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Rettungsaktion in letzter Minute - Bewahrung des Waldstraßenviertels zur Wendezeit

Rettungsaktion in letzter Minute - Bewahrung des Waldstraßenviertels zur Wendezeit

Leipzigs Friedliche Revolution hatte viele Facetten - eine der weniger bekannten ist das "Kulturprojekt Waldstraßenviertel". In den Wendemonaten hatten Künstler und Kulturhistoriker das Projekt gegründet, um das von Verfall und Abbrüchen bedrohte Gründerzeitviertel für das zukünftige Leipzig zu erhalten.

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Der Dorotheenhof entstand zu DDR-Zeiten auf einer Trümmerbrache und galt in den letzten Monaten der DDR als Vorbild für eine Neubebauung des Waldstraßenviertels. Dies wurde von Leipzigern verhindert.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die Wurzeln des "Kulturprojektes Waldstraßenviertel" reichen in die DDR-Zeit zurück. Ende der 1980er-Jahre hatte die Stadtverwaltung den Plan entwickelt, am Waldplatz und an der vorderen Waldstraße einsturzgefährdete Häuser abzubrechen und zusammen mit vorhandenen Baulücken durch Plattenbauten zu ersetzen. Dies sollte allerdings nicht mit Gebäuden wie in Grünau und Paunsdorf geschehen, sondern mit einem Bautyp, den das Leipziger Baukombinat zusammen mit dem Büro des Leipziger Chefarchitekten Dietmar Fischer entwickelt hatte und der besser in Leipzigs Altbaugebiete passen sollte. Die ersten Prototypen wurden am Dorotheenplatz und in der Kolonnadenstraße errichtet, wo sie noch heute stehen. Als diese Pläne bekannt wurden, riefen die Leipziger Künstler Heinz-Jürgen Böhme, Detlef Lieffertz, Bernd Sikora und die beiden Kunsthistoriker Peter Guth und Professor Thomas Topfstedt das "Kunstprojekt Waldstraßenviertel" ins Leben. Dahinter verbarg sich ein Konzept, bei dem nicht nur die alten Gebäude erhalten, sondern auch die Erinnerungen an die großen Traditionen der dort einst beheimateten deutschen und jüdischen Unternehmer und Intellektuellen bewahrt werden sollten.

Um die geplanten Abbrüche zu stoppen, wanden sich die Fünf direkt an den Sekretär für Kultur der SED-Bezirksleitung, Kurt Meyer. Der kam am 1. September 1989 zu einem Gespräch mit Topfstedt, Guth und Sikora ins Waldstraßenviertel und ließ sich die Vorschläge vor einstürzenden Altbauten in der Waldstraße und schwer geschädigten Häusern in der Liviastraße vor Augen führen. "Unsere Botschaft war klar", erinnert sich Sikora. "Wer Leipzigs Altstadt vernichtet, zerstört auch die Kulturtradition dieser Stadt. Und wenn dies geschieht, dann wissen wir nicht mehr, was wir in dieser Stadt noch sollen." Meyer versprach Unterstützung. Auch viele andere engagierten sich; darunter Kurt Masur, zwei weitere Sekretäre der SED-Bezirksleitung - Jochen Pommert und Roland Wötzel - sowie Kabarettist Bernd Lutz-Lange und Pfarrer Peter Zimmermann, die später zu den "Leipziger Sechs" gehörten, die am 9. Oktober 1989 den Aufruf "Keine Gewalt" an die Bevölkerung richteten.

Unmittelbar nach der Maueröffnung lud die engagierte Westberliner Galeristin Kristin Feireis Sikora und Guth in ihre Galerie Aedes ein, um Vorträgen über die Situation von Kunst und Architektur der DDR zu halten. Im Zentrum standen dabei auch die Vorschläge, die das "Kulturprojekt Waldstraßenviertel" zur Rettung des Leipziger Gründerzeitgebietes gemacht hatte. In der Folge kamen etliche Zuhörer nach Leipzig und halfen im Januar 1990, die legendäre Volksbaukonferenz durchzuführen, deren zentrale Frage lautete: Ist das alte Leipzig noch zu retten? Westberliner Studentengruppen kamen nach Leipzig, um sich einzubringen; sogar Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) war vor Ort. Denn Vorbild für viele Aktivitäten war das Westberliner Projekt der Internationalen Bauausstellung "IBA-Alt", das in der Galerie der HGB vorgestellt wurde. Schließlich erteilte die Stadt Leipzig einer aus Westberlinern und Leipzigern bestehenden Architektengruppe den Auftrag, das Waldstraßenviertel zu untersuchen und eine Förderung der Sanierung vorzubereiten. Die Aktivitäten der Stadt wurden 1994 sogar im Bundeswettbewerb zur Erhaltung des historischen Stadtraums mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.

Für das Waldstraßenviertel war dies der Durchbruch. Denn in der Folge begleiteten von der Kommune beauftragte freie Architekten und Mitarbeiter der Stadtverwaltung die Rettung fast jedes Hauses. "Um verlorene Details der Häuser zu ersetzen, haben wir in den alten Bauakten gestöbert und historische Fotos gesucht", erinnert sich Sikora. Die dabei gemachten Erfahrungen flossen später auch in die Sanierung anderer Stadtteile ein.

Heute kennt das Waldstraßenviertel keine existenziellen Probleme mehr. Im Gegenteil: Durch die attraktiven Flussläufe, das fußläufig zu erreichende Rosental und die vielen hochwertig sanierten Gründerzeithäuser steigen die Mieten. Deshalb vollzieht sich seit einigen Jahren im Viertel ein neuer Wandel: Leute, die sich die hohen Mieten leisten können, ziehen zu - die kreative junge Szene und ältere Bewohner aus der DDR-Zeit ziehen weg.

Wegen der hohen Mieten lohnt sich auch wieder der mehrgeschossige Miet- und Eigentumswohnungsbau. Die ursprünglichen Retter des Viertels sehen jetzt einen Widerspruch zwischen der Ausstrahlung der sanierten Altbauten und jenen nüchternen Neubauten, die sich nicht mit der hohen Bauqualität der Gründerzeit messen lassen. Die besten Beispiele neuer Architektur würden zeigen, dass Banalität nicht an moderner Form, sondern an dem kostenminimierenden reduzierten Gestaltungsaufwand per Computer liegt, heißt es. Der Strahlkraft der geretteten Altbauten kann dies freilich nicht viel anhaben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.10.2014

Andreas Tappert

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