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Lokales Reudnitzer Rentnerpaar feiert Weihnachten mit muslimischen Nachbarn
Leipzig Lokales Reudnitzer Rentnerpaar feiert Weihnachten mit muslimischen Nachbarn
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15:46 17.07.2015
Die Festtage bei Gertraude und Jürgen Morgenstern: Nejra und Dzeneta (vorn) singen mit ihren Ersatz-Großeltern gemeinsam Weihnachtslieder. Quelle: Wolfgang Zeyen

Bei wieder anderen spielt sich das Zusammenleben mit Menschen anderer Länder und anderer Religionen hingegen unspektakulär ab, schlicht auf einer rein menschlichen Ebene. In Leipzig etwa, bei Gertraude (78) und Jürgen Morgenstern (80).

Als sie vor drei Jahren in das Mehrfamilienhaus in Reudnitz-Thonberg zogen, wohnte dort bereits eine fünfköpfige serbische Familie. Aus dem anfänglichen Gruß im Treppenhaus wurde schon bald eine freundliche Beziehung. Während Mutter Nermina (34) das Abendessen kocht und nebenher Wildfang Harid (5) hütet, sitzt dann halt zwei Etage drüber Jürgen Morgenstern wie dieses Weihnachten beispielsweise am Klavier und singt mit Nejra (11) und ihrer Schwester Dzeneta (9) "O du fröhliche". Christliches Liedgut halt. Wenngleich Nermina und ihr Mann Muslime sind.

"Nein", lacht Nermina, "Weihnachten selbst feiern wir ja nicht. Aber sowohl wir als auch die Morgensterns haben einfach keine Berührungsängste." Ihr Ehemann kam vor gut 13 Jahren aus der bürgerkriegsgebeutelten Heimat nach Leipzig. Inzwischen ist er im Baugewerbe tätig. Nermina war ihm vor acht Jahren mit der ältesten Tochter hinterhergezogen. Als sie daheim in Bosnien, als Schneiderin, keine Arbeit mehr fand: Die kleine Fabrik, die ihr bislang halbwegs Lohn und Brot sicherte, hatte dicht gemacht.

In Leipzig wurden dann Dzeneta und der kleine Harid geboren. Als sie aus dem Gröbsten waren, "setzte Nermina alles daran, wieder einen Job zu finden. Um Geld zu verdienen. Um ihr Deutsch zu verbessern. Damit ihr daheim nicht die Decke auf den Kopf fällt", berichten die Morgensterns. Sie selbst forsteten jede Stellenanzeige in der LVZ durch, Sohn Götz (34) half beim Bewerbungsschreiben. "Eine Arztpraxis lehnte ihr erstes Bemühen um eine Stelle ab. Die wissen gar nicht, was für eine fleißige, richtig gute Kraft ihnen da entgangen ist!", schwört die Seniorin.

Nach schlechten Erfahrungen mit einem Putzjob im Hotelbetrieb (wenig Geld, viel Arbeit), ist Nermina aktuell nun "Azubi" und auf dem Weg, Altenpflegerin zu werden. Mit 34 Lenzen! Sie sagt, diese Aufgabe mache ihr echt Freude. Auch, wenn hier Schichtarbeit angesagt ist. Und wenn die junge Frau dann leise lächelnd hinzufügt, "ich fühle mich bei den Morgensterns wie in einer Familie", resultiert das wohl daraus, bei Kummer und in der Not um ein offenes Ohr, um eine helfende Hand zu wissen. "Neulich etwa", schildert sie, "hatte Nejra ihren Schlüssel vergessen, stand vor der Tür, als sie aus der Schule kam und ich noch auf Arbeit war. Ich war erst so beunruhigt und dann absolut erleichtert, als sie da bei Morgensterns bleiben konnte, bis ich von der Arbeit kam".

Im Gegenzug genießen die Morgensterns dann schon mal die leckere serbische Küche. "Die Kinder", sagen sie, "sind für uns eine Bereicherung". Vize-Enkel seien es, nachdem man das Aufwachsen der eigenen "nicht so" hatte begleiten können, weil sie in Rostock leben. Und Nejra und Dzeneta ihrerseits erzählen mit leuchtenden Augen von den Ersatz-Großeltern, die im Sommer mit ihnen etwa zur Burg Gnandstein fuhren, jüngst über den Weihnachtsmarkt stromerten, sie an Geburtstagen auch mal mit kleinen Geschenken bedenken -

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.12.2014

Angelika Raulien

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