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Lokales Rektor Stephan Stubner über 120 Jahre Handelshochschule Leipzig
Leipzig Lokales Rektor Stephan Stubner über 120 Jahre Handelshochschule Leipzig
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14:01 29.10.2018
Stephan Stubner, Rektor der „HHL Leipzig Graduate School of Management“, die vor 120 Jahren als Handelshochschule Leipzig begann. Quelle: André Kempner
Leipzig

Mit der Idee, Kaufleute akademisch auszubilden, reagierten die Gründer von Deutschlands erster Uni für Betriebswirtschaftslehre bereits 1898 auf eine Entwicklung, die sie als rasant wahrnahmen. Immer komplexer und internationaler schien ihnen die Wirtschaft zu werden. Die Handelshochschule Leipzig nennt sich 120 Jahre später „HHL Leipzig Graduate School of Management“ und feiert den runden Geburtstag heute Abend auf einem Empfang für 120 geladene Gäste. Morgen schließen sich in der Kongresshalle am Zoo ein öffentlicher Festakt und eine Konferenz an. Momentan studieren 750 Menschen aus 65 Ländern an der HHL. Aber wie Rektor Stephan Stubner im Interview erklärt, soll diese internationale Ausrichtung nicht auf Kosten der lokalen Verwurzelung gehen.

Was haben die heutigen Leipziger Unternehmen davon, dass Kaufleute von hier vor 120 Jahren die Handelshochschule mitgegründet haben?

Die HHL ist die erste betriebswirtschaftliche Hochschule Deutschlands gewesen und entstand nicht ohne Grund in dieser innovativen Stadt. Hier ist unsere Heimat, und hier leisten wir gerne unseren Beitrag zur Entwicklung der Wirtschaftsregion, zur Ausbildung der Menschen und zur Förderung der internationalen Bekanntheit. Dabei arbeiten wir auch regelmäßig mit Leipziger Kaufleuten oder der Kammer zusammen, wie aktuell bei der Förderinitiative „Dienstleistungen Plus X“.

Der Anteil an ausländischen Studierenden beträgt in einigen Ihrer Studiengänge mehr als 90 Prozent. Was würden die wilhelminischen Gründer zu dieser Entwicklung sagen?

Die Handelshochschule Leipzig wurde einst gegründet, um Antworten auf die Herausforderungen der im 19. Jahrhundert zunehmenden Globalisierung zu bieten und Führungskräfte hierfür auszubilden. Schon in den Gründerjahren kamen viele Studierende nicht aus Deutschland, und man pflegte einen engen Austausch mit internationalen Einrichtungen. Insofern führen wir die Tradition der Gründer heute fort: mit der starken internationalen Ausrichtung, mit der Fokussierung auf den Wandel in der geschäftlichen und gesellschaftlichen Umwelt und den damit verbundenen Herausforderungen und Chancen.

Wie wirkt sich der Image-Schaden, den der gerade in Sachsen wieder stärker gewordene rechte Rand international verursacht, auf die weltweite Nachfrage nach HHL-Studienplätzen aus?

Wir beobachten das sehr genau, auch weil zunehmend Bewerber aus dem Ausland dazu Fragen stellen. Doch unsere Studierenden fühlen sich in Leipzig sicher und leben sehr gern hier. Sie sind unsere besten Botschafter.

1933 unterzeichnete der damalige Rektor Gerhard Wörner wie viele weitere seiner Kollegen das „Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler“. Wie gehen Sie heute mit diesem Teil Ihres Erbes um?  

Dieses „Bekenntnis“ noch vor der Gleichschaltung der Universitäten hatten in fatalem Irrtum sogar einige jüdische Professoren in Leipzig unterschrieben! Wir haben die wechselvolle Geschichte der Handelshochschule schon zum hundertjährigen Geburtstag in einer umfangreichen öffentlichen Chronik aufgearbeitet. Beim Festakt morgen verteilen wir sie erneut, auch weil unser Kanzler Marcus Kölling und ich uns der Verantwortung für unsere diverse und internationale, weltoffene Community bewusst sind. Die HHL nimmt an der bundesweiten Aktion der Hochschulrektorenkonferenz gegen Fremdenfeindlichkeit teil, und wir haben die Aktion „Weltoffene Hochschulen – weltoffenes Sachsenmitinitiiert. Internationalität und Freiheit sind die Traditionen, auf die wir uns berufen.

In der DDR war die Handelshochschule zeitweise lediglich eine Fakultät der Universität Leipzig. Warum ist es für Sie wichtig, heute wieder autonom zu sein?

Als eigenständige und im Vergleich kleine universitäre Hochschule können wir sehr schnell auf Veränderungen reagieren und Entscheidungen ohne Verzögerungen umsetzen. Damit sind wir sehr flexibel und können zudem auf diese Weise sehr persönlich für unsere Studierenden da sein.

Wie finden Sie es, dass Karl Marx Ihnen heutzutage den Rücken zukehrt – jedenfalls im Fall des Reliefs, das vom Augustus­platz auf den Campus Jahnallee umgezogen ist und sich jetzt von der HHL Richtung Bildungswissenschaftliches Zentrum abwendet?

Als weltoffene Hochschule wollen und müssen wir für die verschiedensten Perspektiven offen sein und diese diskutieren können. Nicht zuletzt hierfür ist das Relief ein wichtiger Zeitzeuge, der auch uns daran erinnern kann, dass Geschichte nie eindimensional ist.

Neben den Studiengebühren von 5000 bis 6000 Euro pro Semester finanziert sich die HHL heute nicht zuletzt über Partnerschaften mit der Wirtschaft. Zum Beispiel sitzen Sie selbst auf dem „Dr.-Ing.-h.c.-F.-Porsche-AG-Lehrstuhl für Strategisches Management und Digital Entrepreneurship“. Wie frei ist Ihre Wissenschaft von den Geldgebern?

Die Partnerschaften mit der Wirtschaft sind für uns sehr wichtig. Denn über den engen Austausch bleiben wir nah an den praktischen Herausforderungen dran, für die wir in unserer Forschung und Lehre Antworten entwickeln. Dabei sind wir vollkommen frei darin, welche Schwerpunkte wir in der Forschung setzen oder welche Inhalte wir in der Lehre vermitteln. So verpflichtet sich zum Beispiel jeder Lehrstuhlförderer an der HHL auf die Regularien des Stifterverbands, die uns absolute Freiheit in unserer Wissenschaft garantieren.

Vor 20 Jahren haben Sie selbst hier studiert. Wenn Sie Ihr damaliges HHL-Studium mit dem der heutigen Studierenden vergleichen, was hat sich geändert?

Die HHL bietet damals wie heute eine Spitzenausbildung und ein großartiges Gemeinschaftsgefühl – was haben wir nicht alles auf die Beine gestellt in dieser großartigen Stadt! Und das ist heute noch zu spüren, jeder Jahrgang erlebt den besonderen Spirit der HHL. Aber die Herausforderungen sind gewachsen. Ich wurde noch breit gefächert in „General Management“ unterrichtet. Heute ist das die Basis, auf der wir uns mit digitaler Transformation auseinandersetzen und die Studierenden für Zukunftsthemen und nachhaltige Führung stark machen.

Von der Handelshochschule in 120 Jahren zur Graduate School of Management

Gegründet von Wissenschaftlern und Leipziger Kaufleuten, begann die Handelshochschule ihre Ausbildung 1898 in der damaligen Öffentliche Handelslehranstalt (ÖHLA) in der Löhrstraße. Nach zwischenzeitlichem Umzug fand sie 1910 in der Ritterstraße ihre erste längere Bleibe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Handelshochschule als Fakultät für Wirtschaft und Sozialwissenschaft in die Universität Leipzig integriert und 1953 in eine Ausbildungsstätte für den Binnenhandel umgewandelt. von 1963 bis zum Ende der DDR fungierte sie als staatliche Wirtschaftshochschule.

Nach vorübergehender Schließung initiierte 1992 die Industrie- und Handelskammer Leipzig gemeinsam mit der Gesellschaft der Freunde der HHL die Wiedereröffnung als private und gemeinnützige GmbH. Ihr Sitz ist in mehreren Gebäuden auf dem Campus an der Jahnallee. Als älteste BWL-Uni genießt die „HHL Leipzig Graduate School of Management“ heute international einen hervorragenden Ruf und wirkt im Land noch immer häufig als Vorreiter. Die HHL bot als erste deutsche Wirtschaftshochschule englischsprachige Programme sowie den ersten berufsbegleitenden Management-Studiengang in Teilzeit mit Master-Abschluss (MBA) an. In Rankings geht sie häufig als Siegerin hervor.

Zum morgigen Festakt um 10 Uhr in der Kongresshalle am Zoo werden als Redner unter anderem Sachsens einstiger Ministerpräsident Georg Milbradt und Tessen von Heydebreck, ehemals im Vorstand der Deutschen Bank, erwartet. Beide üben heute Funktionen in HHL-Gremien aus. Die anschließende Konferenz dreht sich bis etwa 15 Uhr um Künstliche Intelligenz, Unternehmertum und Führung.

Von Mathias Wöbking

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