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Ruf nach Abrissbirne ist ein falscher Reflex

Nachwende-Architektur in Leipzig Ruf nach Abrissbirne ist ein falscher Reflex

Was kann weg? Mit dieser Frage provoziert Piraten-Stadträtin Ute Elisabeth Gabelmann derzeit eine öffentliche Debatte über gute und schlechte Architektur. Ihre Kritik: Immer öfter verschandeln Neubauten das Leipziger Stadtbild. Doch braucht es deshalb gleich einen virtuellen Abriss-Atlas? Dazu ein Gastbeitrag des Leipziger Kunsthistorikers Arnold Bartetzky.

Die Leipziger Innenstadt.

Quelle: André Kempner

Leipzig.

Ich teile das Unbehagen, um nicht zu sagen: das Leiden an unzähligen Leipziger Neubauten. Nach 1990 ist es gelungen, den Verfall der Stadt aufzuhalten und einen Großteil ihrer historischen Bausubstanz zu sanieren. Das ist eine historische Leistung, der Leipzig seine heutige Attraktivität verdankt. Aber man müsste schon mit Blindheit geschlagen sein, um zu übersehen, dass trotz einiger herausragender Einzelleistungen die Masse der Neubauten nicht annähernd an die baukünstlerische Qualität heranreicht, die in der Kaiserzeit, in der Zwischenkriegszeit und noch in den frühen DDR-Jahren Standard war.

Das Problem ist nicht nur die von Frau Gabelmann beklagte Uniformität der sterilen Fassaden, seien sie aus Stahl und Glas, schäbigen Steintapeten oder Putz über der mittlerweile unvermeidlichen Styroporverpackung. Nicht weniger deprimierend sind zeitgeistige Effekthaschereien, mit denen sich manch ein Bau in Szene zu setzen versucht, um schon nach wenigen Jahren wie ein peinlich gewordenes Möbelstück zu wirken, das auf den Sperrmüll gehört. Hinzu kommt der Maßstabsverlust: Die Stadt erlebt eine Invasion überdimensionierter Ungetüme, die sich ohne jede Rücksicht auf die Nachbarschaft ausbreiten. Es gibt viele Neubauten, die bei mir Augenschmerz bis Brechreiz hervorrufen. Dazu gehören etwa Galeria Kaufhof und die Höfe am Brühl, zu schweigen von den gebauten Gemeinheiten an der Peripherie wie Nova Eventis, Löwen-Center oder Paunsdorf-Center, bei deren Anblick Zerstörungslust aufkommen kann. Der Ruf nach der Abrissbirne, den Frau Gabelmann mit ihrer Initiative anstachelt, ist aber ein falscher Reflex. Schon allzu oft hat die Stadt unter Abrisswut gelitten.

Die DDR planierte viele Baudenkmale, die nicht zu ihrer Ideologie oder zu den Ost und West verbindenden städtebaulichen Konzepten der Moderne passten. Das Ergebnis waren die Verstümmelung des Stadtzentrums und der Vormarsch der Plattenbautristesse in die Gründerzeitviertel. Nach 1990 verschwanden unzählige Bauten der DDR-Moderne, die nun als Inbegriff stadtfeindlicher Architektur galten oder keine Nutzer mehr fanden. Über manch einen von ihnen würde man heute differenzierter urteilen, und dank des Wachstums der Stadt wären jetzt auch die Nutzungsperspektiven besser. Nach dem Leerstandsschock um 2000 wurde Leipzig außerdem zum Rekordhalter im Abreißen von Gründerzeithäusern, die vermeintlich nie wieder jemand brauchen würde. Heute wären sie begehrte Sanierungsobjekte.

Aus diesen Erfahrungen sollten wir lernen und aus der Schleife des Einstampfens unliebsamer Bauten herauskommen. Denn wir wissen heute nicht, wie künftige Generationen über sie urteilen und welche Verwendung sie für sie finden werden. So schwer es angesichts vieler gebauter Zumutungen fällt, sollten wir versuchen, uns mit dem Bestand zu arrangieren, ihm Zeit zu lassen und ihn behutsam weiter zu entwickeln. Umbau ist nicht nur kreativer, sondern auch ökologischer als Abriss und Neubau. Allein schon die Ressourcenökonomie verbietet es, Architektur als Wegwerfware anzusehen.

*Arnold Bartetzky ist Autor des 2015 erschienenen Buches „Die gerettete Stadt. Architektur und Stadtentwicklung in Leipzig seit 1989“. Er arbeitet als Kunsthistoriker am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Uni Leipzig.

Von Arnold Bartetzky*

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