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Lokales Sachsens Finanzminister zum Paulinum: „Zweitteuerstes Bauwerk seit 1990“
Leipzig Lokales Sachsens Finanzminister zum Paulinum: „Zweitteuerstes Bauwerk seit 1990“
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00:21 24.08.2017
Georg Unland vor dem Paulinum. (Archivbild) Quelle: André Kempner
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Leipzig

LVZ: Nach der Feier am Mittwoch dürfen sich am Donnerstag interessierte Leipziger das Paulinum ansehen. Was erwartet sie?

Georg Unland: Ein Bau mit vielen Besonderheiten, der in vielerlei Hinsicht herausfordernd war. Leipzigs neuer Uni-Campus – zu dem das Paulinum gehört – ist nach dem Dresdner Schloss das zweitteuerste Bauwerk des Freistaates seit 1990 in Sachsen. Wir haben in den Campus eine viertel Milliarde Euro investiert. Das ist meines Wissens das größte Universitätsneubauprojekt seit der deutschen Wiedervereinigung – und das Paulinum ist ein spektakuläres Bauwerk, mit dem wir nun endlich fertig geworden sind.

Was ist im Inneren so spektakulär?

Zum Beispiel das Deckengewölbe. Es wurde nicht nach der Statik entwickelt, sondern nach optischen Gesichtspunkten. Das haben unsere alten Baumeister im Mittelalter nicht so machen können. Eine technologische Herausforderung waren auch die Vorgaben für die Nutzung: Das Paulinum soll Aula für die Universität und Kirchenraum sein, es soll für Konzerte und Kongresse genutzt werden. Deshalb brauchten wir eine variabel einstellbare Akustik. Wo gibt es das sonst noch? Meist wird ein perfekter Konzertsaal gebaut.

Sie haben Ende 2014 erklärt, dass es gut wäre, wenn im neuen Paulinum die aus der alten Universitätskirche gerettete Kanzel angebracht würde. Hängt sie bei der Übergabe im Dezember an ihrem Platz?

Das kann ich noch nicht beantworten. Es wird noch einmal eine Kanzelkommission geben. Sie soll herausfinden, ob, wie und wann die Kanzel angebracht wird. Die Ergebnisse der ersten Kommission wurden ja höchst unterschiedlich interpretiert.

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Einblicke ins Paulinum der Universität Leipzig. Die Räumlichkeiten sollen am Dienstag feierlich eröffnet werden.

Wie denken Sie darüber?

Ich glaube, man muss dieses Thema sehr differenziert sehen. Wir haben im gesamten Paulinum eine Kombination aus Neuem und Historischem. Denn es handelt sich um einen verwundeten Raum. Diese Wunde, die in der Geschichte geschlagen wurde, haben wir bewusst wieder aufgenommen. Die Kanzel ist ganz klar auch Bestandteil dieser Wunde. Die unterschiedlichen Auffassungen über den Umgang mit ihr sollten wir noch einmal austragen und dann entscheiden.

Was genau soll die neue Kanzelkommission herausfinden?

Es geht vor allem um eine reine Fachfrage: Kann man die Haltbarkeit der Kanzel gewährleisten, indem man das Raumklima ohne die Kanzel misst – so wie das einige meinen. Oder ist das nur zu beurteilen, wenn wir die Kanzel heute schon einbauen und das Raumklima wirken lassen?

Aber darüber wird seit Jahren geredet.

Und zu guter Letzt muss entschieden werden.

Sie sind oberster Bauherr – warum entscheiden Sie nicht?

Das geht nicht, weil die Kanzel Eigentum der Universität ist. Es muss eine gemeinsame Entscheidung geben. Ich höre dazu sehr unterschiedliche Meinungen aus der Universität.

Haben Sie Angst, dass die Kanzel wieder abgebaut wird, sobald die Universität das Gebäude übernommen hat?

Wir haben es bis heute geschafft, trotz extrem unterschiedlicher Vorstellungen immer zu einer Lösung zu kommen. Ich habe den Optimismus, dass wir auch für die Kanzel eine Lösung finden, mit der wir alle ganz gut leben können.

In Ihrer Einladungskarte zur Bauabschlussfeier laden Sie in die „Aula“ der Universität ein – nicht in die „Kirche“, wie die offizielle Sprachregelung auch gestattet hätte. Rückt der Freistaat von der Bezeichnung „Kirche“ ab?

Nein. Der Neubau heißt „Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli“, daran halten wir uns.

Wenn die Baukosten so stark aus dem Ruder gelaufen sind, sollte man doch eigentlich sparen. Warum gibt es trotzdem gleich zwei Feiern im Paulinum?

Wie ich gehört habe, möchte die Universität für die Einweihungsfeier im Dezember den Bundespräsidenten einladen. Unsere Baufeier hat einen anderen Charakter. Sie soll deutlich machen, dass ein ganz besonderer Bau mit sehr vielen Herausforderungen fertig wird. Wir wollen allen danken, die dazu beigetragen haben.

Es heißt, dieser Termin sei nur ein Wahlkampfauftritt für die sächsische CDU.

Den Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. Das Paulinum ist fertig und das wollen wir angemessen würdigen.

Statt der Rektorin spricht morgen zum Beispiel Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, die mit dem Bau überhaupt nichts zu tun hat, dafür aber in der CDU ist. Ebenso wie die beiden anderen Redner, Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Sie.

Dies ist eine Baufeier zum Abschluss einer der größten Baumaßnahmen des Freistaates und nicht die Eröffnungsfeier der Universität, die im Dezember stattfindet. Die Auswahl der Teilnehmer hat andere Gründe.

Welche?

Wir haben viel Unterstützung von außen erhalten, als wir nach der deutschen Wiedervereinigung in Sachsen eine exzellente Wissenschafts- und Hochschullandschaft aufgebaut haben. Ohne die EU und den Bund hätten wir das nicht stemmen können. Ich glaube, es ist angebracht, das auch durch einen Repräsentanten des Bundes deutlich zu machen. Deshalb haben wir die zuständige Bildungs- und Forschungsministerin Frau Wanka eingeladen, die übrigens in Leipzig studiert hat. Ebenso wie die Bundeskanzlerin. Außerdem haben wir in Sachsen immer prioritär Geld für Bildung, Hochschulen und Wissenschaft ausgegeben. Da ist der Ministerpräsident der Richtige, um das noch einmal deutlich zu machen.

Der Bau des Paulinums wurde monatelang von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Niemand durfte hinein. Warum haben Sie ein solches Geheimnis um diese Baustelle gemacht?

Wir haben regelmäßig Pressetermine durchgeführt. Das Interesse an den Glassäulen, da gebe ich Ihnen recht, war sehr groß. Dem sind wir nicht immer nachgekommen, weil das alles sehr experimentell war und wir Proben und Musterstücke hatten, mit denen wir nicht zufrieden waren und deshalb nicht in die Öffentlichkeit wollten. Wir gehen damit erst raus, wenn eine gewisse Qualität erreicht ist.

Sollte der Umgang mit Steuermitteln nicht so transparent wie möglich sein?

Wir haben die Kosten und die Zeitschätzungen immer offen kommuniziert.

Welche Gründe gibt es für die enorme Kostensteigerung?

Das ganze Paulinum war ein in vielerlei Hinsicht öffentliches Projekt, bei dem die unterschiedlichsten Vorstellungen aufeinander trafen. Aufgrund dieser Besonderheiten gab es sehr viele Prototyp-Entwicklungen wie die Glaswand und die Glassäulen. So etwas hatte zuvor noch keiner gebaut. Zur langen Bauzeit hat auch die eine oder andere wirtschaftliche Schwierigkeit beigetragen. Sie wissen ja, dass Firmen in Insolvenz gegangen sind. Außerdem gab es in der Bauphase rechtliche Auseinandersetzungen und Unvorhergesehenes wie einen Wassereinbruch im Fahrradkeller. Zu schaffen gemacht haben uns natürlich auch die ganz normalen Kostensteigerungen über die Jahre. Doch trotzdem ist es gelungen, das Projekt vollständig zu Ende zu bringen.

Wer trägt die Hauptverantwortung für die achtjährige Bauzeitüberschreitung und die enorme Kostenüberschreitung?

Die Ursachen und Gründe habe ich genannt, die Verantwortung trägt immer der Bauherr, also das sächsische Finanzministerium.

Und wer dort?

Die politische Verantwortung letztendlich immer der Minister. Sie können so ein Projekt aber nicht einstellen und halbfertig stehen lassen, weil die Kosten in die Höhe gehen. Das ist keine wirkliche Alternative.

Was wurde unternommen, um die Kostenüberschreitungen zu minimieren?

Ich glaube, wir haben alles probiert. Wir mussten aber auch einen Grundkonflikt zwischen den Rechten des Architekten und des Bauherrn lösen und diese Dinge leider gerichtlich klären lassen. Denn wir wollten durchaus Kosteneinsparungen vornehmen – konnten uns aber teilweise auf Grund der Rechtslage nicht durchsetzen. Das ist eine sehr komplexe Sache.

Haben Sie selbst versucht, die Kosten zu reduzieren?

Selbstverständlich. Ich habe mich zum Teil sehr intensiv um das Projekt kümmern müssen. Bei den Glassäulen habe ich mich sogar als Ingenieur zusammen mit meinen Mitarbeitern eingebracht.

In Deutschland laufen immer mehr öffentliche Großprojekte aus dem Ruder. Die Elbphilharmonie in Hamburg, Stuttgart 21, der Flughafen Berlin, die Oper Berlin. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Bei öffentlichen Gebäuden gibt es häufig noch in der Bauphase unterschiedliche Vorstellungen, die im Ursprungsentwurf nicht berücksichtig sind. Im Paulinum war zum Beispiel die Glaswand ursprünglich nicht vorgesehen. Ein öffentlicher Bauherr kann nicht wie ein privater alles so machen, wie er es sich vorstellt. Da sprechen viele gesellschaftliche Gruppen mit.

Könnte es nicht auch sein, dass Kommunen und Bauunternehmen unrealistische Kostenvoranschläge unterbreiten?

In unserem Fall halte ich das für nicht zutreffend. Die allermeisten Bauvorhaben des Freistaates werden innerhalb des Budgets abgerechnet. Wir gehen mit diesen Dingen nicht leichtfertig um. Gesetzlich sind wir als öffentlicher Träger aber gezwungen, stets den kostengünstigsten Anbieter zu nehmen. Private Bauherren sind da in ihrer Entscheidung freier.

Das klingt, als müssten Gesetze verändert werden, um für mehr Kostendisziplin zu sorgen. Welche meinen Sie?

Es besteht auf jeden Fall Handlungsbedarf. Änderungen der Gesetze und Vorschriften wären sehr sinnvoll. Öffentliche Bauherren sollten mehr Möglichkeiten erhalten, während des Bauprozesses Kosten zu reduzieren. Es gibt Fälle, in denen das Budget im Zaum gehalten werden könnte, wenn die Rechte des Bauherrn nicht derart begrenzt wären.

Interview: Andreas Tappert, Andreas Debski

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