranke und Häftlinge zu Tränen
Leipzig Lokales Projekt „Live Music Now“ rührt Kranke und Häftlinge zu Tränen
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06:00 14.07.2018
Einprägsame Erlebnisse für alle Beteiligten im St.-Georg-Klinikum: oben Sopranistin Alice Ungerer und Pianist Francesco Greco im Pflegeheim für Menschen im Wachkoma, links Seif El-Din Sherif vor Patienten der forensischen Abteilung. Quelle: Fotos: Margit Emmrich/LMN
Leipzig

Ehrenamtler bilden das Rückgrat der Gesellschaft. In ihrer Freizeit arbeiten sie als Jugendtrainer, geben Schülern Nachhilfe, lesen Kindern Geschichten vor, unterstützen Senioren oder engagieren sich in Flüchtlings-Unterkünften. Die LVZ-Serie porträtiert diejenigen, die das Leben anderer besser machen. Heute: Babette Berg – eine Frau, die sich für ein ungewöhnliches Musikprojekt einsetzt.

Auftritte in Kliniken, Gefängnissen, Heimen

Es gibt Menschen, die nur ein paar Sätze brauchen, bis sie das Gegenüber für ihre Sache eingenommen haben. Wenn Babette Berg über Begegnungen, Momente und Reaktionen von „Yehudi Menuhin Live Music Now“ spricht, strahlen die Augen der 54-Jährigen. Sie gehört zum Vorstand des Vereins, der Musik zu Menschen bringt, die aus unterschiedlichsten Gründen keine Konzerte besuchen können. Unter anderem treten Music-Now-Künstler in Krankenhäusern, Gefängnissen, Kinder-, Obdachlosen- oder Flüchtlingsheimen auf.

Zu den unvergesslichen Erlebnissen, die Berg meint, gehört der Vormittag des 29. Juni 2016. Der ägyptische Pianist Seif El-Din Sherif spielt vor 60 psychisch erkrankten Straftätern in der forensischen Abteilung des St. Georg-Klinikums. Werke von Bach, Beethoven, Chopin und Dutilleux füllen den Raum, dazwischen erklärt der Künstler die Kompositionen. Berg sieht die Ergriffenheit in den Gesichtern. Dann prasselt der Applaus wie Regen, bei einigen fließen Tränen. „Das war unglaublich berührend“, sagt sie.

Pianist: „Wir sollten nur noch solche Konzerte geben.“

Die Zuhörer stellen dem Musiker aus Kairo Fragen, einer möchte etwas über Sherifs Gefühlslage bei den verschiedenen Werken wissen. Der Befragte erklärt, er müsse nicht traurig sein, um Melancholisches spielen zu können. Der Austausch ist intensiv, und auch bei dem Pianisten hat sich dieses Erlebnis eingebrannt. Nach dem Auftritt schrieb er an Babette Berg: „Ich glaube, wir Künstler sollten nur noch solche Konzerte geben. Die Erfahrungen, die ich hier mache, werden mich immer begleiten.“

„Live Music Now“ (LMN) verwaltet das gewichtige Erbe eines weltweit gerühmten Künstlers: Lord Yehudi Menuhin (1916-1999) war nicht nur ein grandioser Virtuose an der Geige, sondern auch leidenschaftlicher Menschenfreund. Er machte sich stark für die Schwachen, trat während des Zweiten Weltkriegs in Lazaretten und später vor ehemaligen KZ-Häftlingen auf. Menuhin gründete zahlreiche Stiftungen oder Hilfsorganisationen – darunter „Live Music Now“, das er 1977 in England ins Leben rief und das seit den 1990ern auch in Deutschland Ableger hat.

Pure positive Energie

2010 schlossen sich in Leipzig einige Menschen zum Verein zusammen. Dem gehörte kurze Zeit später auch Babette Berg an, die 2009 nach Leipzig gezogen war und „Live Music Now“ schon als Benefizkonzert-Besucherin in Berlin kennengelernt hatte. Es war eine Bekannte gewesen, über die sie von dem bürgerschaftlichen Engagement erfahren hatte. So wie ihre Beschreibungen heute ansteckend und aufweckend wirken, so infiziert war sie damals selbst von der positiven Energie, die sich wie ein Umspannwerk rund um das Projekt ausgebreitet hat.

Berg, die als Musiklehrerin in Zeitz arbeitet, gehört zu den rund 20 Mitgliedern, die sich um Geldgeber und die Organisation der Veranstaltungen kümmern. „Wir bereiten sie vor, übernehmen die Konzertbetreuung und bereiten sie mit den Stipendiaten nach.“ Inzwischen stehen pro Jahr über 50 Konzerte in und um Leipzig auf dem Plan. Deutschlandweit hat das Menuhin-Projekt 380 ehrenamtliche Helfer, die täglich im Schnitt acht Konzerte möglich machen – neben den Musikern natürlich.

Begehrtes Stipendium

Wer bei „Live Music Now“ musiziert oder singt, der gibt und profitiert nach einem Win-Win-System: Ein maximal fünfjähriges Stipendium bietet das für die Berufsvita wichtige Sammeln von Konzert-Erfahrung; und eben die bekommen auch Menschen, die der Alltag normalerweise am Zuhören und -sehen hindert. Diese Art von Begabtenförderung beinhaltet finanziell eine kleine Aufwandsentschädigung, dennoch ist ein Stipendium begehrt – und keineswegs einfach zu bekommen: „Wer sich bei uns bewirbt, braucht zum einen hohe musikalische, zum anderen soziale Kompetenz – die ist der Jury sehr wichtig“, betont Berg, „es geht um handwerkliches wie auch menschliches Wachstum.“

Die meisten der aktuell 44 Musiker studieren an der Hochschule für Musik und Theater, „aber nicht nur – schließlich ist Leipzig Musikstadt“, wirft Berg ein; geboten wird nicht nur Klassik, sondern auch Jazz oder Pop. Das benötigte Geld für die Konzerte kommt über Spenden und Benefizkonzerte zusammen, alle Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich.

Emotionale Reaktionen

Wie emotional LMN-Veranstaltungen sein können, erlebt die begeistert für den Verein werbende Frau immer wieder aufs Neue in Momenten, die nahe gehen. Wenn zehn Kinder eine Sopranistin umringen, um sie dankbar zu umarmen. Wenn eine Künstlerin während des Singens die Hand eines Patienten drückt oder ein psychisch Kranker nach dem Konzert sagt: „Das wirkt stärker als ein Haufen Tabletten.“ Wenn eine Betreuerin konstatiert: „Eine Stunde Spiel ersetzt viele Stunden Therapie.“ Aussagen, die wissenschaftlich belegt sind: Musik hat eine heilende Wirkung.

Berührend auch, wie Menschen im Wachkoma auf die Konzerte reagieren. „Musik ermöglicht den Zugang zu den Patienten, zumal sie hier live in hoher Qualität gespielt wird und fast körperlich spürbar ist“, berichtet Sozialpädagoge Matthias Hahn im St.-Georg-Klinikum. Muskelspannung und Atmung verändern sich. „Einige lächeln bei der Musik, andere weinen“.

Erlebnisse, die Babette Berg bestärken. „Dass ,Live Music Now’ Spuren hinterlässt, ist auch für mich eine große Bereicherung“, sagt sie lächelnd – und strahlt wieder. So leuchtet Enthusiasmus.

Wer für Live Music Now Leipzig spenden möchte, kann folgende Bankverbindung nutzen: IBAN DE74 3006 0601 0008 1407 15 (Deutsche Apotheker- und Ärztebank). Generelle Infos über Ehrenämter stehen auf www.freiwilligen-agentur-leipzig.de.

Von Mark Daniel

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