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Protestanten und Katholiken in Sachsen setzen auf Fusionen

LVZ-Serie „Leipzig wächst – und nun?“ Protestanten und Katholiken in Sachsen setzen auf Fusionen

Leipzig wächst. Im Jahr 2030 könnte die Einwohnerzahl bei 720 000 liegen. Auch die beiden großen christlichen Kirchen in der Messestadt profitieren von dieser Entwicklung, sie verzeichnen seit einiger Zeit einen Mitgliederzuwachs. Doch nach Hosianna ist ihnen deshalb nicht zumute – weil sie Landes-Gemeinschaften angehören, in denen der gegenläufige Trend herrscht.

Den beiden großen christlichen Kirchen in Sachsen gehen perspektivisch die Mitglieder aus – und damit die Einnahmen. Darauf wollen Protestanten und Katholiken mit Strukturreformen reagieren.
 

Quelle: picture alliance / dpa

Leipzig.  
 
 

Unruhe bei den Protestanten

Und doch gilt festzustellen: Die beiden großen christlichen Kirchen erfreuen sich in Leipzig in jüngster Vergangenheit eines steten, wenn auch überschaubaren Zulaufs. Er habe, sagt der katholische Propst Gregor Giele (50), für beide Konfessionen einmal überschlagen, „dass wir zuletzt alle drei bis vier Jahre rein rechnerisch eine neue christliche Gemeinde von jeweils 3000 Menschen hinzubekommen haben“. Die wachsende Stadt – sie beschert also auch den Protestanten und Katholiken frisches Blut. Der evangelisch-lutherische Superintendent Martin Henker (62) hat denn auch beobachtet, dass vor allem die aus den alten Bundesländern zugezogenen Schwestern und Brüder für eine gewisse Belebung an der gemeindlichen Basis sorgen. „In ihren bisherigen Erfahrungswelten war eine Kirchenmitgliedschaft etwas vergleichbar Normales. In Leipzig geraten viele zum ersten Mal in die Situation, als Gläubige in der Minderheit zu sein. Das lässt sie aktiver werden als in ihrer alten Heimat. Deshalb ist was dran an der Einschätzung, dass die Kirche im Osten agiler ist als die Kirche im Westen.“

Henkers Blicke richten sich gegenwärtig aber weniger auf Baden-Württemberg oder Niedersachsen, als vielmehr auf die Regionen in unmittelbarer Nachbarschaft. In der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen herrscht spätestens seit dem vorigen Sonntag Unruhe. Mancher spricht gar von protestantischem Aufruhr pünktlich zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Reformator Martin Luther. Einige hundert Gläubige hatten am Rande der Frühjahrstagung 2017 der Landessynode in Dresden ihrem Zorn über die anstehende nächste Strukturreform Luft gemacht (die LVZ berichtete). Die Kirchenleitung in Elbflorenz geht für den Zeitraum bis 2040 von einer Abnahme der Gemeindegliederzahlen von gegenwärtig rund 710 000 Gläubigen auf circa 415 000 Seelen aus – ein Trend, für den weniger die wachsenden Großstädte Leipzig, Dresden und mit Abstrichen auch Chemnitz verantwortlich zeichnen, als vielmehr die ländlichen Gebiete des Freistaates. Die Kirche auf dem Dorf ist aufgrund der allgemeinen demographischen Entwicklung eine kränkelnde – und sie macht fast zwei Drittel der gesamten sächsischen Landeskirche aus. „Es muss etwas geschehen, das wissen wir schon lange“, sagt Superintendent Henker. „Wir befinden uns nicht erst seit dem vergangenen Wochenende in dem Diskussionsprozess, wie wir uns als evangelisch-lutherische Christen in Sachsen in Zukunft aufstellen.“ Seit 2010 würden verschiedene Strategiepapiere und Arbeitsgruppen-Berichte zirkulieren, in denen es um schmerzliche Eingriffe in die bestehenden Strukturen, in denen es um eine kritische Betrachtung der Berufsfelder im Verkündigungsdienst geht – also um Pfarrer, Gemeindepädagoge und Kirchenmusiker und in welchem Maße sie künftig zum Einsatz kommen. „Denn weniger Gemeindeglieder bedeutet ja auch weniger Einnahmen. Es wird schwerlich möglich sein, den bisherigen Stellenschlüssel auf Dauer aufrechtzuerhalten“, betont Henker. „Wer jetzt sagt, die Basis werde übergangen, die kleineren Gemeinden würden ihrer Selbstständigkeit beraubt, das Landeskirchenamt zerstöre Identitäten, der hat all diese Papiere offenbar nicht gelesen“, hält sich die Sympathie des Leipziger Superintendenten für die Demonstranten von Dresden in Grenzen.

Fakt ist: In diesen aufwühlenden Tagen wird die innerkirchliche Solidarität beschworen. Der vergleichsweise gesun-de evangelisch-lutherische Kirchenbezirk Leipzig wird um geschwisterliche Opfer für die schwächelnden Gemeinden in den Dörfern und Kleinstädten nicht herumkommen. „Es ist nötig Abschied zu nehmen von der Erwartung, dass alle Tätigkeitsfelder in ihrem vollen Umfang in jeder Gemeinde von Hauptamtlichen mit landeskirchlichen Planstellen abgedeckt werden“, lautet das entsprechende Motto im Strategiepapier „Kirche mit Hoffnung in Sachsen“ von 2016. „Dafür wird das lutherische Denken des ,Allgemeinen Priestertums‘ erneuert und die Gemeindeglieder gestalten aktiv das kirchliche Leben. Die hauptamtlichen Mitarbeiter beziehen ihren Dienst fördernd und begleitend auf das Ehrenamt.“

Was aus der Sicht eines Laien-Christen theologisch aufhorchen lässt, heißt im Klartext: Die Anzahl der professionellen Mitstreiter im Verkündigungsdienst auf Landeskirchen-Ebene wird bis 2040 annähernd halbiert. Im Kirchenbezirk Leipzig, für den ab 2020 wieder sinkende Mitgliederzahlen prognostiziert werden, sollen bis 2025 sieben Pfarrer-Stellen wegfallen, vier Gemeindepädagogen-Jobs und drei Kirchenmusiker-Posten gestrichen werden – wobei mit sogenannten Vollzeit-Äquivalenten (VzÄ) operiert wird, sich mehrere Mitarbeiter also ein VzÄ teilen können. Darüber hinaus sind die Leipziger Gemeinden angehalten, bis zum 1. Januar 2019 neue Struktureinheiten von mindestens 6000 Gliedern auf den Weg zu bringen – der nächste Kraftakt nach der Fusionswelle im Jahr 2004. Spätestens ab 2025 sollen nicht mehr 24 solcher Verbindungen, sondern maximal nur noch halb so viele gemeindliche Einheiten im Stadtgebiet existieren. „Das ist schon eine harte Nuss“, sagt Christoph Maier (42), Pfarrer der Bethlehemgemeinde in der Südvorstadt und Vorsitzender des Strukturausschusses im hiesigen Kirchenbezirk. „Viele Gemeinden bei uns leisten sehr gute Arbeit – nach innen und nach außen. Sie müssen sich nun wieder verstärkt mit ihrem Innenleben befassen. Es ist ein bisschen wie die Quadratur des Kreises: Wandel betreiben, ja, das ist gut und notwendig. Aber es liegt immer auch ein wenig Demotivation in einem solchen Prozess.“ Laut Maier haben „erste Planspiele“, wer sich mit wem am besten zusammenrauft, bereits begonnen. „Wir als Ausschuss können jedoch nur Empfehlungen aussprechen. Entscheiden müssen letztlich die jeweiligen Kirchvorstände. Ich hoffe, wir bringen den guten Willen und die geistige Kraft auf, zueinanderzufinden.“

Bischofsdekret bei den Katholiken

An dieser Stelle konstatiert der katholische Propst Giele mit schelmischer Erleichterung, „dass es mitunter ein Segen ist, wenn da ein Bischof sagt, wo es lang geht“. Hat der Oberhirte des Bistums Dresden-Meißen per Dekret bereits getan. Er will, dass seine Schäfchen vom 1. Advent 2017 bis Mitte 2020 im Rahmen eines bereits laufenden „Erkundungsprozesses“ die Anzahl der Pfarreien von derzeit 97 auf 34 sogenannte Verantwortungsgemeinschaften reduzieren. Das Ziel von Bischof Heinrich Timmerevers: dass es innerhalb dieser Gemeinschaften bald nur noch eine einzige Pfarrei gibt. Auch bei den Katholiken an der Pleiße stehen die Zeichen der Zeit auf Fusion – trotz steigender Seelen-Zahlen. Für die Stadt Leipzig sind ab dem nächsten Jahrzehnt nicht mehr zehn, sondern nur noch fünf Pfarreien vorgesehen. „Anders als in den westdeutschen Bistümern geschieht dieser Schritt aus Katholiken-, nicht aus Priestermangel. Auch wir müssen der zu erwartenden Bevölkerungsentwicklung auf dem Land und der künftigen finanziellen Ausstattung unserer Diözese Rechnung tragen. Wir sind ja schon jetzt auf Transferleistungen aus den Bistümern im Westen angewiesen“, erläutert Giele.

Für den Propst und seine beiden protestantischen Brüder Henker und Maier ist eins klar: Im Abwägungsprozess, wie es gelingt, dass beide christlichen Kirchen seelsorgerische, gesellschaftlich relevante Größen bleiben, „haben wir die Wahl zwischen Falsch und Falsch“. Die Großstädte pushen, weil in ihnen die Gemeinden prosperieren und weiteres Wachstum möglich ist, oder die schwachen Regionen beatmen in der Hoffnung, dass so der gesamte Organismus wieder zu Kräften kommt? „Es braucht ganz viel Heiligen Geist“, sind sich die Herren einig.

Von Dominic Welters

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