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Lokales Rassismus in der Flüchtlingshilfe: „Da wächst Abneigung bis zum Hass“
Leipzig Lokales Rassismus in der Flüchtlingshilfe: „Da wächst Abneigung bis zum Hass“
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10:53 03.01.2019
Porträt von Jana Goldberg und Lars Menzel bei den Johannitern in der Witzgallstraße in Leipzig Foto: Andre Kempner Quelle: Kempner
Leipzig

In Leipzig haben mehrere Einrichtungen, die Ehrenämter in der Flüchtlingsarbeit koordinieren, ein gemeinsames Statement zur jüngsten Asyl- und Migrationsdebatte verfasst. Darin konstatieren sie eine neue Schärfe in den Diskussionen, Wachstum von Aggressivität und Rassismus und – als Folge – den Rückgang gesellschaftlichen Engagements. Von der Zivilgesellschaft werden Anstand, Respekt und Empathie in Sprache und Handeln gefordert, von Politik und Verwaltung klare Statements und Anerkennung für die ehrenamtliche Arbeit. Wir sprachen mit Lars Menzel, Leiter des Johanniter-Bildungsinstituts, und Jana Goldberg, dort zuständig für Internationale Bildung und Integration, über die aktuelle Entwicklung und Sorgen von Bürgern.

Was hat Sie dazu bewogen, dieses Schreiben aufzusetzen?

Menzel: Alle Einrichtungen, die sich mit dem Thema Flüchtlingshilfe beschäftigen, registrieren eine Veränderung der atmosphärischen Großwetterlage mit hohem Zündpotenzial – auf mehreren Ebenen.

Auf welchen?

Goldberg: Die Fremdenfeindlichkeit ist gewachsen und die Hemmung, sie im Alltag zu zeigen, ist geschrumpft. Gerade erst sind auf den Toiletten unserer Akademie fremdenfeindliche Aufkleber hinterlassen worden. Da wächst Abneigung bis zum Hass, und so etwas hinterlässt Spuren. Zwei Beispiele: Einer unserer Sprachlehrer behält es für sich, dass er Geflüchtete unterrichtet, denn der Gegenwind in seiner Lausitzer Heimat wäre zu heftig. Oder: Zur Verleihung des sächsischen Integrationspreises, für den wir nominiert waren, sind die drei migrantischen Mitarbeiter statt mit dem Zug mit dem Auto nach Dresden gefahren. Das Risiko, in der Regionalbahn angepöbelt zu werden, war zu groß.

Menzel: In einem Land, das sich als aufgeklärt versteht und in dem Christentum und Nächstenliebe groß geschrieben werden, muss man mittlerweile Angst haben, wenn man fürs Helfen gesellschaftlich Schwächerer angefeindet wird. Da läuft etwas gewaltig schief.

Welche Ursachen dafür haben Sie ausgemacht ?

Goldberg: Da ist zum einen die erwähnte Hemmungslosigkeit, auf der Straße wie in den sozialen Netzwerken. Außerdem bekommen in der Medien-Berichterstattung Probleme mehr Gewicht als Positiv-Schlagzeilen. Nehmen wir Chemnitz: Da wurden die zweifellos unschönen Ereignisse in den Vordergrund gestellt, obwohl die Stimmung in der Stadt keineswegs so schlecht ist wie man suggeriert bekam.

Die wachsenden Ängste sind zumindest meist mit konkreten Vorfällen verbunden.

Menzel: Ich kann diese Ängste verstehen. Natürlich gibt es genug Beispiele von nicht gelungener Integration und Kriminalität. Die Sicherheitslage beispielsweise am Schwanenteich vor der Leipziger Oper ist schwieriger geworden. Da gibt es nichts zu beschönigen. Problematisch ist aber das Pauschalisieren.

Für viele ist die hohe Zahl junger, allein nach Deutschland gereister Männer bedenklich.

Menzel: Auch das ist nachvollziehbar. Dieses Missverhältnis haben wir mit zu verantworten, denn der Grund dafür liegt in der falschen Asyl- und Zuwanderungspolitik unseres Staates, der durch seine Abwehrhaltung eine direkte Subvention von Schleppern betreibt: Die lassen vor allem die Starken durch – Frauen und Kinder überstehen die Strapazen auf dem Mittelmeer kaum. Fakt ist, dass junge alleinstehende Männer häufiger in der Kriminalitätsstatistik auftauchen, unabhängig von der Nationalität übrigens. Mit dieser Politik vergrößern wir eine Gruppe, die kriminalitäts-affin ist. Und die bekommen wir schwer integriert. Es muss verhindert werden, dass sich die Gruppen ghettoisieren wie in der Eisenbahnstraße. Die Situation dort ist eine Folge der verfehlten Sozial- und nicht der Sicherheitspolitik.

Im Statement der Ehrenamtskoordinator steht, dass sich die Anfeindungen und die Skepsis negativ auf Ihre Arbeit auswirken.

Goldberg: Es gibt vor allem weniger Bereitschaft, Patenschaften für Geflüchtete zu übernehmen. 2015 lag das Verhältnis zwischen deutschen Paten und betreuten Flüchtlingen bei 10:1. Das hat sich inzwischen umgekehrt. Das bedrückt auch hier Angekommene, weil es das Gefühl verstärkt, nicht erwünscht zu sein. Dabei gibt es unzählige Beispiele von gewachsenen Freundschaften und gegenseitiger zwischenmenschlicher Bereicherung durch diese Patenschaften. Zwei Familien beispielsweise, die sich kennengelernt haben, haben im Sommer gemeinsam Urlaub gemacht.

Ist die Zurückhaltung eine Folge der gewachsenen Angst oder die Hemmschwelle zu hoch?

Menzel: Beides spielt mit rein. Ein wichtiger Punkt aber ist die um sich greifende Manipulation von Meinung durch Verbreiten falscher Behauptungen und Hetze – und dadurch eine pauschale Abwehr gegen alles Fremde.

Lassen Sie uns ein paar wiederkehrende Gerüchte anschauen. Es wird behauptet, dass durch die Neu-Ankömmlinge die Kriminalität gestiegen ist.

Goldberg: Generell gilt es zu unterscheiden zwischen Behauptungen als Spiel mit der Angst, gefühlter Wahrheit und echten Zahlen. Bundesweit ist die Kriminalitätsrate gesunken. Das hilft trotzdem keinem, wenn man nachts allein unterwegs ist und sich fürchtet. Mir geht es ja selbst so. Als ich im Sommer spät mit dem Rad nach Hause kam und mich mit dem Schlüssel an der Haustür abmühte, kam mir ein augenscheinlich aus dem arabischen Raum stammender Mann entgegen – und ich hatte Angst. Letzten Endes hat er mir die Tür zum Treppenhaus aufgehalten. Das sind die positiven Geschichten, die eher nicht verbreitet werden.

Laut Erzählung gab es folgende Situation in einer Arztpraxis: Ein junger Geflüchteter bestellt nach seiner Behandlung ein Taxi auf Staatskosten, eine ältere gehbehinderte Dame muss den Bus nehmen.

Das wäre definitiv ungerecht. Fest steht: Für Menschen, die sich nicht allein bewegen können, existiert eine Beförderungspflicht. Dass das deutsche Krankentransportsystem undurchsichtig ist, liegt nicht an den Flüchtlingen sind daran schuld, dass das deutsche Krankentransportsystem undurchsichtig ist. Rückblickend ist es natürlich fragwürdig, dass beispielsweise 2015 Flüchtlingen Taxifahrten von Leipzig zur BAMF-Außenstelle nach Chemnitz bezahlt wurde. Das war einer der Effekte der großen Überforderung. Wobei die Taxifahrer nicht allzu traurig darüber waren.

Nun der Vorwurf, dass man sich eher um Flüchtlinge kümmert als um Obdachlose.

Menzel: Erstens gibt es genügend Angebote für Wohnungslose für Unterbringung und Verpflegung, zweitens steckt Scheinheiligkeit dahinter: Vor dem Flüchtlingsthema hat sich ein Großteil derer, die jetzt schimpfen, nie für Obdachlose interessiert. Plötzlich sind sie die armen Opfer. Das Flüchtlingsthema wird als Katalysator missbraucht – als Ursache für Probleme, die die Gesellschaft schon sehr lange hatte. Dass das Flucht-Thema ein Vehikel dafür ist, Obdachlosigkeit und Altersarmut endlich in den Fokus rücken, kann ich nur begrüßen: Die Johanniter engagieren sich auf dem Feld seit vielen Jahren.

„Die meisten sind Wirtschaftsflüchtlinge und kommen gar nicht aus Kriegsgebieten.“

Warum eigentlich darf wirtschaftliches Elend kein Grund sein, woanders ein besseres Leben für sich und seine Familie zu suchen? Das ist menschlich und nachvollziehbar. Jeder sollte sich selbst fragen, was er tun würde. Um das nicht zu vergessen: Die DDR hat massenhaft Wirtschaftsflüchtlinge produziert, die in die Bundesrepublik kamen. Unser Lebensstil auf Kosten Anderer sorgt für Fluchtbewegung – wegen Krieg oder Armut.

Nächster Vorwurf: „Die haben alle Handys. Die bekommen sie in den Unterkünften geschenkt.“

Goldberg: Selbstverständlich bekommen sie die nicht. In unserem eurozentristischen Denken haben wir völlig falsche Vorstellungen: Auch in Syrien gibt es modernste Telekommunikation, viele Menschen können sich Handys leisten. Die Möglichkeit, dass die Flüchtlinge ihre Telefone aus der Heimat mitgebracht haben, verschweigen diejenigen, die solche Gerüchte streuen.

Dieses Gefühl der Benachteiligung betrifft auch den finanziellen Bereich, wenn man beispielsweise von Altersarmut bedroht ist.

Menzel: Kein Empfänger sozialer Leistungen bekommt wegen der Flüchtlinge einen Cent weniger. Und apropos Leistungen: Dieses Land braucht wegen der demographischen Entwicklung dringend Zuwanderung, um das Sozialsystem aufrecht erhalten zu können. Nehmen wir allein die Altenpflege, da weitet sich eine Riesenlücke. Auch wir Johanniter als großer Wohlfahrtsverband suchen händeringend Fachkräfte. Momentan bilden wir Geflüchtete im Rettungsdienst aus, mit großem Erfolg, denn das ist ein niederschwelliger Einstieg ins Berufsleben.

Goldberg: Mich befremdet bei dieser Finanzierungsdebatte etwas: Neulich kam der Steuerbetrug mit den Cum-Ex-Geschäften heraus. Deutschland hat das 33 Milliarden Euro gekostet – und der große Aufschrei blieb in der Bevölkerung aus. Die bisherige Flüchtlingsarbeit hat einen Bruchteil dieser unvorstellbaren Summe gekostet.

Was also muss geschehen, damit sich die Wogen glätten?

Menzel: Es geht um eine Betrachtung der Lage ohne Aufregung und Spaltung. Deutschland ist ein Zuwanderungsland, das müssen wir akzeptieren, denn wir haben dafür gesorgt. So lange wir andere Länder ausbeuten, so lange wir Smartphones haben, das Klima schädigen, Waffen für Kriege liefern und uns Klamotten für möglichst wenig Geld kaufen, so lange wird es Flüchtlingsströme geben. Es geht jetzt ums gemeinsame Gestalten. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir das mit Flüchtlingen vom Balkan oder Spätaussiedlern auch gemeistert. Die Schlüssel für Integration sind Sprache und Arbeit. Und da gibt noch zu viele Hürden.

Welche?

Goldberg: Vor allem bürokratische. Das Behördendickicht verstehen ja nicht mal Deutsche, und das ist für Neulinge erst recht irritierend. Wegen gesetzlicher Regelungen ändern sich zudem unnötig oft die Ansprechpartner. Und viele Vorschriften erschweren es, einem Flüchtling einen Job zu geben. Außerdem muss sich die Abschiebepraxis ändern: Leute, die gerade eine Ausbildung gemacht haben und gebraucht werden, müssen plötzlich das Land verlassen. Das ist haarsträubend.

Was kann in Leipzig die Kommunalpolitik machen?

Menzel: Zunächst gilt es festzustellen, dass das Sozialamt unsere Arbeit stark fördert. Wir treffen im Rathaus auf viele offene Ohren. Ich warte auf eine dringend nötige und ernsthafte Allianz von Kommunal- und Landespolitik in Sachen Bildungsarbeit – da muss die Stadt das Land in die Pflicht nehmen. Und es gilt, den Einstig ins Berufsleben durch neue Formate zu erleichtern.

Von Mark Daniel

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