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Rassismusvorwurf gegen sechs Leipziger Clubs - Betreiber zeigen sich wenig einsichtig

Rassismusvorwurf gegen sechs Leipziger Clubs - Betreiber zeigen sich wenig einsichtig

Pierre Kalonji-Tumwa erinnert sich nicht gerne an den fraglichen Abend im Januar. Der 39-jährige Musiker lebt seit fünf Jahren in Leipzig. Bis zu diesem Tag wurde er nie vor einem Leipziger Club wegen seiner schwarzen Hautfarbe abgewiesen.

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Abdulaziz Bachouri (v.l.), Daniel Bartel, Jakob Simon und Moderator Michael Nitsche bei der Vorstellung des Praxistests in Leipziger Clubs. (Archivbild)

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. An diesem Abend schon. An der ersten Discotür wird Kalonji-Tumwa bedeutet: "Heute kommen hier nur Stammgäste rein."

Im nächsten Club gibt der Kongolese seine Jacke an der Garderobe ab, geht dann kurz vor die Tür. Als er wieder ins Innere will, fragen ihn die Türsteher nach seinem Studentenausweis. "Ich habe meinen Pass gezeigt und gesagt, ich sei kein Student", erzählt er - und wird weggeschickt: Heute hätten nur Studenten Einlass. Vor der Tür trifft er eine Frau, die sich wundert. "Da sind doch jede Menge von meinen Freunden drin, die auch keine Studenten sind", habe sie erzählt.

Der Musiker versucht sein Glück in einer dritten Disco. Dort heißt es, an diesem Tag gebe es keinen Einlass mehr, man schließe bald. Es ist 0.40 Uhr, die Nacht fängt gerade erst an. Drei junge Leute hinter ihm winken die Türsteher durch. Einer der Sicherheitsleute spricht ihn auf Französisch an. "Sorry, mein Chef sagt leider, wir sollen keine Schwarzen in den Club lassen." Enttäuscht gibt Kalonji-Tumwa auf.

"Am nächsten Tag hat meine Frau in der letzten Disco angerufen und nachgefragt. Die Club-Leute haben sich am Telefon gewundert. Gegen Schwarze hätten sie nichts, nur Araber würden sie nicht hineinlassen." Kalonji-Tumwas Beschreibung deckt sich mit den Erfahrungen von Abdulaziz Bachouri. Der 25-jährige Student kommt aus Syrien und studiert an der Leipziger Universität Orientalistik und Deutsch als Fremdsprache. Seit eineinhalb Jahren ist er Referent für ausländische Studierende beim Studentenrat (StuRa). Im Frühsommer 2011 wurden er und ein paar Freunde vor Clubs abgewiesen, die mit Black-Music werben. Bachouri vermutet, dass ihr arabisches Aussehen der Grund war - ein paar deutsche Männer hinter ihnen seien sofort hineingelassen worden.

Auf der Suche nach Unterstützung wandte sich Bachouri zunächst erfolglos an die Polizei, dann an das Antidiskriminierungsbüro Sachsen (ADB). Dort kennt man die Problematik seit langem. Daniel Bartel, Diplompsychologe und Leiter der Beratungsstelle des ADB: "Bereits 1996 gab es Medienberichte darüber, das Ausländer in Leipzig aufgrund ihrer Herkunft nicht in Discos gelassen wurden." Das Problem beschränke sich zwar nicht auf die Messestadt, sondern sei auch in Westdeutschland Alltag. Doch seit 2006 ist dieses Verhalten durch das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) verboten.

Um die Diskriminierung sichtbar zu machen, schlug Bartel einen Testgang vor. An einem Samstag im Oktober gingen drei ausländische Studenten und drei deutsche Männer durch die Innenstadt. Sechs von elf Discos verweigerten den Ausländern den Eintritt, ließen die Deutschen aber hinein. Ihre Ergebnisse haben die Tester protokolliert und die sechs Clubs - City Club, Club L1, Nachtcafé, Night Fever, Alpenmax und Velvet - zu einer Stellungnahme aufgefordert. Auch das Ordnungsamt schaltete sich ein und prüft die Türpolitik der Discos nun gewerberechtlich.

Von den Clubs forderte der ADB konkrete Schritte gegen Diskriminierung: So sollten sie durch Plakate an ihren Türen nachvollziehbar machen, nach welchen Kriterien das Sicherheitspersonal Gäste auswählt. Außerdem sollten sie einen Ansprechpartner für Beschwerden zur Verfügung stellen. Das Personal solle gegen Diskriminierung geschult werden. Und zu guter letzt sollten sich die Geschäftsführer in einem Vertrag am die Umsetzung binden. In dem Papier sollten auch Strafzahlungen vereinbart werden, wenn ein Club die Maßnahmen nicht wie vereinbart umsetzt.

Für Tibor Richter, Geschäftsführer im City-Club, ist das nicht annehmbar: "Kein Betreiber würde sich auf ein Zwangsgeld einlassen." Den Vorwurf, Ausländer beim Einlass zu diskriminieren, kann er nicht nachvollziehen. Sein Club lädt im Internet zu Leipzigs größter "Multikulti-Party" ein. "Wir sind auf ausländische Studenten angewiesen", sagt er. Warum die Testgruppe nicht eingelassen wurde? Richter kann es sich nicht erklären. "Wahrscheinlich sind die drei Männer provokant aufgetreten. Ich verlasse mich da auf das Gespür unseres Personals." Im Protokoll des Testgangs hingegen steht: Die Sicherheitsleute hätten den deutschen Testern gesagt, an diesem Abend seien bereits eine Menge Ausländer im Club gewesen. Deshalb seien sie um die Mischung des Publikums besorgt gewesen.

Velvet-Chef Jens Bachmann, vor dessen Club die ausländischen Tester laut Protokoll ohne Angabe eines Grundes weggeschickt wurden, bezeichnet den Testgang als gestellte Situation. Er ist überzeugt: "In Leipzig gibt es kein Problem mit Fremdenfeindlichkeit unter den Sicherheitsleuten."

Das sehen ADB und StuRa anders und haben deshalb beschlossen, die Disco-Betreiber zu verklagen. Verlieren die Clubs, müssen sie eine Entschädigung von 1250 Euro an die Kläger zahlen. Bachouri und Bartel bieten den Geschäftsführern an, die Klagen zurückzuziehen, wenn sie sich auf einen den verhandelbaren Vertrag gegen Diskriminierung einlassen.

Mario Wolf, Chef der Moritzbastei, führt bereits Gespräche mit dem ADB. "Wir müssen unbedingt daran arbeiten, dass Gäste nicht den Eindruck bekommen, aufgrund ihrer Herkunft abgewiesen zu werden", sagt er und fügt hinzu: Sollte sich der Vorwurf vor Gericht erhärten, Leipziger Clubs würden eine rassistische Einlasspolitik betreiben, wäre das ein großer Schaden für die Stadt.

Linke-Stadträtin Juliane Nagel sagte in einer Stellungnahme: "Schlussendlich geht es nicht darum, Prozesse zu führen und Schadensersatz einzuklagen. Vielmehr muss es um einen nachhaltigen Wandel der Alltagskultur gehen." Sie kündigte an, die Ergebnisse des Club-Testings auch im Stadtrat zum Thema zu machen. Die Untersuchung zeige, dass es in Leipzig ein Problem mit Alltagsrassismus gebe.

Clemens Haug/rob

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