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Lokales Rassismus an Leipzigs Diskotüren: Erneute Kontrollen in der Messestadt geplant
Leipzig Lokales Rassismus an Leipzigs Diskotüren: Erneute Kontrollen in der Messestadt geplant
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23:59 03.01.2014
Die Leipziger Clubs und Diskos laden zum Ostertanz. Quelle: André Kempner

Danach schienen sich die Wogen zu glätten. Doch jetzt wurde ein neuer Fall von mutmaßlichem Rassismus bekannt.

Es war an einem Abend im November vorigen Jahres, als Alfonso S. in eine Innenstadt-Disko wollte, aber nicht durfte. "Mir wurde unterstellt, dass mein italienischer Pass gefälscht sei", berichtet der Koch. "Ich hätte nur mit deutschem Ausweis eintreten können." Zwei Arabern, die vor ihm standen, habe der Einlassdienst den Zutritt verwehrt mit den Worten "Ihr seid Müll!".

Wenn es sich tatsächlich so zugetragen haben sollte, wäre dies ein weiterer Fall in der Reihe von mutmaßlichen Diskriminierungen in Leipzigs Disko-Szene. Einige dieser Fälle landeten wegen Verstößen gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz sogar vor Gericht, Club-Betreiber sollten Schadenersatz zahlen, im Falle von Zuwiderhandlungen gegen das Gesetz wurden ihnen Ordnungsgelder angedroht. Manche Verfahren sind noch nicht mit rechtskräftigen Urteilen abgeschlossen. Und: Die Mehrheit der Disko-Betreiber verpflichtete sich dazu, sich für die Gleichbehandlung ihrer Kunden einzusetzen. Hat all das womöglich gar nicht viel bewirkt?

"Es ist schwer, Aussagen zu treffen, wie weit verbreitet das Problem noch ist", sagt Daniel Bartel vom Antidiskriminierungsbüro (ADB) Sachsen. "Man muss ja jeden einzelnen Fall genau prüfen. Leute machen nach wie vor Erfahrungen mit Rassismus, einige kommen deshalb auch zu uns." Aber es gebe eben auch welche, die deshalb nicht zum ADB kommen, so der Berater. "Wir gehen daher in diesem Bereich auch von einer hohen Dunkelziffer aus."

Das ADB hatte im Oktober 2011 gemeinsam mit dem Referat Ausländischer Studierender der Universität Leipzig (RAS) den Stein ins Rollen gebracht und in der Praxis getestet: Haben "nicht-deutsch" aussehende Gäste die gleichen Chancen in die Disko zu kommen wie weiße Deutsche? Das Ergebnis war aus Sicht der Initiatoren "erschütternd". Sechs von elf getesteten Diskotheken verweigerten demnach den "nicht-deutschen" Testern den Zutritt während die deutschen Vergleichspersonen problemlos eingelassen wurden. "Das ist eine deutliche Form rassistischer Diskriminierung", befand das ADB damals. Dieses Ergebnis sei vergleichbar mit Kontrollen in den Jahren 2006 und 2008.

"Diskriminierende Einlasskontrollen sind ein strukturelles und zeitstabiles Problem in Leipzig", so das ADB. Insofern sind die Kämpfer gegen Diskriminierung auch über kleine Schritte froh. "Wir hatten ja ein Konzept vorgeschlagen, das vor allem auf Beschwerdemanagement fokussiert", schildert Bartel. "Durch Schulungen der Mitarbeiter in den Clubs wollen wir ein funktionierendes Beschwerdesystem schaffen, um auf diesem Gebiet etwas zu verbessern. Da gab es eine relativ gute Resonanz. Wir sind derzeit mit zehn Clubs im Gespräch, die Interesse signalisiert haben. Schulungen haben aber noch nicht stattgefunden. Das ist ein Prozess, der sich leider sehr lange hinzieht." Derzeit liege das Hauptaugenmerk des ADB darauf, weitere Clubs für diese freiwillige Vereinbarung zu finden. Offenbar kein leichter Weg.

"Es hat sich gewiss in Einzelfällen nicht so viel geändert und es gibt Leute, die am Einlass ihre Position gegenüber Migranten mehr oder weniger offen zum Ausdruck bringen", berichtet Bartel. "Aber es ist auch eine schwierige Branche. Diese Fragen stehen bei den Clubbetreibern nicht ganz oben auf der Prioritätenliste." Deshalb plant das Antidiskriminierungsbüro, den Test an den Diskotüren zu wiederholen, wahrscheinlich schon in der ersten Hälfte des neuen Jahres.

Für Alfonso S. wäre ein striktes Vorgehen gegen rassistische Tendenzen allemal angezeigt. "Ich bin in einem Restaurant angestellt, bezahle Steuern und nehme an der deutschen Gesellschaft teil", so der Italiener. "Durch eine derartige Behandlung fühle ich mich zutiefst beleidigt."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.01.2014

Frank Döring

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