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Lokales Rückkehr nach 57 Jahren: Künstler Jan Zaremba lebt wieder in seiner Heimatstadt
Leipzig Lokales Rückkehr nach 57 Jahren: Künstler Jan Zaremba lebt wieder in seiner Heimatstadt
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23:00 07.07.2017
Die Chinesen sehen ihn als Meister mit einigen japanischen Gewohnheiten. Die Japaner wiederum schätzen ihn als kulturellen Lehrer, der manchmal zu chinesisch malt – Jan Zaremba. Quelle: André Kempner
Leipzig

Ich sehe mich als Mensch, der zwischen zwei Stühlen sitzt.“ Jan Zaremba schaut in den wolkenverhangenen Himmel, nimmt einen Zug aus seiner selbst gedrehten Zigarette und spricht in ruhigem Ton weiter: „Als jemand, für den es keine Sparte gibt. Weder bei der Heimat, der Religion noch der Kunst. Ich habe ja sogar zwei Namen.“ Alles, was der weißhaarige Mann sagt, wirkt wohlüberlegt, fast schon philosophisch. Knapp 60 Jahre lang hat er in den Vereinigten Staaten gelebt. Wurde dort Künstler und Mönch, avancierte schließlich zum Meister für asiatische Malerei. Seit Anfang Mai lebt der 76-jährige Weltenbummler wieder in seiner Geburtsstadt Leipzig.

Warum die Rückkehr nach so langer Zeit? „Die Richtung, die Amerika eingeschlagen hat, ist mir zuwider. Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich ein Magengeschwür bekommen,“ kommentiert Zaremba. „Ich habe mich also aus gesundheitlichen Gründen wieder nach Deutschland zurückverfrachtet.“ Was wie ein Scherz rüberkommt, ist für ihn bitterer Ernst. Er will nicht in einem Land leben, das nur darauf abziele, andere Länder auszubeuten. „Die USA wollen den Krieg, obwohl sie seit 1945 keinen mehr gewonnen haben. Über die Hälfe des Staatshaushaltes wird fürs Militär ausgegeben. Der Krieg ist dort zum Selbstzweck geworden“, so der Heimkehrer, der nach eigener Aussage nie einen Fernseher besessen hat, aber regelmäßig Zeitung liest. Wegen dieser Haltung sei er aus den Vereinigten Staaten geflüchtet – „insgesamt die vierte Flucht meines Lebens.“

Die erste war im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges. Vom Leipziger Hauptbahnhof nach Grimma. Als Vierjähriger an der Hand seiner Mutter. Sieben Jahre später brachen beide Hals über Kopf nach West-Berlin auf. „Meine Mutter hatte damals für den Bund freiheitlicher Juristen gearbeitet. Aber irgendwas ging schief. Sie erfuhr, dass sie in wenigen Tagen verhaftet würde. Musste schnell handeln.“ Die dritte Flucht ereignete sich 1968. Dieses Mal aus den USA nach West-Berlin und Istanbul. Ursache war der Vietnam-Krieg, in den der damalige Reservist der US-Armee geschickt zu werden drohte. „Einen anderen Menschen zu erschießen, kam für mich nie in Frage.“ Nach der ehrenhaften Entlassung aus dem Militärdienst kehrte er rund ein Jahr danach in die Vereinigten Staaten zurück.

Namenswechsel im Alter von 42

Es ist eine außergewöhnliche Biografie, auf die Jan Zaremba zurückblicken kann. Das Licht der Welt hatte er 1941 in Leipzig erblickt – allerdings unter dem Namen Peter Hirschfeld. Der Nachname ist jüdisch, stammt von der Familie mütterlicherseits. Auf Anordnung der Nazis musste er ihn annehmen. Der Wechsel in die heutige Form erfolgte 42 Jahre später. „Meine Mutter war gerade gestorben“, sagt er nachdenklich. „Nachdem ich die erste Hälfte meines Lebens ihren Namen trug, wollte ich in der zweiten Hälfte so wie mein Vater heißen.“ Eben Zaremba.

Die Namensänderung war ohne Weiteres möglich, weil der gebürtige Sachse bereits seit 1960 in Amerika lebte. Auf Geheiß seines Brieffreundes Ralph. Der hatte ihm zu Schulzeiten nicht nur eine waschechte Jeans zugesandt, sondern auch die Kosten für die Reise über den Atlantik übernommen. „Ich wohnte vier Jahre bei ihm in Hollywood. Er war Professor für Physik und wurde zu einem zweiten Vater für mich.“ Zaremba schwelt wieder in Gedanken, zieht an einer weiteren Zigarette und fährt fort: „Ralphs Lebenszweck war, anderen Menschen zu helfen. Ich weiß zum Beispiel, dass er mindestens zehn Deutschen eine College-Ausbildung ermöglicht hat.“

In dieser Zeit erwuchs auch der Wunsch, Künstler zu werden. Ein Beruf, den bereits der Vater ausgeübt hatte. Zaremba: „Ich besorgte mir eine Malausrüstung und malte zu Hause ein Bild. Danach betrachtete ich mich als Künstler.“ Sein Ingenieurstudium brach er kurzerhand ab, zog nach Venice, den kulturellen Knotenpunkt im Westen von Los Angeles, und begann ernsthaft zu malen – ein Kunststudium an der University of California, Los Angeles (UCLA) inklusive.

Von dieser Leidenschaft ist der Mann mit dem markanten Schnauzer seitdem nicht mehr losgekommen. Einzige Ausnahme: Mitte der 1970er Jahre trat er in ein Ashram ein, ein hinduistisches Meditationszentrum, das einem Kloster ähnlich ist. „Ich gab meinen Besitz auf und wurde Mönch“, erinnert sich der Brillenträger mit einem Lächeln. Er habe sich dort drei Jahre aufgehalten, meditiert und die Philosophien Indiens studiert. Es sei die einzige Phase seines Lebens gewesen, in der er glücklich war, obwohl er nie malte. Nach dem Verlassen des Ashrams – „die Idee der Keuschheit war mir auf Dauer zu viel“ – habe er das Gefühl gehabt, zu allem fähig zu sein.

Meister für fernöstliche Malerei

Fähig war Zaremba, unter der Leitung von Zen-Meister Hisashi Ohta die japanische Sumi-e-Maltechnik zu erlernen, die vollständige Konzentration und hochgradige Beherrschung des Materials erfordert. Mehr noch: Binnen kurzer Zeit avancierte er selbst zu einem Meister dieser Schwarz-Weiß-Kunst der Tuschmalerei. Ein Titel, den er aktuell als einziger Deutscher weltweit führt. „Ab 1982 habe ich am japanischen Kulturzentrum Sumi-e gelehrt“, rekapituliert Zaremba mit einer ihm eigenen Gelassenheit und ergänzt: „Ohne die Sprache zu können, habe ich 18 Jahre lang Japanern ihre eigene Kunst beigebracht.“ An einer sozialen Aussage sei der Sumi-e-Meister mit seinen Bildern nicht interessiert. „Mir geht es um geistige Balance. Kunst hat die Aufgabe, den Geist zu nähren und gesund zu halten, nicht zu mahnen.“

Jan Zaremba (rechts) mit Zen-Meister Hisashi Ohta, der zu Lebzeiten in Japan als „lebendiger Nationalschatz“ verehrt wurde. Quelle: privat

Inzwischen kann Zaremba, der von 2000 bis 2017 in Boston wohnte und seit 40 Jahren zum zweiten Mal glücklich verheiratet ist, auf zahlreiche Ausstellungen verweisen: etwa in Deutschland, Finnland, Mexiko, Japan und den USA. In seiner Geburtsstadt Leipzig, in die er unter anderem 10 000 Sumi-e-Bilder auf Papier und Seide mitgebracht habe, will er jetzt wieder mehr mit Öl malen. Das habe er zuletzt vernachlässigt. Und bei allem Groll gegen Amerika, sei er auch dankbar, dass er dort 57 Jahre lang leben durfte. „Denn die Multikulturalität ist eine Errungenschaft gerade der Vereinigten Staaten“, resümiert der Künstler, der sich selbst als Weltbürger und „Mensch zwischen zwei Stühlen“ betrachtet.

Von Matthias Klöppel

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