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Lokales Die Schulz-Show in Leipzig: SPD-Kanzlerkandidat im Kunstkraftwerk
Leipzig Lokales Die Schulz-Show in Leipzig: SPD-Kanzlerkandidat im Kunstkraftwerk
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21:54 26.02.2017
Martin Schulz in Leipzig.  Quelle: imago/Christian Grube
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Leipzig

„Illusion“ und „Mut verändert alles“ steht am Tor und auf den Mauern des Kunstkraftwerks im Leipziger Westen. Das einstige Heizwerk in Lindenau dient als Podium für den Ost-Auftritt des designierten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz (61). Die Stimmung im überwiegend jungen Publikum ist gut. Annegret (21) und Oliver (24) beispielsweise hoffen, dass „sich in Deutschland etwas ändern wird“. Evelyn (23) wünscht sich „mehr frische Themen in der Politik“.

Sehen wollen den neuen Hoffnungsträger am Sonntagnachmittag viele, doch nur 800 von ihnen passen ins rappelvolle Kunstkraftwerk. „Zeit für mehr Gerechtigkeit. Zeit für Martin Schulz“ lautet das Motto, das aber zunächst eine ganz andere Bedeutung bekommt. Das Publikum muss eine Stunde Zeit für Schulz aufbringen. Die Leipziger Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe (37) plaudert inzwischen über Neueintritte und lässt Wünsche an eine SPD-geführte Bundesregierung auf Papptafeln aufschreiben. Da steht dann „Mehr Arbeit“, „Legalisierung von Cannabis“ oder auch „Mittelsachsen grüßt Martin. Wir lieben Dich“.

Schulz kommt an

14.07 Uhr ist es dann so weit: Martin Schulz, EU-Präsident a.D., realer Unions-Schreck und personifiziertes Beschäftigungsprogramm für Demoskopen, betritt unter großem Beifall den Saal. Und begrüßt Kolbe und den halleschen Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby (55) als „Kollegen der künftigen Regierungskoalition in Berlin“. Das kommt schon mal an.

Dann beginnt der Mann mit dem blanken Schädel und dem bartumrundeten Gesicht eine über einstündige leidenschaftliche Rede, die seine Popularität erklärbar macht. Weder Vorgänger Sigmar Gabriel (57) noch CDU-Kontrahentin Angela Merkel (62) können mit Wucht, aber auch Selbstironie mithalten. Ein Heimspiel ist es dennoch nicht für den Mann aus Nordrhein-Westfalen. Denn Mitteldeutschland ist – trotz Juniorpartnerschaften in den Landesregierungen Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens – kein einfaches Pflaster für die SPD.

„Der Mut der Leipziger Menschen von 1989 ist ein historisches Vermächtnis an die Bundesrepublik Deutschland“, sagt Schulz und punktet damit weiter. Nur durch diesen Mut sei Deutschlands Wiedervereinigung möglich gewesen.

Respekt und Gerechtigkeit

„Respekt“ ist ein Begriff, den Schulz gern und häufig in den Mund nimmt, während er aufgestützt auf den linken Ellenbogen und von einem Bein aufs andere tretend referiert. Respekt für die „Leute, denen es nicht so gut geht“. Respekt für die „Leute, die den Laden am Laufen halten“. Es sei Aufgabe der SPD, für Gerechtigkeit zu sorgen und damit Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu verdienen. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit für alle“, ruft Schulz und bekommt tosenden Applaus. Haushaltsüberschüsse dürften nicht in Steuersenkungen für Besserverdiener fließen, sondern müssten in Bildung, Innovation, Forschung und Infrastruktur investiert werden.

Das Thema Reform der Hartz-IV-Gesetze umschifft der Kandidatenfavorit aber tunlichst. Und womit genau Schulz in den Wahlkampf ziehen will, bleibt auch im Vagen. Man werde zuerst mit den Menschen reden, um ihre Bedürfnisse zu erkennen, verspricht der SPD-Politiker. Wahlplakate in der Halle zeigen zwei Kinder, die in eine Melone beißen und eine junge Familie mit Kind auf dem Arm. Da scheint noch Luft nach oben zu sein.

Applaus für die Schulz-Show

„Bildung muss gebührenfrei werden“ kommt zumindest gut an bei den anwesenden Studenten. Mehr Sicherheit, bezahlbarer Wohnraum – 14.37 Uhr nippt Schulz kurz am Wasserglas, um gleich darauf mit einem Bonmot fortzufahren. Die „digitale Revolution sei auch eine Verteilungsfrage“ stünde in seinem Manuskript und er habe auf der Herfahrt seinen Mitarbeiter im Auto fragen müssen: „Hast du das verstanden?“ – Gelächter. Beim Thema AfD läuft Schulz dann zu Hochform auf: Eine Partei, die einen Björn Höcke nicht rausgeworfen habe, sei „keine Alternative für Deutschland, sondern eine Schande für die Bundesrepublik“. Und: „Wer die freie Presse attackiert und von Lügenpresse spricht, der will ein anderes Land.“

Ein geschickter Schachzug ist es, sich selbst und seine Biografie immer wieder auf die Schippe zu nehmen und daraus dennoch Kompetenz abzuleiten. Kein Abitur, kein Studium, aus der Provinz – damit teile er, Schulz, die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen in Deutschland. Zum Schluss der Schulz-Show ruft er: „Auf die Frage ,Kann ein Mann ohne Abitur, mit Bart, Bundeskanzler werden?’ kann es am 24. September nur eine Antwort geben und die lautet: ja!“ Es ist 15.09 Uhr. Sieben Minuten donnernder Applaus von aufgestandenen Besuchern.

Zuletzt hatte Schulz im LVZ-Interview auch zur Gerechtigkeit in Deutschland und den eigen Chancen bei der Bundestagswahl gesprochen.

Von Roland Herold

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