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Rasenmäher-Kunst vor dem Völkerschlachtdenkmal

Rasenmäher-Kunst vor dem Völkerschlachtdenkmal

Andere Leute streifen die schwarze Hose und das weiße Hemd über, weil sie ins Theater wollen. Ralf Witthaus geht in diesem Outfit zum Rasenschneiden. Genauer: Er kreiert im feinen Tuch Rasenmäherzeichnungen.

Kunstwerk am Denkmal

Quelle: Volkmar Heinz

Noch detaillierter: In Leipzig hat der 39-Jährige gerade mit einem Rasentrimmer die Böschungen rund um den sogenannten See der Tränen am Völkerschlachtdenkmal gestaltet, mit dem rotierenden Faden Buchstabe für Buchstabe ins Grün gezeichnet. Seit gestern Abend ist das Kunstwerk fertig. Bis Gras über die Sache gewachsen ist, ziert der Denkmalsspruch "Gott mit uns", der bekanntlich oberhalb des Erzengel-Michael-Reliefs prangt, in 15 Sprachen die Hänge des Wasserbeckens. Das Projekt, Teil zwei von Witthaus' Großvorhaben "Internationale Rasenschau", will ein Denkmal vor dem Denkmal sein. Ein Friedensmal, das interaktiv ist, weil es Menschen unterschiedlicher Nationalität miteinander ins Gespräch bringt, wie der Künstler in den vergangenen 16 Tagen zu seiner großen Freude erfahren durfte. Und es soll noch etwas sein: "Ein Monument, das alle Kriegsparteien betrauert", sagt sein Schöpfer mit Nachdruck.

Französisch, Englisch, Russisch, Polnisch, Schwedisch, Ungarisch, Deutsch: "Das ,Gott mit uns' im Rasen verändert die Wahrnehmung des Ortes. Und es verändert den Satz." Findet Witthaus, gebürtiger Ostwestfale und seit Jahren als Rasenmäherzeichner weltweit unterwegs. In der Messestadt war er zuvor auch schon einige Male. Beispielsweise bei der Aktion "Der Neue Ruderalgarten" im Spätsommer 2011 am Bildermuseum.

Jetzt also ein gestalterisches Nachdenken über die Völkerschlacht und das dazugehörige Denkmal. Am Beginn des Prozesses hat sich Witthaus die Frage gestellt: Wie sieht ein Friedensdenkmal anno 2013 aus? An einem geschichtsträchtigen Ort, der geprägt ist vom "Gott mit uns", dem Wahlspruch des preußischen Königshauses seit 1701. "Die Preußen haben den Satz gar nicht erfunden, haben ihn übernommen von den Schweden. Aber kann eine Nation, insbesondere im Kontext des Krieges, Gott für sich beanspruchen? Nein. Gott ist für alle da", betont Witthaus.

Der 100 Jahre alte, nahezu komplett sanierte Koloss ist indes längst nicht jedermanns Sache. Er stoße bei den Leipzigern und ihren Gästen auf ein überaus geteiltes Echo, hat der Künstler den vielen Gesprächen mit Passanten zwischen den Schnitt-Einheiten entnommen. Vom "hässlichen Klotz" über das "eindrucksvolle Totenmal" und das "überdimensionierte Kriegerdenkmal" bis hin zum "Mahnmal für den europäischen Frieden" sei alles dabei gewesen. Witthaus findet diesen Zwiespalt spannend. Und fügt dem Mix aus Kritik und Zustimmung folgenden Ansatz hinzu: In spätestens drei Wochen werde von seinen Buchstaben nichts mehr zu sehen sein. "Weil meine Zeichnungen nichts für alle Ewigkeit zementieren, weil sie endlich sind, erinnern sie uns daran, wie vergänglich der Frieden ist. Unsere Aufgabe ist es, den Frieden Tag für Tag zu erhalten."

Witthaus hat einen Traum: der Leipziger Aktion eine ähnliche in Paris folgen zu lassen. In jener Stadt, in der die Völkerschlacht ihren Anfang nahm. Von wo aus Napoleon sich aufmachte, Europa seinen Stempel aufzudrücken. Die Gespräche laufen. Messstangen, Spraydosen und Rasentrimmer sind ausreichend vorhanden, um nach Klein- demnächst auch Groß-Paris mit gemähten Botschaften zu begegnen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.07.2013

Welters, Dominic

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