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Lokales Quelle-Aus: Ungewissheit im Versandzentrum Leipzig
Leipzig Lokales Quelle-Aus: Ungewissheit im Versandzentrum Leipzig
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14:03 23.10.2009
Leipzig

"Wir wissen nichts. Es hat uns eiskalt erwischt", sagte Annelie Scheider, die bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für das Logistikzentrum zuständig ist, am Dienstag. "Wie es weitergeht wissen wir noch nicht, alles ist sehr beunruhigend", sagte eine Mitarbeiterin. Erst vor wenigen Tagen war die Entlassung von 150 Beschäftigten angekündigt worden.

Insolvenzverwalter Hubert Görg hatte am späten Montagabend verkündet, dass sämtliche Rettungsbemühungen für das insolvente Fürther Unternehmen mit 82-jähriger Tradition vergeblich waren. Nach Verhandlungen mit einer Vielzahl von Investoren gebe es keine Alternative zur Abwicklung von Quelle Deutschland. Quelle gehört zum ebenfalls insolventen Handelskonzern Arcandor. Wann das Unternehmen mit 10 500 Beschäftigten endgültig dicht macht, ist noch nicht bekannt.

Die Nachrichten über Quelle haben auch die sächsische Landespolitik auf den Plan gerufen. Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) kündigte Gespräche an. "Der Insolvenzverwalter muss jetzt prüfen, inwieweit kleine Lösungen möglich sind, die den Logistikstandort Leipzig stärken", betonte Morlok. Der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Torsten Herbst, sagte: "Nun müssen Konzepte gefunden werden, aus der Insolvenz heraus so viele Quelle-Jobs wie möglich in neue Arbeitsplätze umzuwandeln." Der Fall Quelle beweise erneut, dass "aktionistische Staatshilfen mit Steuerzahlergeld" nichts brächten. Die wirtschaftspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Petra Köpping, forderte, Morlok müsse nun beweisen, dass er nicht nur Wirtschafts-, sondern auch Arbeitsminister sei.

Die Entwicklung kam mehr als überraschend: Noch in der Vorwoche hatte der Insolvenzverwalter mitgeteilt, bis Ende Oktober solle eine Entscheidung über den Verkauf der Traditionsfirma fallen. Kein einziger der ernsthaft interessierten Investoren habe sich offiziell aus dem Prozess zurückgezogen, hieß es. Görg gab sich noch vor kurzem optimistisch: „Wir sehen die Möglichkeit, gut zwei Drittel der Arbeitsplätze der Primondo-Gruppe abzusichern.“ Der Primondo-Verbund ist die Dachgesellschaft der Versandhandelsmarken in der Arcandor AG. Bislang sollten bei Quelle rund 3700 der bundesweit 10 500 Stellen gestrichen werden.

Nun stehen deutlich mehr Menschen unmittelbar vor der Arbeitslosigkeit. „Wenn man alle zusammennimmt, sind das mehr als 6000 Mitarbeiter, um die es jetzt noch geht“, sagte Verdi-Handelsexperte Johann Rösch am Dienstag. „Was noch offen ist, ist die Frage: Wie viel Liquidität hat der Insolvenzverwalter noch und wie viele Menschen kann er während der Abwicklung noch beschäftigen.“ Alle übrigen Mitarbeiter würden mit sofortiger Wirkung freigestellt. Die Abwicklung dauere maximal zwei bis drei Monate.

„Den Beschäftigten ist der Boden unter den Füßen weggezogen worden, das ist mehr als ein Schock“, betonte Rösch. Die bisherigen Entlassungen seien als Voraussetzung dafür vermittelt worden, dass die Investoren zugreifen. "Deshalb fühlen sich viele Menschen mehr als getäuscht“, schilderte Rösch die Stimmung in der Belegschaft, die die schlechte Nachricht überwiegend aus dem Radio erfuhr. Eine wesentliche Ursache für das Scheitern der Quelle- Verkaufsgespräche war nach Angaben Görgs die fehlende Einigung über das sogenannte Factoring. Dabei geht es um die Finanzierung des Versandgeschäfts. Beim Factoring gibt Quelle die Kundenforderungen gegen Provision an eine Bank weiter, die die offenen Beträge im Gegenzug vorfinanziert.

Am 9. Juni hatte die Arcandor AG in Essen die Insolvenz für sich und unter anderem die Töchter Karstadt, Primondo und Quelle beantragt. Der Schritt traf das 1927 gegründete Traditionshaus Quelle mitten in einem tiefgreifenden Umbau, der bereits in den vergangenen Jahren zu scharfen Einschnitten geführt hatte. Das Unternehmen hatte die Bedeutung des Internets für den Handel erst spät erkannt. In den vergangenen Jahren erfolgte dann eilig eine strategische Neuausrichtung.

Bund und Länder haben offensichtlich gute Chancen, den 50-Millionen-Euro-Kredit zurückzubekommen, mit dem im Frühsommer das Überleben von Quelle vorläufig gesichert worden war. Zu der Finanzspritze hatte Sachsen fünf Millionen Euro beigetragen.

Jan Peter / dpa

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