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Lokales Sachsen-Dreier und Co.: Was sind Briefmarken noch wert?
Leipzig Lokales Sachsen-Dreier und Co.: Was sind Briefmarken noch wert?
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06:03 03.05.2018
Briefmarkenauktionator Knut Fortagne mit seiner Lieblingsmarke – dem Sachsendreier. Quelle: Andreas Döring/Wikipedia
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Leipzig

Auf den ersten Blick ist es vielleicht nur ein bunt-gezackter Papierschnipsel. Für manche aber der berühmte Sechser im Lotto, der auf einer Versteigerung ordentlich Geld bringen soll.

Knut Fortagne (64), einst jugendlicher Sammler, verdient seit 1978 als fachkundiger Briefmarken-Auktionator seinen Lebensunterhalt, quasi als Berufsphilatelist mit einem geschulten Auge für begehrte Postwertzeichen.

1992 machten sich er und seine Kollegin Christine Lipfert mit einem Briefmarkenauktionshandel selbstständig. Ihr schmales Leipziger Büro in der Straße des 18. Oktober ähnelt einem begehbaren Tresor. Überall stehen Kartons und Aktenschränke.

Hinter den Metalltüren lagern, sorgfältig verpackt, teils kleine Juwelen – von Sammlern eingeschickte und begutachtete Briefmarken, Sammelalben, gestempelte Ersttagsbriefe, frankierte Kuverts und Postkarten, die bei einer der dreimal im Jahr stattfindenden Versteigerungen den Besitzer wechseln sollen.

Fortange Quelle: Andreas Döring

Uns erklärt der erfahrene Spezialist, was es mit einem der teuersten deutschen Exponate auf sich hat und räumt mit dem Mythos auf, dass Briefmarken die Wertpapiere des kleinen Mannes seien.

Über drei Millionen Briefmarkensammler soll es in Deutschland geben und Sie sind einer davon. Wie kommt es, dass Sie ihr Hobby sogar zum Beruf machten?

Wie es mit jedem Freizeitbereich so ist, durchgeht auch der Hobbysammler eine Entwicklung. Erst einmal fängt man an, alles zu sammeln, um sich dann auf ein Gebiet zu spezialisieren. Später will man dann auch philatelistische Belege oder Ganzsachen mit eingedruckter Marke besitzen und beschäftigt sich mit der Postgeschichte. Als Auktionator konnte ich mein Wissen des Berufes wegen noch vertiefen.

Prominent: Ein Abbild des Grimmaer Rathauses war vor 18 Jahren Teil der deutschen Dauermarkenserie „Sehenswürdigkeiten“, die von 1987 bis 2004 aufgelegt wurde. Der Entwurf des Designer-Ehepaares Sybille und Fritz Haase erschien auf 308 Millionen Marken. 2004 wurde innerhalb der Reihe auch das Leipziger Bach-Denkmal geehrt. Quelle: Wikipedia/gemeinfrei

Insgeheim träumt doch jeder Sammler davon, eine Rote oder Blaue Mauritius zu besitzen. Oder welches Top-Exponat reizt sie?

Dazu muss man erst einmal wissen: Die beiden Marken wurden auf den Einladungsschreiben zu einem Gouverneurs-Ball im Jahr 1847 verschickt. Und da es eine Gästeliste gab, wusste man auch später noch, wer solch einen Brief bekommen hat.

Bei den Briefmarken, die heute noch erhalten sind, ist genau bekannt, wer diese besitzt: Die Queen hat einige Stücke oder auch das Postmuseum in Berlin hat ein Exemplar. Da kann keine mehr zufällig auftauchen. Von einem Sachsen-Dreier dagegen muss man nicht träumen, sondern nur das nötige Kleingeld haben.

Kostbar: Kaum größer als ein Daumen sind die beiden Mauritius-Marken mit dem Konterfei der britischen Königin Victoria, die übrigens auch auf der weltweit ersten Briefmarke, der One Penny Black von 1840 (rechts), abgedruckt war. Von der blauen existieren noch zwölf, von der roten 15 Exemplare. Ein Brief mit beiden wurde 1993 für umgerechnet fünf Millionen Euro versteigert. Quelle: Wikipedia/gemeinfrei

In der Döbelner Region ist der „Sachsen-Dreier“ eher als Laufwettbewerb bekannt, unter Philatelisten gehört dieser zu den teuersten deutschen Postwertzeichen. Was macht die kleine Rarität so wertvoll?

Es war die erste Marke in Sachsen – eigentlich gar nicht so selten, aber sie wurde vielfach zerstört, sodass nur noch wenige Exemplare existieren. Zeitungen wurden früher von einer Banderole zusammengehalten. Damit diese nicht herunterrutscht, waren Marken zur Hälfte auf die Zeitung und halb auf das Streifband geklebt, sodass diese beim Entfernen der Banderole zerrissen sind.

Nichtsdestotrotz war das eigentlich ein riesengroßer Fortschritt, denn bevor es Briefmarken gab, musste der Empfänger das Porto zahlen. Damit wurde festgelegt, dass es drei Pfennig kostet, Drucksachen innerhalb Sachsens zu transportieren.

Schmuckstück: Nach Bayern mit dem „Schwarzen Einser“ (rechts) folgte Sachsen als zweites Postgebiet in Deutschland mit eigenen Briefmarken. Drei Pfennig rot lautete der eigentliche Name des zahnlosen Sachsendreiers. Von den 1850 erstmals ausgegebenen Wertzeichen existieren heute noch drei- bis viertausend, größtenteils gestempelte Exemplare, die durchaus einige Tausend Euro bei Auktionen bringen können. Quelle: Wikipedia/gemeinfrei

Mit der Wiedervereinigung gilt das Sammelgebiet von DDR-Briefmarken als abgeschlossen. Können Marken eines untergegangen Staates reich machen?

Briefmarken sind keine Geldanlage. Eine Sammlung aufzubauen, hängt zwar vom Geldbeutel ab, aber bis auf Ausnahmen haben sie keinen materiellen Wert aus heutiger Sicht. Es ist nun mal so, dass junge Leute kaum noch Interesse am Briefmarkensammeln haben, weil es auch kaum noch den Bezug dazu gibt: Heute kann man fast schon ein Kreuz im Kalender machen, wenn auf einem Brief mal eine echte Marke drauf ist.

Wir verkaufen zum Beispiel komplette Sammlungen mit allen DDR-Marken für unter 500 Euro. Nur die wirklich ausgefallenen Stücke, die nicht zur Grundsammlung gehören, machen das Salz in der Suppe aus. Interessant für den Verkauf sind dann auch nur die ersten zehn Jahre von 1949 bis 1959, einschließlich Dienstmarken bis 1956 oder eine Marke, wie die von Wilhelm Pieck, die ein seltenes, senkrechtes Wasserzeichen besitzt.

Da reden wir dann – in bester Erhaltung – von 100 Euro aufwärts, allerdings nur mit Attest eines Prüfers, der die Echtheit bestätigt und entscheidet: Sekt oder Selters. Zuvor müsste man Tausende Marken untersuchen, bis man eine mit einem seltenen Wasserzeichen findet.

Schneiderkunst: Zum Briefmarken-Jahrgang 1966 der Deutschen Post der DDR zählten auch Postwertzeichen der Serie „Volkstrachten“. Die von Illustratorin Ingeborg Friebel gestalteten Motive zeigen zwei Personen in Altenburger Bauerngewand vor einem Fachwerkhaus. Die Frau trägt einen Faltenrock, der Mann eine weite Wildlederhose. Quelle: Wikipedia/gemeinfrei

Einst war der VEB Philatelie Wermsdorf der einzige in der DDR, der Briefmarken des Dritten Reiches für Devisen ins Ausland verkaufen durfte und damit Millionen-Beträge erwirtschaftete. Wie kam es dazu?

Als VEB-Betrieb hatten sie als einzige die Möglichkeit, diese anzukaufen und zu exportieren – nicht nur Hitler-Briefmarken, sondern auch viel DDR-Material, das hierzulande aufgrund des Außenhandels künstlich knapp gehalten wurde. So bekam man etwa nur drei Sätze oder es gab den Sperrwert für Sonderbriefmarken.

Dass man bedrucktes Papier gegen Devisen ins Ausland verkauft hat – etwas Besseres konnte der DDR eigentlich nicht passieren. Die Firma in Wermsdorf gibt es übrigens heute noch, sie beliefert Sammler und stellt viele Sammlererzeugnisse her.

Propagandamittel: Adolf Hitler wurde erstmals 1937 und von da an jährlich auf einer Briefmarke abgebildet. Die mehrfarbige Dauermarkenserie (1941–1945) zeigt immer die rechte Gesichtshälfte des Diktators im Profil. Die Alliierten brachten zudem zahlreiche Fälschungen in Umlauf: Eine etwa zeigt sein Porträt als Totenkopf, „Deutsches Reich“ wurde durch „Futsches Reich“ ersetzt. Quelle: Wikipedia/gemeinfrei

Zur DDR-Zeit waren Motive aus Leipzig noch sehr häufig, in der Bundesrepublik dagegen nur noch sehr selten auf Briefmarken vertreten. Woran liegt das?

Heute reicht jede Stadt oder jedes Bundesland, wenn ein Jubiläum ansteht, seine Vorschläge für eine Briefmarke ein, worüber dann ein Gremium entscheidet, welche gedruckt wird. Die Konkurrenz ist einfach größer geworden, die DDR war kleiner, Leipzig war neben Berlin und Dresden die größte Stadt gewesen und eine Briefmarke zur Messe war auch stets gesetzt.

Jubiläum: Der Briefmarken-Jahrgang 1958 der Deutschen Bundespost umfasste 20 Sondermarken, darunter eine zum 150. Geburtstag von Hermann Schulze-Delitzsch, dem Begründer des deutschen Genossenschaftswesens. 2008 wurde eine weitere Marke zum 200. Geburtstag des Politikers und Sozialreformers, der in Delitzsch aufwuchs, herausgegeben. Quelle: Wikipedia/gemeinfrei

Tatsächlich prangten Bilder der Leipziger Mustermesse auf über 100 Briefmarken. Was machte diese Themenreihe so beliebt?

In der DDR gab es zweimal im Jahr – im Frühjahr und Herbst – eine Ausgabe, die unter die Messegäste gebracht wurde und die beispielsweise auch fliegende Händler in der Stadt als Souvenirs verkauften. Von den Marken existieren relativ viele auf dem Markt, die auch günstig zu kaufen sind.

Pinzette und Lupe Quelle: Andreas Döring

Briefmarkenauktion

Die nächste große Briefmarkenauktion in Leipzig findet am 11. Mai (Beginn 15.30 Uhr) und 12. Mai, 9 Uhr, in der Tagungslounge, Katharinenstraße 6, statt. Über 3600 Lose (Startpreis zwischen 10 und 5000 Euro etwa für eine Zeppelin-Karte von 1919) kommen zum Aufruf. Mehr Informationen zu den angebotenen Stücken auf www.briefmarkenauktion-leipzig.de.

LVZ-Briefmarken

Die LVZ-Post bringt regelmäßig Sondereditionen zu Jubiläen und Marken mit Motiven aus Leipzig und Region heraus. Einen Überblick zu den aktuell erhältlichen Briefmarken erhalten Sie hier: www.lvz-post.de/philatelie.html

Von Benjamin Winkler

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